„Der Schmeckende Wurm“

Eingeborener und Missionar im Vordergrund; im Hintergrund das Meer; am oberen Bildrand ein krokodilartiges Tier
Schmiedeeisernes Hauszeichen und Geschäftsschild des Durchhauses Wollzeile 5 ("Schmeckender Wurmhof"), 18. Jahrhundert Eine kulturhistorische Rarität stellen das blecherne Ungeheuer und das Tafelbild aus dem 18. Jahrhundert dar, die einstmals Hauszeichen am „Schmeckenden Wurmhof“ bzw. Geschäftsschild für einen Kolonialwarenladen in diesem Gebäude waren. Beides konnte in einer Auktion des Wiener Dorotheums vom Verein der Freunde des Wien Museums erworben werden. Das große Lexikon von Groner berichtet über ein altes Hauszeichen in Form eines blechernen, lindwurmartigen Ungeheuers, das bis weit ins 19. Jahrhundert an der Fassade des „Schmeckenden Wurmhofs“, einem Durchhaus zwischen Lugeck und Wollzeile, befestigt war.

An dieses Haus knüpfen sich einige Sagen: Vor langer Zeit soll im Keller des Gebäudes ein lindwurmartiges Ungeheuer aufgefunden worden sein. Aufgrund des Ekel erregenden Gestanks, den das Monster verströmte, wurde das Haus von da an „Schmeckender (= Riechender) Wurmhof“ genannt. Entsprechend dieser Bezeichnung soll der Kolonialwarenhändler Thomas Racher gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein Blechkrokodil zwischen seinem Laden im Erdgeschoß und einem Fenster des ersten Stockwerks befestigt haben. Ein junges Mädchen namens Salome Schmiedhuber, das hier wohnte, soll leidenschaftlich, aber vergeblich von einem Studenten verehrt worden sein. In der Nacht vor ihrem Geburtstag befestigte der unglückliche Verehrer einen Blumenstrauß zwischen den Vorderbeinen des blechernen Lindwurms. Die spröde Maid ließ den Strauß jedoch dort stecken, wo er langsam verwelkte. Die spottlustigen Wiener lachten noch lange Zeit über den Wurm, der hingebungsvoll an den Blumen „schmeckte“ (= schnupperte). Das Blechungetüm war noch bis in die Fünfzigerjahre des 19. Jahrhunderts an dem Haus angebracht. Die Bezeichnung „Schmeckender Wurmhof“ blieb gar bis weit ins 20. Jahrhundert populär.

So die Sage – hinter Haus- und Geschäftszeichen steckt jedoch mehr als erbauliche Geschichten.

Haus- und Straßennamen, die der Orientierung im Stadtgefüge dienen, waren lange Zeit nicht üblich. Straßennamen, die sich etwa an lokalen Gegebenheiten oder bestimmten Gewerben orientierten, wurden in Wien seit der Mitte des 13. Jahrhunderts gebräuchlich und bis ins 18. Jahrhundert mündlich tradiert. Erst Kaiser Joseph II. verfügte die Anbringung von Straßenbezeichnungen an Hauswänden.

Die Anfänge der Häusernummerierung datieren in Wien in das 16. Jahrhundert (Bei der ersten Hauszählung 1566 erhielt die Wiener Hofburg natürlich die Nummer 1). Erst 1773 wurde unter Maria Theresia nach einer neuerlichen Hauszählung eine exakte Nummerierung eingeführt. Der "Schmeckende Wurmhof", damals im Besitz von Anton Rathgebs Erben, erhielt die Konskriptionsnummer 814. Die angeordnete Häusernummerierung hatte jedoch mit gewissen Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen: Für die Verweigerung oder Unkenntlichmachung einer Nummer mussten Geld- und sogar Leibesstrafen angedroht werden. Der Brauch, Schriftstücke mit dem Hausnamen zu adressieren, blieb trotzdem noch länger bestehen. Die heute übliche Art der Nummerierung mit geraden und ungeraden Hausnummern je nach Seite innerhalb eines Straßenzugs wurde überhaupt erst 1862/63 festgelegt.

Bis zur Einführung der Häusernummerierung dienten Hausnamen und Hauszeichen neben Straßen- und Platzbezeichnungen der Orientierung in der Stadt, da die Mehrheit der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte. Hausbesitzer und Kaufleute zogen ab der Mitte des 12. Jahrhunderts zur Kennzeichnung ihrer Gebäude und Geschäfte bildliche Darstellungen in einprägsamer Form und Zeichensetzung heran, die zwischen Erdgeschoß und erstem Stock über der Haustür oder an der Gebäudeecke angebracht wurden. Geschäftsschilder, Vorläufer der heutigen Reklametafeln, wurden entweder direkt an die Fassade oder auf Holztafeln gemalt, die an den Innenseiten der Ladentüren oder Fensterläden montiert wurden.

