Von den Römern zu den Lipizzanern

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Archäologische Rettungsgrabungen des Bundesdenkmalamts im Hof der Wiener Stallburg führten im Winter 2004/05 zur Freilegung von Resten der einstigen römischen Lagervorstadt und eines mittelalterlichen Stadtviertels

Im Zuge der mehrmonatigen Grabungen im Innenhof der Stallburg wurden mehr als 2800 Befunde (sogenannte stratigrafische Einheiten, also etwa Mauern, Gruben oder Planierungsschichten) digital und dreidimensional erfasst; jede Einheit wurde so in ihrem räumlichen Zusammenhang und ihrer Beschaffenheit genau dokumentiert. Die derzeit noch laufende Aufarbeitung der Grabungsbefunde und -funde erbrachte faszinierende neue Details zur Geschichte des Areals von der Römerzeit bis heute.

Handwerkersiedlung an der Limesstraße

Prägend für die Geschichte des Viertels in der Römischen Kaiserzeit war die Lage an der Limesstraße (etwa der Verlauf der heutigen Straßenzüge Herrengasse, Reitschulgasse und Augustinerstraße), der Hauptachse der südlich des Legionslagers von Vindobona gelegenen Lagervorstadt. Um 100 n. Chr. begann die Besiedlung des Geländes mit Holzbauten. Neben handwerklichen Einrichtungen für Eisenverarbeitung konnte auch ein gut erhaltener Töpferofen erfasst werden. Im Laufe des 2. Jahrhunderts wurden an Stelle der Holzbauten zwei durch eine 6 m breite Straße getrennte „Streifenhäuser“ errichtet. Diese lang gestreckten Gebäude mit Steinunterbau und Wänden aus Holz und Lehmziegeln waren zum Teil mit Mörtelböden und Heizkanälen ausgestattet und dienten sowohl Wohn- als auch Arbeitszwecken. Bereits im Verlauf des 3. Jahrhunderts wurde das Viertel verlassen.

Stadterweiterung im 13. Jahrhundert

Auf dem Gelände der späteren Stallburg bildete sich nach dem Ende der römerzeitlichen Besiedlung eine dunkle Ablagerung über den Ruinen, die als „schwarze Schicht“ oder „dark earth“ bezeichnet wird und von zahlreichen Stellen in Wien, aber auch aus anderen ehemaligen römischen Siedlungsplätzen in ähnlicher Form bekannt ist. Neu erschlossen wurde das Areal erst im frühen 13. Jahrhundert, offenbar im Verlauf der Stadterweiterung unter Herzog Leopold VI. (1198-1230). Aus dieser Zeit stammen Reste einfacher Holzbauten sowie verschiedene Gruben, die ursprünglich handwerklichen Tätigkeiten und später der Abfallentsorgung dienten. Im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts entstanden große Steingebäude, die generell für das spätmittelalterliche Wien charakteristisch sind. Tiefe Fundamente deuten auf massive Obergeschoße hin. Drei schmale, zur mittelalterlichen „Hochstraße“ (der ehemaligen Limesstraße) orientierte und mehr als 35 m lange Grundstücke konnten nachgewiesen werden; zum Teil können sie noch mit überlieferten Grundherren und Besitzern in Verbindung gebracht werden. Zu den herausragenden Befunden zählt eine gemauerte Latrine, die im 15. Jahrhundert im rückwärtigen Bereich eines Steingebäudes errichtet und bereits in den Jahrzehnten um 1500 wieder aufgegeben wurde. Daraus stammen mehr als 150 Keramik- und Glasgefäße sowie pflanzliche und tierische Reste, die Rückschlüsse auf die Essgewohnheiten jener Zeit erlauben.

Das kaiserliche Residenzviertel

1480 verkaufte der niederösterreichische Adelige Bernhard von Tiernstain sein Stadthaus an den Kaiser, womit die Umwandlung des Viertels begann. Die hier bestehenden mittelalterlichen Häuser wurden für den geplanten Bau eines Klosters und einer Kirche geschleift. Im Norden der Grabungsfläche wurde die Südmauer dieser sogenannten „Öden Kirche“ freigelegt. Lage und Dimensionen der schriftlichen Quellen zufolge nie fertiggestellten spätgotischen Hallenkirche zeigt der Stadtplan von Bonifaz Wollmuet aus dem Jahr 1547. Bereits ab 1558 wurde auch die „Öde Kirche“ abgetragen und die Stallburg errichtet, die als ein Höhepunkt der Wiener Renaissance-Architektur Residenz und Stall kombiniert und noch heute die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule beherbergt. Auch für die Zeit des Barock und Klassizismus ließen sich bauliche Veränderungen, für die bereits zahlreiche Schrift- und Bildquellen vorliegen, nachweisen. Neben dem barocken Versorgungsnetz der Stallburg aus Ziegelkanälen und weiteren Anbauten im Hof (etwa einer Wagenremise) wurde ein 16,2 m tiefer und noch heute Wasser führender Brunnen aus dem Jahr 1675 dokumentiert.

Die Ausgrabungen in der Stallburg konnten somit einen bedeutenden neuen Beitrag zur Wiener Stadtgeschichte liefern, insbesondere zur Architektur- und Sozialgeschichte des Viertels um die Hofburg. Eine Publikation der vielfältigen Ergebnisse in der Reihe „Fundberichte aus Österreich, Materialhefte A“ ist in Vorbereitung.