Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Vorarlberger Illwerke in Bregenz

Sitzecke mit grünen Ledersessel im Aufenhaltsbereich des vierten Obergeschosses
Damals wie heute ein repräsentatives Glanzstück der 50er Jahre...

Mit der jüngst unter Denkmalschutz gestellten Anlage des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Vorarlberger Illwerke in Bregenz, einem österreichischen Energieunternehmen mit Landesbeteiligung und damals mächtigste Säule der Wirtschaft Vorarlbergs, wird die Bedeutung von Gebäuden aus der unmittelbaren Nachkriegszeit einmal mehr ins Bewusstsein speziell der Vorarlberger Bevölkerung gerückt und zum Gesprächsthema erklärt.

Ein Paradebau modernster Bürokultur der Nachkriegszeit

In einem veritablen Villenviertel von Bregenz, umgeben von einer gepflegten hauseigenen Parkanlage mit Baumbestand, Wasserspielen und zeitgenössischer Kunst, erstreckt sich die Anlage des ehemaligen Hauptverwaltungsgebäudes der Vorarlberger Illwerke. Inmitten romantisch anmutender Villen des frühen 20. Jahrhunderts mit eindeutigem Hang zu traditioneller bürgerlicher Wohnkultur des 19. Jahrhunderts, stellt das Gebäude in der Josef-Huter-Straße 35 einen städtebaulich einzigartigen Gesamtkomplex der Nachkriegsmoderne dar. Fast schon provokant wird hier eine zeitgemäße Identität geschaffen, verkörpert durch neue dynamische Grundrissformen, schlanke statische Konstruktion- und Fassadenelemente, damals neuartige Materialien im Außen-und Innenbereich und einer Farbigkeit, die gekonnt mit Wechselwirkungen spielt. Der Gebäudekomplex versteht sich dadurch als Gesamtkunstwerk, dessen Außenwirkung zusätzlich durch die Einbettung in die harmonisch gestaltete Gartenanlage mit Wegführung verstärkt wird. Eine zeitgenössische Marmorskulptur mit der Bezeichnung „Sitzende“ des bedeutendsten Vorarlberger Künstlers Herbert Albrecht bereichert in Verbindung mit einer Wasserfläche seit 1987 den Grünraum im geschützten Nordbereich, der mit seinen Bäumen und Sträuchern Teil des Gesamtensembles ist. Mit Herbert Albrecht ist der wichtigste Vertreter moderner Plastik der Nachkriegszeit in Westösterreich zur Freiraumgestaltung beauftragt worden. Bildhauer und Architekt sind Zeitgenossen, die eine enge Zusammenarbeit gepflegt haben.

Hans Hugo Burtscher- ein Vorarlberger Architekt der Nachkriegsmoderne

Als Architekt taucht hier erstmals Hans Hugo Burtscher auf, der sich unmittelbar nach seinem Architekturstudium an der TU Graz selbständig gemacht hat und seinen ersten öffentlichen Wettbewerb 1953 mit dem Bau des Verwaltungsgebäudes der Illwerke gewonnen hat. Der Bau dieses Verwaltungsbaues brachte dem bis dato vollkommen unbekannten Architekten einen überaus bedeutenden Bekanntheitsgrad mit zahlreichen bemerkenswerten Folgeaufträgen ein, zumal der Auftraggeber ein Großunternehmen mit extrem hohen künstlerischen als auch technischen Ansprüchen gewesen ist. Das Großunternehmen, als zukunftsorientierten Bauherrn, hatte seinen Architekten gefunden, ein Architekt, der enormes technisches Wissen und Interesse eindrucksvoll mit künstlerischem modernem Bauen und visionären Ideen umsetzen konnte. Umgekehrt stand Hans Burtscher mit dem zur Verfügung gestellten Budget sicherlich auch ein Finanzrahmen zur Verfügung, der die innovativsten Ideen überhaupt erst möglich gemacht hat. Architekt und Bauherr waren mutig genug, der Zeit vorauszudenken, zukunftseisende Konzepte aufzugreifen, architektonische Versuche hinsichtlich Gestaltung und Materialität als auch technischer Lösungen umzusetzen. So ist der Verwaltungsbau in der Josef-Huter-Straße 35 in Bregenz bis heute das perfekte Glanzstück eines Verwaltungsbaues der 50er Jahre. Im Hinblick auf die sich nahtlos aneinander reihenden Anschlussaufträge von Hans Burtscher und deren künstlerischer und kultureller Bedeutung, gilt es erstmals auch dessen Lebenswerk ins kollektive Gedächtnis zu bringen und zu dokumentieren.

Zeitgemäße Situierung des Verwaltungsbaues

Der Gebäudekomplex selber gliedert sich in drei homogene, miteinander winklig verbundene Baukörper. Die gewohnte Symmetrie wird spielerisch zugunsten der Grundstücksgrenzen aufgehoben, bietet Raum für eine großzügige elegante Vorplatzsituation bereits im Entree, einen geschützten parkähnlich gestalteten hinteren Grünbereich. Der Gebäudekomplex ist nicht losgelöst von seiner Umgebung zu sehen. Er ist speziell so konzipiert, dass Sichtbeziehungen stattfinden, dass Außen- und Innenbereiche vielschichtig in einer Art und Weise verschmelzen wie sie gerade in dieser Zeit stilbildend gewesen sind. So umfasst der Denkmalschutz bewusst die angrenzende Wegführung und die Platzsituation einschließlich der Marmorskulptur mit Wasserspiel. Dadurch ist es möglich das permanente Wechselspiel mit der begrünten Außenanlage und klug in Szene gesetzte Sichtbeziehungen auch weiterhin stattfinden zu lassen. Dem Baukörper wird genügend Freiraum geben, den er braucht, um durch eventuelle Neubauten nicht bedrängt zu werden und weiterhin so solitär in Erscheinung zu treten, wie es von Anbeginn geplant war.

Der Umgang mit unter Denkmalschutz gestelltem Interieur

Obwohl das Gebäude bis heute einer permanenten Nutzung unterliegt, sind keine relevanten Veränderungen am Gebäudekörper selbst als auch an der Inneneinrichtung vorgenommen worden. Da sämtlich Festeinbauten, Handläufe, Mosaikgestaltungen, Wandbespannungen sowie Stühle, Tische, Schirmständer, Beleuchtungskörper u. v. m. vom Architekten selbst entworfen worden sind, ist es von großer Bedeutung, dieses Interieur als unverzichtbaren Bestandteil des gesamten Gebäudekomplexes zu sehen. Nachdem die Bregenzer Illwerke das Gebäude zunächst jahrelang als eigenes Verwaltungsgebäude genutzt haben, hat man es seit 2005 an verwaltungsbehördliche Einrichtungen vermietet. Alle Räumlichkeiten werden bis heute immer noch adäquat genutzt und strahlen inklusive ihrer Festeinbauten und allen beweglichen Originalinterieurs der Erbauungszeit den Charme der 50er Jahre aus.

Während in der Vergangenheit diesem Gebäudekomplex wenig Beachtung geschenkt worden ist, wurde nun versucht, durch intensive Unterredungen mit Eigentümer und Nutzern als auch durch öffentliche Führungen zum diesjährigen Tag des Denkmals eine zunehmende Sensibilität für den Denkmalwert des gesamten Baukomplexes und der Architektur der Nachkriegsmoderne im Allgemeinen, einschließlich seinem Interieur, zu fördern.