Pfarrkirche Sankt Marein bei Neumarkt (Steiermark) – Sensationsfund Himmlisches Jerusalem

Blick auf Decke mit Teilen des Altares
Das „Himmlische Jerusalem“ von St. Marein krönt die insgesamt gelungene Innenrestaurierung der Pfarrkirche und bleibt wie in der Vergangenheit ein Thema mit aktueller Botschaft.

Die Pfarrkirche Sankt Marein bei Neumarkt besitzt eine vielfältige Baugeschichte, die im Wesentlichen von der Gründungszeit um 1200 bis ins 18. Jahrhundert reicht. Die romanische Grundanlage ist trotz der gotischen und barocken Überformungen deutlich erkennbar. Der mächtige romanische Ostturm birgt im Inneren den Altarraum, der noch vom ursprünglichen, aus der Zeit um 1200 stammenden Gewölbe überspannt wird.

Im Zuge der 2017 durchgeführten Innenrestaurierung wurden an diesen Gewölbeflächen restauratorische Befundungen durchgeführt, die rasch deutliche Hinweise einer umfangreichen mittelalterlichen Wandmalereiausstattung ergaben. In einer ähnlichen Situation konnte in der Pfarrkirche St. Georgen bei Judenburg in den späten 1980er Jahren ein außergewöhnlich gut erhaltenes Wandmalereiprogramm mit Darstellungen aus dem Leben des hl. Georg freigelegt und restauriert werden, das zu den bedeutendsten spätromanischen Wandmalereien Österreichs zählt. Die Erwartungen in St. Marein waren dementsprechend hoch und wurden auch erfüllt. Nach Abklärung der konservatorischen Situation und Musterfreilegungen wurde eine aus Sicht der Denkmalpflege vertretbare Präsentation der mehrere Jahrhunderte übermalten Darstellungen konkret, zumal auch die Pfarre und Diözese die große logistische und finanzielle Herausforderung im Rahmen der Innenrestaurierung mit Begeisterung über den kostbaren Fund mittrugen.

Die anfangs vereinzelten Probefelder setzten sich Stück für Stück wie ein Puzzle zusammen und ließen das Thema des Malereiprogramms erkennen: Eine reich verzierte, symmetrisch rechteckig angelegte Stadtmauer mit vier kuppelgekrönten Torbauten, besetzt von je drei mit Schriftbändern bezeichneten Figuren der 12 Apostel in Baldachinnischen. Vier hohe Ecktürme, seitlich bewacht von (Erz-)Engeln bekrönt von den Evangelistensymbolen, im Zentrum das Lamm Gottes. Es handelt sich um eine Darstellung des Himmlischen Jerusalem, welches im Buch der Offenbarung des Johannes, Kap. 21, detailreich geschildert wird und eine Idealutopie Jerusalems nach der Apokalypse und dem letzten Gericht darstellt. Das Himmlische Jerusalem wurde künstlerisch besonders im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit rezipiert, besitzt im Bereich der mittelalterlichen Wandmalerei in Österreich jedoch nur zwei bekannte vergleichbare Beispiele, nämlich jene in der Bischofskapelle im Dom zu Gurk und jene im Oberchor der Filialkirche St. Nikolaus in Matrei in Osttirol, beide aus der Zeit um 1270. Die Malereien in St. Marein zeigen nicht den in Gurk ausgeprägten, für den Übergang von der Romanik zur Gotik charakteristischen Stil mit zackigen Gewandfaltenenden sondern bereits den frühgotischen Linienstil und damit eine etwas reifere Entwicklungsstufe des ausgehenden 13. Jahrhunderts, wobei die Gesamtkomposition in ihrer Monumentalität noch völlig hochmittelalterlichen Traditionen verpflichtet ist. Die Annahme, dass die Malereien von St. Marein Bezüge zur geographisch unweit gelegenen Bischofskapelle von Gurk haben, ist naheliegend, bleibt jedoch der weiteren Erforschung überlassen. Ein für die Präsentation maßgeblicher Umstand stellten überlagernde, aber stark fragmentierte spätgotische Malereien dar, die erhalten und formal integriert wurden, ohne die Lesbarkeit des Bildes zu beeinträchtigen.