Otto Wagner – Zum Ersten, zum Zweiten…

Schale
Drei besondere Werke des Ausnahmekünstlers Otto Wagner konnten in Österreich erhalten und im Jubiläumsjahr 2018 präsentiert werden.

Der anlässlich seines 100. Todestages mit zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen geehrte Otto Wagner (1841-1918) hat nicht nur als Architekt, sondern auch als Designer und Städteplaner Großartiges geleistet. Drei verloren geglaubte Objekte, die diese enorme Bandbreite seines künstlerischen Schaffens zeigen, wurden in den letzten Jahren bei Versteigerungen angeboten und sind nun in heimischen Sammlungen auf Dauer dem interessierten Publikum zugänglich.

Zwei Zeugen eines Gesamtkunstwerkes aus der „Ersten Villa Wagner“

Die Lebensmitte Wagners brachte markante persönliche Veränderungen für den Künstler mit sich. Nach dem Tod seiner von ihm sehr verehrten Mutter im Jahr 1880 befreite er sich aus seiner unglücklichen Ehe mit Josefine Domhart um endlich seine große Liebe, die um 18 Jahre jüngere Louise Stiffel, zu heiraten. Aus dieser Verbindung gingen innerhalb weniger Jahre drei Kinder hervor. Für seine neu gegründete Familie schuf er 1886 bis 1888 am Rande des Wienerwaldes einen Sommersitz, die sogenannte Erste Villa Wagner in der Hüttelbergstraße 26.

Bereits in den 1890er Jahren war durch die ganzjährige Nutzung des Gebäudes als Familiendomizil die Schaffung von zusätzlichem Wohnraum notwendig geworden, was Wagner durch die Schließung der seitlichen, offenen Pergolen erreichte. Im Zuge dieser Adaptierungen entstand 1899 im linken Anbau ein „Repräsentationsatelier“ mit einer gesamtkünstlerischen Ausstattung, die sowohl die Raumschale als auch die darauf abgestimmte Einrichtung umfasste. Zu den gestalterisch prägnantesten Elementen des Raumes gehören die bunten, vom Maler Adolf Böhm entworfenen Glasfenster mit der Darstellung einer Herbstlandschaft, die den Raum mit ihrer intensiven Farbigkeit von unterschiedlichsten Blau, Braun- und Grüntönen sowie dem leuchtenden roten Herbstlaubfries in eine weihevolle Lichtstimmung tauchen. Unterbrochen wird der Glasfries von flachen Pfeilervorlagen, die bis in den mit Liniendekor geschmückten Deckenbereich hochgezogen sind und auf halber Höhe mit reliefierten Feuerschalen versehen sind, aus denen stilisierter Weihrauch aufsteigt. Wagner überhöht den Arbeitsraum des Künstlers damit sinnbildlich zu einem Sakralraum und vermittelt so sein künstlerisches Selbstbild. Das zeitgleich von Wagner entworfene und damit stilistisch in die sehr kurze secessionistische Phase des Architekten fallende Möbelensemble des Ateliers bestand unter anderem aus einer Reihe von Sitzmöbeln, einem großen Zeichentisch und einem imposanten, viertürigen Zeitschriftenschrank.

Von dieser einheitlichen Gestaltung sind heute vor allem die wandfesten Elemente erhalten, während der Verbleib des Mobiliars weitestgehend unbekannt ist. In den letzten Jahren sind allerdings einzelne Stücke der Atelierausstattung im Auktionshandel aufgetaucht. So etwa einer der Armlehnsessel, mit dem das Bundesdenkmalamt, Abteilung für bewegliche Denkmale – Internationaler Kulturgütertransfer seit Mitte der 1990er Jahre wiederholt befasst war, als dieser bei Auktionen im Wiener Dorotheum (1994 und 2010) zum Kauf angeboten wurde.

Das in der Kombination von Holz, Metall und Textil sowie den schwungvoll nach außen gebogenen Armstützen sehr prägnante Sitzmöbel ist nach heutigem Kenntnisstand das einzige erhaltene Stück seiner Art, sodass – trotz des verlorenen originalen Stoffbezuges – aufgrund der besonderen kunst- und kulturgeschichtlichen Bedeutung dessen Erhalt im Inland angestrebt wurde. Das unikale Möbel konnte schließlich von der Bundesmobilienverwaltung für die Sammlungen des Hofmobiliendepots erworben werden, wo es nun in Ausstellungen präsentiert wird.

Ein weiteres interessantes Stück mit unmittelbarem Bezug zur „Ersten Villa Wagner“ tauchte erst jüngst ebenfalls bei einer Versteigerung im Dorotheum auf. Es handelt sich dabei um eine der ursprünglich an den Wandpilastern montierten Metallappliken in Form von Weihrauchschalen, die heute durch vereinfacht ausgeführte Nachbildungen ersetzt sind. Die originalen Stücke waren unter nicht bekannten Umständen aus der seit den 1960er Jahren denkmalgeschützten Villa entfernt worden. Umso erfreulicher ist es daher, dass das nun zum Vorschein gekommene originale Ausstattungselement vom Ernst-Fuchs-Museum, das die ehem. Wagner-Villa heute beherbergt, angekauft werden konnte und dieses damit an seinen angestammten Platz zurückgelangt. Im Rahmen der Auktion war eine Ausfuhrbewilligung für das Objekt vom Bundesdenkmalamt nicht in Aussicht gestellt worden.

