Markt- und Stadtbefestigungen in Niederösterreich

Stadtmauer von Hainburg
Fast ein Jahrtausend lang waren in ganz Europa Befestigungen omnipräsent, von einfachen Dorfzäunen über dominante Burgen und Schlösser bis hin zu vieltürmigen Stadtbefestigungen. Erst mit der buchstäblich durchschlagenden Entwicklung der Geschütztechnik im 19. Jahrhundert gerieten solche Befestigungen zum Anachronismus. Nun behinderten sie vor allem im Siedlungskontext Verkehr, Wachstum und Modernität und fielen entsprechend rasant der Spitzhacke zum Opfer.

Fast ein Jahrtausend lang waren in ganz Europa Befestigungen omnipräsent, von einfachen Dorfzäunen über dominante Burgen und Schlösser bis hin zu vieltürmigen Stadtbefestigungen. Erst mit der buchstäblich durchschlagenden Entwicklung der Geschütztechnik im 19. Jahrhundert gerieten solche Befestigungen zum Anachronismus. Nun behinderten sie vor allem im Siedlungskontext Verkehr, Wachstum und Modernität und fielen entsprechend rasant der Spitzhacke zum Opfer. In wenigen Jahren entledigten sich vor allem reiche Städte ihrer bis dahin wahrzeichenhaften Türme, Tore und Mauern, erhalten blieben sie oft nur als Hangstützmauern und Parzellengrenzen.

Obwohl bereits früh auch Bestrebungen zum Erhalt einsetzten, zeigen periodische Stadtkataster einen anhaltenden Verlust von Substanz bis in unsere Zeit. So haben viele Ringmauern in den letzten Jahrzehnten noch bis zu einem Viertel ihrer Länge verloren. Als Grund ist vor allem die zunehmende Radikalität im heutigen Baugeschehen auszumachen, mit der Altes rücksichtslos abgebrochen wird, um großformatige und tiefgreifende Bauvolumina zu errichten.

Bemerkenswert viele der heute im Bewusstsein stehenden Ortsbefestigungen Niederösterreichs umringten im Mittelalter keine rechtlich ausgeprägten Städte sondern weniger privilegierte Marktorte. Sie sind oft mit bedeutenden adeligen Geschlechtern zu verbinden, etwa in Mödling, Wolkersdorf und Neulengbach. Aber auch geistliche Grundherren setzten auf Märkte, etwa die Stifte Herzogenburg, Lilienfeld, Melk und Ardagger, dezentral das Stift Reichersberg in Kirchschlag in der Buckligen Welt sowie die Bistümer Salzburg in Traismauer, Freising in Ulmerfeld und Passau in Amstetten.

Im Gebiet des heutigen Niederösterreichs gab es im Mittelalter etwa 35 echte Städte. Sie entwickelten sich zunächst entlang der Donau sowie im Traisental, etwa in Pöchlarn, Ybbs, Melk, Mautern, Krems, Hollenburg, Tulln, St. Pölten, Traismauer, Zeiselmauer, Klosterneuburg, Wien und Hainburg. Im Gleichklang mit westlichen Regionen des europäischen Kontinents setzte im Hochmittelalter eine allgemeine Verstädterung ein, etwa in Eggenburg, Dürnstein, Zwettl, Weitra und Horn, wo auch frühe Mauern dokumentiert sind.

In der Zeit nach 1192-1194 bildete das Lösegeld für den englischen König Richard Löwenherz die Initialzündung für eine ganze Reihe landesfürstlicher Stadtbefestigungen um meist ältere Siedlungen. Gesichert gehörten zu dieser Gruppe Wien, Enns, Hainburg und Wr. Neustadt. Sie erhielten miteinander verwandte Anlagen mit in der Region bislang nicht üblichen Buckelquadertürmen. Aus historischen sowie bauarchäologischen Gründen sind wohl die Umwehrungen von Graz, Friedberg, Horn, Laa, Krems, Tulln, Klosterneuburg, Waidhofen an der Thaya, Zwettl, Drosendorf, Eggenburg und Freistadt ebenfalls herzoglichen Initiativen von Leopold VI. (1198-1230) zuzuordnen.