Manche der Hauszeichen waren so prägnant, dass sie auch für die Benennung von Gassen maßgeblich wurden. So wurde etwa das barocke Hauszeichen „Zur schönen Laterne“, das bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts in der Schönlaterngasse 6 in der Inneren Stadt angebracht war und heute im Wien Museum (eine Kopie aus jüngerer Zeit wurde an der Hausfassade angebracht) aufbewahrt wird, namensgebend für den kleinen Straßenzug. Auch die ehemalige Igelgasse (heute: Johann Strauß-Gasse) in Wieden ist nach dem Hauszeichen „Zum Roten Igel“ (Ende 18. Jahrhundert, heute: Wien Museum) benannt. Diese vielfältige und bunte Bilderwelt auf den Häuserfassaden verlor mit der Einführung der Konskriptionsnummern gegen Ende des 18. Jahrhunderts allmählich an Bedeutung. Doch noch gegen 1790 erschien ein „Wiener Schildregister oder Anweisung, wie man sich auf der Stelle helfen kann, wenn man in Wien den Schild eines Hauses oder eines Kaufmannsgewölbes in und vor der Stadt suchen und ihn finden will." In der Stadt und den Vororten existierten damals zahllose Haus- und Geschäftsschilder gleichen Namens. So findet sich etwa das Hauszeichen "Zur schönen Laterne" auch in den Vorstädten Altlerchenfeld, Leopoldstadt und Mariahilf. Vorwurfsvoll bemerkt der unbekannt gebliebene Verfasser des "Schildregisters": " Wer kann das sogleich wissen, wo die alle stecken, und wie kann es der Briefträger erfahren, wo er den Brief abzugeben hat."

Wohlhabende Hauseigentümer schmückten ihre Fassade mit in Stein gemeißelten Figuren. Als eines der wenigen Wiener Hauszeichen aus mittelalterlicher Zeit hat sich etwa das spätgotische Relief mit der Taufe Christi im Jordan am Haus Judenplatz 2 „Zum großen Jordan“ in der Inneren Stadt erhalten: Dessen Bezeichnung bezieht sich auf einen Besitzer des späten 15. Jahrhunderts, Georg Jordan, der auch die darunter liegende Inschrifttafel anbringen ließ, die auf die „Wiener Gesera“, das Pogrom an der jüdischen Gemeinde 1421, anspielt.

Ab dem 16. Jahrhundert gewannen Hauszeichen als Schmuck eines Hauses besondere Bedeutung: Üblich wurden Wappenskulpturen, Gesichtsmasken, Löwenköpfe oder religiöse Darstellungen. Es bürgerte sich auch der Brauch ein, ganze Sätze als Hausaufschriften und Zeichen zu wählen. Unter einer barocken Fassade wurde in den späten Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts das heitere Wandbild „Wo die Kuh am Brett spielt“ freigelegt. Hintergrund derartiger Darstellungen waren die Religionsstreitigkeiten des 16. Jahrhunderts zwischen Protestanten und Katholiken. Diese und andere Bezeichnungen, wie „Zum schmeckenden Wurm", "Zum küß den Pfennig", "Zum schab den Rüssel“, wurden in späterer Zeit Gegenstand beliebter Wiener Lokalsagen.

Der schmiedeeiserne "Schmeckende Wurm" weist große Ähnlichkeit mit einem Krokodil auf. Stopfpräparate von Krokodilen, die im Volksglauben als "Drachen" bzw. "Lindwürmer" galten, wurden in barocker Zeit zur Abwehr des Bösen in Toreinfahrten gehängt. An diesen weit verbreiteten Aberglauben erinnern etwa der "Brünner Drache" im Rathaus von Brünn oder der "Lindwurm" auf Burg Forchtenstein. An beide Örtlichkeiten sind ebenso wie beim "Schmeckenden Wurmhof" die entsprechenden Sagen geknüpft.

Im Wien Museum werden neben Hauszeichen auch Geschäftsschilder aus ganz Wien bewahrt: etwa jenes der Schlosserei Joseph Stockinger, ehemals Gumpendorferstraße 9 (um 1790) oder jenes eines Zuckerbäckers, ehemals Josephstädterstraße 27 in Wien-Josephstadt (1785). Das spätbarocke Geschäftsschild "Zum schwarzen Kameel" des tradtionsreichen Lokals gleichen Namens konnte immerhin als Teil der Innenausstattung des Restaurants erhalten werden.

Die malerische, bildhafte Darstellung des Kolonialwarenladens „Zum schmeckenden Wurm“ geht auf ein Blatt aus einer Serie von Chinoiserie-Radierungen von Elias Baeck zurück, die um 1730 herausgegeben wurde. Unsere Tafel zeigt einen Schwarzen mit Federkrone und einem mit ihm sprechenden Chinesen. Sie verkörpern die Erdteile Afrika und Asien. Von diesen Kontinenten stammen die im Fass, den Kisten und dem geöffneten Sack verwahrten Spezereien und Gewürze. Der Zustand der Tafel, die an der Innenseite eines Fensterladens oder einer Tür befestigt war, ist sehr gut, da sie nur tagsüber zu den Geschäftszeiten den Witterungseinflüssen ausgesetzt war.

Nur einige Geschäfts- und Hauszeichen von Alt-Wien haben sich erhalten: in situ sind wenige der älteren Hauszeichen zu finden, wie etwa jenes „Zum großen Jordan“, alte Geschäftsschilder werden fast ausschließlich museal bewahrt.

Aufgrund der kulturhistorischen Bedeutung wurde vor der Auktion im Wiener Dorotheum die Einleitung einer Unterschutzstellung angekündigt. Umso erfreulicher ist der Erwerb für das Wien Museum, wo Haus - und Geschäftszeichen "Zum schmeckenden Wurm" derzeit als Neuerwerbungen ausgestellt sind.