Der „Heeresplatz“ – Eine Entdeckung aus der letzten Schaffensphase

Otto Wagners letzte Lebensjahre waren von der Tragödie des Todes seiner geliebten zweiten Ehefrau Louise im Februar 1915 sowie den Folgen und Entbehrungen des Ersten Weltkriegs geprägt. Zahlreiche große Bauvorhaben wurden abgesagt, Denkmale für die im Krieg stehende Monarchie waren nun gefragt. Als überzeugter Patriot weigerte sich Wagner am Schwarzmarkt Lebensmittel zu besorgen und magerte dramatisch ab. „Heute hab‘ ich zum Frühstück nichts zum Essen (…). Ich habe nichts als Haut und Knochen“, vermerkte der an ein großbürgerliches Leben gewohnte Architekt im Juli 1917 in seinem Tagebuch.

Die Schaffenskraft des 76-jährigen war jedoch ungebrochen. Schon ab den 1890er Jahren hatte ihn neben der Stadtbahn ein weiteres Großprojekt intensiv beschäftigt – die Umwandlung des Wiener Donaukanals in einen auch bei niedrigem Wasserstand nutzbaren Schifffahrtsweg mit Handels- und Winterhafen. Seinen eigenen Angaben zufolge schuf er als künstlerischer Beirat der dafür zuständigen Kommission rund 1500 Skizzen, Pläne und repräsentative Ansichtsblätter für die Neugestaltung, darunter großzügige Kaianlagen, Schleusenbauten, Brücken und Regulierungen der angrenzenden Stadtviertel. Errichtet wurden davon mit dem Nußdorfer Wehr (1894/1898) und dem Schützenhaus der Staustufe Kaiserbad (1904/1908) Bauwerke, die heute noch das Stadtbild zieren.

Im Auftrag der Gemeinde Wien befasste sich Wagner ab 1916 auch mit dem Neubau der 1871 eröffneten Brigittabrücke (heute: Friedensbrücke), welche die Bezirke Alsergrund und Brigittenau verbindet. Der Architekt entwarf dabei nicht nur eine nun „Heeresbrücke“ genannte Straßenbrücke über den Donaukanal, sondern bezog auch den davor auf dem rechten Ufer liegenden Platz in sein projektiertes Ensemble ein. Vor Wagners – bereits 1901 erbauter – Stadtbahnstation (heute: U4-Station Friedensbrücke) sollte sich auf einem mit vier Adlern und Kränzen geschmückten Sockel eine an die siegreichen Schlachten des Habsburgerreiches erinnernde, von einem Lorbeerkranz und einer vergoldeten Statue des griechischen Helden Achilles bekrönte Säule erheben. Neben dem 20 m hohen Denkmal plante Wagner an der Roßauer Lände eine kleine, von Kastanienbäumen gesäumte Parkanlage. Auf der ihre Konstruktion nicht verbergenden Eisenbogenbrücke hätten auch Kandelaber, Wächterhäuschen und Fahnenstangen Platz finden sollen.

Den ganzen Umfang der geplanten Umgestaltung zeigt ein detailliert in Tuschfeder, Bleistift und Weißhöhung ausgeführtes Präsentationsblatt, das mit November 1917 datiert ist. Vor dem Hintergrund des Leopolds- und des Kahlenberges wird von leicht erhöhtem Standpunkt die Gesamtansicht des sog. „Heeresplatzes“ in die Wiener Stadtlandschaft eingebettet. Wie sein Tagebuch vermuten lässt, dürfte Wagner große Hoffnungen in das Projekt gesetzt haben, doch blieben diese letzten Entwürfe für den Donaukanal trotz der von ihm freudig notierten Begeisterung des Stadtbauamtes unverwirklicht.

Bevor das Blatt im letzten Jahr im Wiener Dorotheum zur Versteigerung angeboten wurde, waren nur Skizzen zur Säule am „Heeresplatz“ bekannt, der zu den letzten großen Projekten im Spätwerk Wagners zählt. Von der Abteilung für bewegliche Denkmale wurde daher die Ausfuhr des bis zu diesem Zeitpunkt der Wissenschaft verborgenen Werkes nicht in Aussicht gestellt. Mit dem Ankauf durch das Wien Museum hat nun auch dieses Dokument des bis zu seinem Tod im Jahr 1918 ungebrochenen Gestaltungswillens des großen österreichischen Künstlers seinen Platz in einer öffentlichen Sammlung gefunden.