Jupiter am See in Oberösterreich

Bleifigürchen in der Hand eines Archäologen
Fundmeldungen gehören zum Alltag des Bundesdenkmalamtes; alle tragen zur Landkarte des archäologischen Erbes bei, im letzten Sommer führte eine zur Entdeckung eines römischen Opferplatzes bei Scharnstein in Oberösterreich und damit zu einer neuen Perspektive auf römisches Leben im Almtal.

Fragmente kleiner Bleifiguren waren ans Tageslicht gekommen - und bei der vom Bundesdenkmalamt beauftragten Nachgrabung fand man noch weitere. Die Figürchen dürften um das zweite oder dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung verborgen worden sein und zeigen Götterbilder aus der römischen Kaiserzeit, etwa Jupiter und Victoria.

Es sind Votivfiguren, wie sie in römischen Siedlungen und Heiligtümern in großer Zahl gegossen wurden, nicht unähnlich den Devotionalien, die man in Wallfahrtsorten erwerben kann. Sie waren flach, billig aus Blei oder Zinn hergestellt, und es gab sie in unterschiedlichsten Ausformungen: beidseitig ausgearbeitet, mit glatter Rückseite oder mit Ösen versehen. Diese Figürchen werden nicht nur in sakralen Räumen, sondern auch in der Natur am Wasser gefunden. Sie dürften als Gabe an die Götter abgelegt oder eingegraben worden sein - verbunden mit einem Gelübde oder einer Bitte um Schutz bei einer gefährlichen Reise.

Der Opferplatz in Scharnstein liegt an einer Hangkante. Die Landschaft hat sich in der Römerzeit geändert: Was heute landwirtschaftlich genutztes Tal ist, war damals Sumpfgebiet, nordwestlich der Fundstelle gab es einen kleinen See. Es könnten sich hier mehrere Wege gekreuzt haben: Im Osten führt ein Pass ins Tal der Krems, im Westen kommt man zum Traunsee, im Norden nach Wels, dem römischen Ovilava.

Und diese Wege könnten noch deutlich früher begangen worden sein: neben den Votivfiguren fand sich ein bronzenes Lappenbeil, und das war noch um 1000 Jahre älter, und auch eine urnenfelderzeitliche Bronzenadel. Sind diese Stücke Beleg für eine viel längere Nutzung des Platzes? Oder waren auch sie römerzeitliche Opfergaben, Funde, die hier in der Antike wieder vergraben wurden?

Und ist in der Nähe vielleicht noch mehr zu finden? Es gibt Spuren mehrerer römischer Gebäude im unteren Almtal, aber die bekannten Fundorte liegen alle in flacherem Gelände. Hat sich das römische Siedlungsgebiet bis in diese damals unwirtlichere Gegend erstreckt, wurde die kleine Kultstätte von Menschen genutzt, die in der Nähe einen landwirtschaftlichen Betrieb, eine villa rustica bewohnten? Zehn bis fünfzehn Figürchen sind es wohl, die hier geopfert wurden, für ein nur von Durchreisenden genutztes Wegheiligtum ist das viel. Der Fund einiger kleiner Bleistückchen hat Fragen aufgeworfen, die die Archäologie Oberösterreichs noch lange beschäftigen werden.