Computertomografie und Archäologie

archäologische Ausgrabung © Kulturpark Hengist, Wildon (Christoph Gutjahr)

Forschungsgegenstand des an der Abteilung für Archäologie seit 2012 laufenden Pilotprojektes ist das übernational bedeutende Gräberfeld auf den Herrschaftsäckern (Weitendorf bei Wildon, Gst. Nr. 550, 365/4; KG Kainach, MG Wildon), das sich durch eine Vielzahl bedeutender und restauratorisch anspruchsvoller Grabbeigaben auszeichnet.

Als Kooperationspartner des Forschungsprojektes konnten ab 2013 die Firmen ASFiNAG und Siemens Österreich gewonnen werden, deren finanzielle Unterstützung für den Fortgang ganz wesentlich war und nach wie vor ist. Ausgegraben wurde das Gräberfeld durch den Verein Kulturpark Hengist in den Jahren 2004 bis 2007 (Grabungsleitung 2004: M. Roscher, Grabungsleitung 2005 bis 2007: Ch. Gutjahr).

Insgesamt konnten 280 Objekte als Gräber angesprochen werden. Sie weisen häufig ein umfangreiches Keramikinventar auf und bei einer größeren Anzahl von Gräbern wurden auch Metallfunde wie Bronzemesser, -nadeln etc. gefunden. Die meisten Keramikgefäße, zum Teil aber auch vollständige Grabbefunde wurden en bloc geborgen; insgesamt werden derzeit etwa 350 Blöcke gelagert. Proberestaurierungen hatten das Potenzial und die konservatorischen Herausforderungen rasch aufgezeigt, sodass anhand von ausgewählten Blockbergungen mittels des Projektes versucht wird, neue Maßstäbe in einer auf die Authentizität der Objekte ausgerichteten Restaurierung zu setzen.

Mit diesem Pilotprojekt soll eine erste konkrete Überprüfung der Auswertbarkeit von virtuellen 3D-CT-Daten von im Block geborgenen Grabbefunden für die Restaurierung und Konservierung, die Anthropologie sowie die Archäologie erfolgen. Anhand einer Auswahl von vier Grabbefunden wurden die Möglichkeiten und Grenzen der Auswertung virtueller Daten im Vergleich zu einer herkömmlichen Bearbeitung untersucht und für die archäologische Auswertung der virtuellen Bilddateien konkrete Methoden der praktischen Umsetzung erarbeitet, die sich im Ergebnis an herkömmlichen archäologischen Zeichnungen orientieren. Auch der Aufwand sowie die Grenzen dieser neuen Methode der anthropologischen (Vor-)Auswertung wurden näher betrachtet.

Von der vierstufigen Projektgliederung konnten bisher drei Phasen abgeschlossen werden, sodass ein Zwischenergebnis im Zuge eines Fachgespräches am 4. April 2016 präsentiert wurden – nicht zuletzt auch, um die Fachwelt möglichst rasch an den international bedeutsamen Ergebnissen teilhaben zu lassen. Aktuell läuft Phase 4 des Projektes, die manuelle Restaurierung, die 2017 abgeschlossen werden soll. Durch CT-Untersuchungen ergeben sich neue Fragestellungen und Probleme in der Freilegung des Befundes Hand in Hand mit besserer Auswertungsqualität und mehr Information vorab sowie neuen Zugängen bei der Konservierung. Seitens der Bodendenkmalpflege sind – neben diesen bedeutenden Erkenntnissen zu neuen Abläufen in der Restaurierung, die sich aus den Ergebnissen einer computertomografischen Untersuchung ergeben – insbesondere auch die Möglichkeiten einer Auswertung (sowohl archäologisch als auch anthropologisch), die vor allem für sehr große Befundkomplexe eine möglicherweise nicht finanzierbare Komplettfreilegung und Restaurierung ersetzen können, von großem Interesse.

Die Untersuchungen des Pilotprojektes zeigen das Potenzial und die Unsicherheiten einer rein virtuellen Freilegung auf und wurden im Anschluss an die Präsentation auch vom Fachpublikum angeregt diskutiert. Abgerundet wurde das Fachgespräch durch Vorträge aus ähnlich gelagerten Untersuchungen, die einen breiteren Einblick in die Materie vermitteln sollten und weitere Anwendungsmöglichkeiten von Computertomografie in Restaurierung und archäologischer Auswertung aufgezeigt haben.

Literatur:

Christoph Gutjahr, Das urnenfelderzeitliche Gräberfeld Kainach bei Wildon. Ein Zwischenbericht, Hengist-Magazin. Zeitschrift für Archäologie, Geschichte und Kultur der Mittelsteiermark 2005/2, 7.

Christoph Gutjahr, Mittel- bis frühspätbronzezeitliche Gruben aus dem Bereich des Gräberfeldes Kainach bei Wildon, Gem. Weitendorf, Stmk. In: Christoph Gutjahr und Georg Tiefengraber (Hrsg.), Beiträge zur Mittel- und Spätbronzezeit sowie zur Urnenfelderzeit am Rande der Südostalpen. Akten des Internationalen Symposiums am 25. und 26. Juni 2009 in Wildon/Stmk., Hengist-Studien 2, Rahden 2011, 141–206.

Christoph Gutjahr, Ein frühurnenfelderzeitliches Brandgrab aus dem Gräberfeld Kainach bei Wildon, Gem. Weitendorf, Stmk. In: Christoph Gutjahr und Georg Tiefengraber (Hrsg.), Beiträge zur Mittel- und Spätbronzezeit sowie zur Urnenfelderzeit am Rande der Südostalpen. Akten des Internationalen Symposiums am 25. und 26. Juni 2009 in Wildon/Stmk., Hengist-Studien 2, Rahden 2011, 207–218.

Christoph Gutjahr und Martina Trausner, Das älteste Grab der Steiermark? Eine frühurnenfelderzeitliche Bestattung aus Weitendorf, Hengist-Magazin. Zeitschrift für Archäologie, Geschichte und Kultur der Mittelsteiermark 2009/1, 4–5. Bernhard Hebert, Projekt »Computertomografie und Archäologie«. In: Bernhard Hebert und Nikolaus Hofer, Archäologie im Bundesdenkmalamt 2013, FÖ 52, 2013, 36–38.

archäologische Ausgrabung © Grafik: Kulturpark Hengist, Wildon (Manuela Arneitz).
archäologische Ausgrabung © Anne Klatz
archäologische Ausgrabung © Anne Klatz
archäologische Ausgrabung © Anne Klatz