Eigenhändiger Brief von Erzherzogin Gisela von Österreich (1856 - 1932)

handschriftlicher Brief
Eigenhändiger Brief mit Unterschrift von Erzherzogin Gisela von Österreich, verh. Prinzessin von Bayern (1856 bis 1932) an Joseph Latour von Thurmburg - Schönbrunn, 13.9.1898; 3 1/2 Seiten, Trauerrand, Klein-Oktav-Format - Ankauf durch die Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsgesellschaft m.b.H. Erzherzogin Gisela, 1856 als zweites Kind von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth geboren, hatte, ähnlich wie ihr Bruder Kronprinz Rudolph, ein äußerst vertrauensvolles Verhältnis zu Joseph Latour von Thurmburg (geboren 1820), der seit 1864 dem Kronprinzen als Erzieher zugeteilt war.

Latour, der das Vertrauen sowohl von Franz Joseph als auch insbesonders von Elisabeth genoß, war seit ungefähr 1860 als Flügeladjutant in der Nähe der kaiserlichen Familie. Er hatte zuvor an der Universität Wien Jus studiert und war einige Jahre als Beamter in Graz bzw. in Wien in der Hofkanzlei tätig, bevor er 1848 eine Karriere beim Militär begann. 1864 zur Dienstleistung bei Kronprinz Rudolph bestimmt - er löste damit den für den Kronprinzen denkbar ungeeigneten Generalmajor Leopold Graf Gondrecourt ab - erhielt er 1870 offiziell den Titel "Erzieher des Kronprinzen", was er bis 1877, dem Ende der Studienzeit Rudolphs, blieb. Latour nahm eine überragende Rolle im Leben von Rudolph, aber auch von Erzherzogin Gisela ein: Er genoß deren unbegrenztes Vertrauen, kannte deren Privatleben bis in die kleinsten Details und wurde von ihnen auch immer wieder in allen Bereichen um Rat und Hilfe gebeten. Dieses enge Verhältnis blieb auch nach dem Ende der Studienzeit des Kronprinzen bestehen: Rudolph nannte ihn mitunter "das liebe Alterle" und unterschrieb in seinen Briefen an Latour, in denen er seine Gedanken und Vorstellungen sehr offen formulierte, oft mit "in treuer Freundschaft".

Auch Erzherzogin Gisela, die schon mit 16 Jahren den Prinzen Leopold von Bayern, den zweiten Sohn des späteren Prinzregenten Luitpold geheiratet hatte, blieb mit Latour in ständigem Kontakt. An ihn sind die wenigen bekannten sehr persönlichen Briefe Giselas gerichtet, so der vorliegende, überaus berührende Brief nach der Ermordung ihrer Mutter Kaiserin Elisabeth am 10. September 1898 in Genf. Sie bedankt sich bei Latour für die "so warmen, teilnehmenden Worte" und schildert ihre eigenen Gefühle, ebenso wie auch die ihres Vaters, Kaiser Franz Josephs.

"Es ist so entsetzlich, so gräßlich, wir können es noch gar nicht fassen! Und alles so in der Ferne, wie ein böser Traum, etwas, das einen furchtbar drückt und das man abschütteln möchte, um sich Luft zu machen. Der Gedanke Mama nie wieder zu sehen, nicht einmal im Tode, das kann man sich gar nicht vorstellen! Und doch sind wir, die sie so genau kannten, überzeugt, ihr ist es ganz recht so, sie hätte es sich gar nicht anders gewünscht und ist zufrieden mit Rudolf vereint und weiß nun dieses Geheimnis, das uns Anderen so rätselhaft scheint. Papa ist ruhig und sichtlich von Gott gestärkt, ich fürchte noch den Rückschlag, wenn alles vorbei ist. Georg (= Prinz von Bayern, der älteste Sohn Giselas) kam gestern aus Bayern und ist sehr angegriffen; er sah Mama zuletzt von uns allen bei ihrer Durchreise durch München. Leben Sie wohl lieber Latour, Ihnen und Ihrer lieben Frau herzliche Grüße von Ihrer dankbaren Gisela."

Die hervorragende Bedeutung liegt nicht nur im historischen Anlaß für den Brief, nämlich der Ermordung der Kaiserin Elisabeth, sondern auch darin, daß es nur wenige derart persönliche Briefe aus dem Kaiserhaus und von Erzherzogin Gisela gibt. Der Brief, der auf einer Auktion des Wiener Dorotheums zur Versteigerung gelangte, wurde daher vom Bundesdenkmalamt seiner besonderen historischen und kulturgeschichtlichen Wichtigkeit wegen gemäß §§ 1 und 3 des Bundesgesetzes vom 25. September 1923, BGBl. Nr. 533/23 (Denkmalschutzgesetz), in der Fassung des Bundesgesetzes BGBl. I Nr. 170/1999 unter Denkmalschutz gestellt.

Weitere Informationen zum Denkmalschutzgesetz in der Abteilung für Ausfuhrangelegenheiten Letztes Update: 07.12.2000 © Copyright 2000 BUNDESDENKMALAMT