Die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau in Wien

Denkmal des MonatsWien
Personenumlaufaufzug nach der Instandsetzung und Restaurierung in Bewegung mit Fahrgästen
Weiterfahrt ungefährlich! Die jüngsten Instandsetzungsmaßnahmen haben dem markanten Bürogebäude der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB) an der Linken Wienzeile seine bauzeitliche Ästhetik zurückgegeben und einem seltenen Relikt der Beförderungsgeschichte Wiens neues Leben eingehaucht.

Mit der 1912/1913 errichteten Unfallversicherungsanstalt der österreichischen Eisenbahner schuf Architekt Hubert Gessner ein monumentales architektonisches Werk direkt am Naschmarkt. An der als Prachtboulevard nach Schönbrunn geplanten Wienzeile gelegen, setzte der Otto Wagner Schüler mit seinem repräsentativen Eckbau mit abgerundeter Gebäudekante einen wichtigen städtebaulichen Akzent. Die in neoklassizistischen Formen reich gestaltete Fassade aus Kunststein mit Metallapplikationen ist in vier Haupt- und zwei Attikageschosse gegliedert. Dies spiegelt die ursprünglich getrennte Nutzung für Büros und Wohnungen auch am Außenbau wider. Eindrucksvoll bekrönen fünf überlebensgroße Dreiergruppen weiblicher und männlicher Figuren von Anton Hanak das ausladende Gebälk. Hanak zählt zu den bedeutendsten Bildhauern Österreichs in der Zwischenkriegszeit. Seine Skulpturen mit sich gegenseitig stützenden jungen und alten Figuren symbolisieren das Prinzip der Sozialversicherung. Der Bezug zum Verkehrswesen wird durch eine Figurengruppe mit Hermes auf geflügelten Eisenbahnrädern hergestellt.

Im Frühling 2018 konnte die Restaurierung der in Ständerbauweise errichteten Fassade abgeschlossen werden. Sie folgte einem Konzept, das auf der Grundlage einer restaurierungswissenschaftlichen Voruntersuchung mit dem Bundesdenkmalamt abgestimmt wurde. Dieses hatte neben der Beseitigung von baulichen Schadensursachen und der Reinigung vor allem die technische und ästhetische Wiederherstellung des materialsichtigen Kunststeins, bestehend aus geputzten Kunststeinflächen als auch gegossenen Kunststein- und Betonelementen, zum Ziel. Durch die richtige Wahl des passenden Ergänzungsmaterials, als auch durch die qualitätvolle handwerkliche Umsetzung konnte wieder ein homogenes Erscheinungsbild erreicht werden. Dabei halfen mehrere Muster. Zudem wurde mit der Sanierung der äußeren Fensterebene und einer Neuherstellung und technischen Aufrüstung der inneren Fensterebene bei gleichzeitiger Erhaltung ihrer Erscheinung eine thermische und schallschutztechnische Verbesserung erzielt.

Auch im Inneren des Gebäudes setzt sich die künstlerisch hochwertige Ausstattung fort. Dabei sind im Speziellen die Glasgemälde der Hauptstiegenhausfenster von Leopold Forstner, dem neben Kolo Moser bedeutendsten Glaskünstlers Wiens, hervorzuheben. Bei den farbigen Medaillons mit Motiven aus dem Bahn- und Seeverkehr wurde, wie für die Kirche am Steinhof, kostbar opalisierendes Glas verwendet.

Die Rettung des Paternosters

Im Hauptstiegenhaus befindet sich einer der letzten noch erhaltenen Paternoster Wiens. Bei dieser Sonderform einer Aufzugsanlage zirkulieren mehrere Kabinen ständig, ohne stehen zu bleiben, was den Einstieg in beide Richtungen und in allen Stockwerken fast gleichzeitig ermöglicht. Auch eine Fahrt über die Endpunkte im Keller und im Dachboden ist grundsätzlich ungefährlich, worauf auch die Beschilderung hinweist, da die Kabinen nicht umgedreht, sondern unten und oben lediglich von einer Kette zur anderen gehoben werden.

Der Paternoster wurde erstmals im Jahr 1885 in Hamburg zum Personentransport genutzt. Um 1900 stellt der Umlauflift aufgrund seiner großen Förderkapazität ein modernes Fördermittel für den starken Personenverkehr dar. Seine Erfindung und Ausbreitung fällt zwar in denselben Zeitraum wie das Aufkommen der Rolltreppe, der Paternoster wurde jedoch bevorzugt in Rathäusern sowie Verwaltungs- und Bürogebäuden, nicht in Warenhäusern oder Bahnhöfen eingesetzt. Seit den 1960er Jahren ist die Neuerrichtung von Personenumlaufaufzügen in Österreich verboten. Als Symbol des Vertikalverkehrs der Administration fand der Paternoster auch im Versicherungsgebäude an der Wienzeile einen prominenten Platz. Geschossweise differenziert gestaltete Holzportale rahmen den Aufzugsschacht. Hauptbestandteile des 1913 durch die Firma Freissler errichteten Paternosters der VAEB sind, wie bei allen Umlaufaufzügen, zwei parallel laufende Endlosketten, zwischen denen die Kabinen, hier sechzehn an der Zahl, aufgehängt sind. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt 0,2 Meter pro Sekunde. Der Antrieb beider Kettenradpaare erfolgt gemeinsam durch einen Motor über ein Getriebe im Triebwerksraum am Dach.

Aus Sicherheitsgründen musste der Paternoster 2015 stillgelegt werden. Um den zu den "gefährdeten Arten" von Maschinen zählenden Lift weiter in Betrieb halten zu können, entschied sich die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau vorbildhaft zur Instandsetzung der technischen Anlage. Die von der Firma OTIS durchgeführte Generalsanierung inklusive des exakten Nachbaus der bereits ausgedehnten Kettenglieder und der Räder basieren auf dem in Zusammenarbeit mit dem TÜV-Austria und dem Bundesdenkmalamt entwickelten Konzept. Die Arbeiten schließen weiters die tischlermäßige Instandsetzung und Restaurierung der sechzehn Aufzugskabinen sowie der Aufzugsportale in den einzelnen Stockwerken ein. Nach Rückführung der jeweils 283 kg schweren Kabinen konnte der Betrieb Anfang November 2018 wieder aufgenommen werden. Ein bauzeitlicher Ölbehälter schmiert nach wie vor, Tropfen für Tropfen, die Ketten. Und die Bediensteten der VAEB kommen wieder in den Genuss des, trotz Hinweistafel, leicht mulmigen Gefühls, wenn sie beim Richtungswechsel ins Dunkel eintauchen und die neu gegossenen Kettenglieder und -räder von der Nähe betrachten können.

Was am Beispiel des Paternosters der VAEB in hervorragend abgestimmter Zusammenarbeit gelungen ist, sollte Vorbild für den Umgang mit den in Österreich mittlerweile nur noch acht verbliebenen Stück dieser Aufzugsrarität sein. Denn die größte Gefahr für den Paternoster stellen nicht die neuen Aufzugsgesetzte und modernen Standards dar, aus denen sie ausgenommen sind, sondern vielmehr der Zahn der Zeit und vor allem die hohen Kosten von Reparatur und Wartung der mechanisch stark beanspruchten festen und beweglichen Teile.