Vorderberg Nr. 39 – das Paradies des Kärntner Künstlers Cornelius Kolig

Außenansicht der Anlage
In Vorderberg, einem Reihen- und Haufendorf im unteren Gailtal, befindet sich das "Paradies", eine vom Künstler Cornelius Kolig seit 1979 für seine Kunst errichtete Anlage. Sie wird aktuell hinsichtlich ihrer Denkmaleigenschaften überprüft.

Als Standort für einen ursprünglich geplanten Speicherbau, von Kolig „HRAM“ genannt, wurde ein ehemals landwirtschaftlich genutztes Familiengrundstück am westlichen Ortsrand gewählt. Heute beinhaltet es neben zwei freien Wiesen- und einer gestalteten Gartenfläche eine Umfassungsmauer, 14 Gebäude, zwei Höfe, eine Grube, eine Rampe, einen Laufkran, zwei Türme und rund 180 listenmäßig erfasste Objekte. Zur kleinteiligen Bebauung der Umgebung hin sind die Gebäude zusätzlich durch einen umsäumenden Baumgürtel abgeschirmt.

Koligs Bezeichnung der Anlage als „Paradies“ verweist auf traditionelle Vorstellungen: Der Begriff bezog sich ursprünglich auf persische Königsgärten, im biblischen Zusammenhang auch auf „Gottesgärten“. Ein, von Kolig um ein Wort erweitertes Augustinuszitat „Inter faeces et urinas nascimur morimurque“ („zwischen Kot und Urin werden wir geboren und sterben wir“), das in eine Metallplatte eingestanzt wurde und - zwischen die beiden „Hochzeitstürme“ eingespannt - quasi als Motto über der gesamten Anlage baumelt, wie auch ein Schriftzug an der Westseite des Kuhstalles „OMO IMI TOT“ (ein aus drei Reinigungsmitteln gebildetes Palindrom) veranschaulichen, in welcher Weise Kolig kulturgeschichtlich konnotierte Begriffe und Vorstellungen als Projektionsflächen für seine Kunst fruchtbar macht. Anstelle einer christlich-augustinisch verbrämten Moral gibt es in diesem sehr sinnesfreudigen hortus conclusus Zeremonien zur Reinigung von allem Überflüssigem zugunsten der „Bloßlegung und Verstärkung des Sinnlichen und damit Vermittelbaren des Lebens, seiner Schönheit und seiner Schrecken, von Wollust und Ekel, von Liebe, Gewalt, Krankheit, Leid, Tod, berauschter Existenzergriffenheit, des Stoffwechsels, der Farben, des Gestankes, der Wohlgerüche, des Tastens, der Freuden des Schmeckens und Hörens in neuen kombinatorischen Verbindungen und Verquickungen“ (Cornelius Kolig).

Analog zur künstlerischen Beschäftigung mit sozial negativ bewerteten oder tabuisierten Funktionen (Stoffwechsel, Sexualität) und Ausscheidungen des menschlichen Körpers (Schweiß, Blut, Milch, Urin, Kot), gilt auch Koligs architektonisches Interesse der „Trivialarchitektur“, also Materialien, „die eher schäbig und in der Werteskala ganz unten sind“: Für die Fundamentierung der einzelnen Gebäude und Bauteile wurden Kellervergusssteine drei bis vier Scharen hoch versetzt und deren Zwischenräume mit Schotter verfüllt und verdichtet. Böden sind aus Ortbeton gegossen und oberflächlich mit einem transparenten Zweikomponentenharz versiegelt. Als vorherrschendes Baumaterial der tragenden Wände und Außenwände dienen Beton-Hohlblocksteine, deren Oberflächen einen Schlämmanstrich erhielten. Einige Gebäudebestehen teilweise aus Holzkonstruktionen und besitzen Fassadenverkleidungen aus Spanplatten oder Acryl- beziehungsweise Plexiglas. An Boden- und Trittstufenbelägen gibt es epoxidharzversiegelte Estriche, Musterblechbeläge und Holzbretterböden. Zur Eindeckung der Paradies-Gebäude wurde Blech (Alu oder verzinktes Eisen) oder Plexiglas verwendet. Es gibt auch massengefertigte Produkte aus dem Baumarkt, beispielsweise eine Swimmingpool-Einstiegsleiter oder solarbetriebene Außenwandlampen zur Beleuchtung von Katzen-Urnenhäusern.

Eine neue gestalterische Akzentuierung erfuhr das Paradies, nachdem es 2003 hochwasserbedingt schwer beschädigt wurde. Die im Zuge der Wiederherstellung anschließend neu hinzugekommenen Gebäude mit Plexiglaswellplatten-Fassaden und sichtbar belassenen Holzkonstruktionen lassen das Gesamterscheinungsbild der Anlage transparenter erscheinen und bringen eine „neue, weniger hermetische Note ins Paradies“.

Nach bald einem halben Jahrhundert gedanklicher Beschäftigung des Künstlers Cornelius Kolig mit dem „Paradies“-Projekt und einer fast vierzigjährigen Bauzeit des Eigentümers, Architekten und Paradies-Arbeiters Cornelius Kolig sind Architektur und Kunst des „Paradieses“ heute längst als Gesamtkunstwerk untrennbar mit dem Standort verbunden. Gesamtanlage und Einzelgebäude zielen in ihrer architektonisch-skulpturalen Ausformung auf künstlerisch intendierte Raumerlebnisse ab, die wiederum den Handlungsfunktionen und der Wirkung der Objekte zugutekommen.

Die Zurücknahme der Architektur zugunsten der Objektbenützung lässt sich am Beispiel der Gebäudedächer exemplarisch verdeutlichen: Blech, traditionelles Baumaterial der Slum- und Containerarchitektur, setzt als Eindeckungsmaterial im „Paradies“ mit den aus der Vogelperspektive besonders markant ins Augen fallenden durchgängigen Rasterungen zwar durchaus einen markanten gestalterischen Akzent, wurde aber nach Aussage Koligs hauptsächlich deshalb gewählt, um bei Schlechtwetter „das Geräusch des Regens zu verstärken“. In Kombination mit digital aufgezeichnetem Tonmaterial, mit Einspielungen von externen akustischen Signalen, wie etwa Mittagsläuten, Feuerwehrsirenen und den zusätzlichen optischen, haptischen und mechanischen Reizen von Materialien, Geräten, Utensilien, Fotos und Bildern entstehen neue künstlerisch nutzbare Assoziationsfelder, welche die Paradies-Maschinerie in Gang setzen und auch künftig in Gang halten werden.

Weiterführende Literatur: Kolig, Cornelius: Das Paradies. Die Bedienungsanleitung , Klagenfurt am Wörthersee: Ritter Verlag 2013