Auch die Habsburger Landesherren bemühten sich, Stadtbefestigung des loyalen Adels, der Klöster und der Bischöfe zur Sicherung des Landes zu fördern. Zahlreiche Privilegien aber auch der bauhistorische Befund vieler frühgotischer Mauern belegen, dass nun ein Großteil der Stadtmauern fertig gestellt wurde. Im Verlauf des Spätmittelalters wurde praktisch überall weiter gebaut. Lückenschlüsse, Erhöhungen, Verstärkungen, räumliche Erweiterungen, Zwinger- und Toranlagen, tiefere Gräben und vergrößerte Stadtburgen gehörten zum Alltag. Allentsteig, Litschau, Maissau und Scheibbs schafften den Sprung von Marktorten zu kleinen befestigten Städten, Ulmerfeld und Kirchschlag trotz monumentaler Ringmauern und Burgen jedoch nicht. Andere verloren sogar an Bedeutung, wie Aschbach und Neunkirchen, immerhin konnten die regionalen Märkte dem einsetzenden Trend der Landflucht samt zahlreichen Dorfwüstungen standhalten.

Ab dem 15. Jahrhundert setzte eine langsame Aufrüstung gegen Feuerwaffen ein, die bis ins 17. Jahrhundert andauern sollte. Vorgelegte Erdwälle, Mauerverstärkungen, zusätzliche Torzwinger und neue Wehrgänge mit Geschützscharten wurden praktisch überall ausgeführt. Zudem entstanden polygonale bis rundliche Geschütztürme, die den alten Mauern Flankenschutz gewähren sollten. Anschauliche Beispiele finden sich von Zwettl über Waidhofen an der Thaya, Krems, Dürnstein, Drosendorf, Schrattenthal und Eggenburg bis nach Baden und Wiener Neustadt. Während große Städte wie Wiener Neustadt mit der Entwicklung der Wehrarchitektur mitzuhalten versuchten, gaben die kleineren bald auf. Somit waren trotz steigender Türkengefahr nur die Landeshauptstädte Österreichs sowie die südöstlichen Grenzstädte zu klassischen Festungen gewachsen.

Im Vorfeld denkmalfachlicher Initiativen haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend umfangreiche Bestandsaufnahmen bewährt, die laufend verdichtet werden. Zudem gab es größere archäologische Maßnahmen entlang der Befestigungen von Korneuburg, Stein, Krems, Klosterneuburg, Tulln, Pöchlarn, Ybbs und Traismauer sowie bauhistorische Detailuntersuchungen im Rahmen benachbarter denkmalfachlicher Projekte unter anderem in Laa an der Thaya, Bruck an der Leitha, Retz, Krems, Mautern und Marchegg.

2014/2015 wurde gemeinsam mit der Landesregierung und mit einigen Stadtgemeinden ein ambitioniertes Programm zur Erfassung, Erforschung und Bestandssicherung gestartet. Ziel ist eine parzellengenaue Erhebung, um rechtzeitig Maßnahmen zum Schutz und zur Erhaltung durchführen zu können. In diesem Sinne wurden in mehreren Städten auch bereits viel beachtete Musterrestaurierungen angelegt, die als Initialzündungen für weitere Etappen in der Bevölkerung das Wissen und die Akzeptanz für die eigenen Baudenkmale merklich erhöht haben.

Damit besteht die Hoffnung, aus vergessenen, vernachlässigten und gefährdeten Ortsbefestigungen wieder geschätzte und gepflegte historische Erinnerungsorte der eigenen Geschichte zu machen um so durch ihre Verankerung in der Gesellschaft auch den Erhalt gewährleisten zu können.