Glasfensterentwürfe als Puzzlesteine in der Geschichte des Stephansdomes

Glasfenster mit Maßwerk und Darstellung einer biblischen Szene
Wer kennt ihn nicht, den Stephansdom in Wien, das Wahrzeichen Wiens und Symbol der österreichischen Identität? Laufend Veränderungen ausgesetzt, dauert die Erforschung des Domes bis heute an und immer wieder finden sich im Kunsthandel Objekte, die als kleine Puzzlesteine zur Lösung des Aussehens vergangener Epochen beitragen können.

Im September 2017 gelangten im Auktionshaus Dorotheum Wien Entwürfe von Rudolf Geyling für Glasmalereien für die Vorhallen des Singer- und des Bischofstores von St. Stephan zur Versteigerung. Im 19. Jahrhundert, als die Bau- und bildende Kunst des Mittelalters Interesse erregte und die Phase einer stilreinen Regotisierung einleitete, die heute das Erscheinungsbild des Bauwerks prägt, sah das Programm des 1858 berufenen Dombaumeisters Leopold Ernst unter anderem die Herstellung gemalter Fenster in der gesamten Kirche vor. Ab 1880 ersetzte man die seit der Barockzeit bestehenden farblosen Fenster durch farbige Glasgemälde, an denen die Firma Carl Geylings Erben maßgeblich beteiligt war.

Gegründet vom Landschaftsmaler Carl Geyling 1841 in Wien, mit Firmensitz in der Windmühlgasse 28 in Wien 6, arbeitete die Werkstätte für Kunstverglasung und Glasmalerei mit Künstlern wie Josef Führich oder Franz Jobst zusammen. Sie schufen künstlerische Glasfenster für Kirchen, Monumental- und Profanbauten, nicht nur in Wien, sondern in der gesamten Monarchie. Als Rudolf Geyling, ausgebildet an der Akademie der bildenden Künste in Wien, nach dem Tod seines Onkels Carl 1880 die künstlerische Leitung der Firma übernahm, entwarf auch er Glasmalereien, unter anderem die Glasgemälde für die Kirche Maria am Gestade, für die Mariahilfer Kirche und den Stephansdom. 1997 wurde die Glasmalereiwerkstatt „Carl Geylings Erben" an das Stift Schlierbach verkauft.

Nachdem 1889 die Instandsetzungen und Erneuerungen des Inneren des Doms abgeschlossen waren, begannen die Arbeiten an der Außenerscheinung des Bauwerkes und so wurden in der Zeit zwischen 1890 und 1898 das Singer- und das Bischofstor samt ihren Vorhallen instandgesetzt. Die an der Südseite gelegene Vorhalle des Singertores, um 1440 – 1450 errichtet, tritt mit drei Seiten hervor und weist in der oberen Zone von einem Kielbogen eingeschlossene vierteilige Fenster auf. Eines dieser Fenster zeigte die Errichtung der Ehernen Schlange, von Rudolf Geyling entworfen und 1897 in der Vorhalle des Bischofstores eingesetzt. Die Instandsetzung der an der Nordseite gelegenen Vorhalle des Bischofstors, um 1510 bis 1515 in Anlehnung an das Singertor errichtet, wurde 1898 mit der Einsetzung eines von der Firma Geyling ausgeführten Glasgemäldes, wie beim Singertor auch hier aus dem Gadnerschen Legat, beendet. Auch für die Vorhalle des Bischofstores entwarf Rudolf Geyling die Glasmalereien, unter anderem Das Opfer des Melchisedek. Die Entwürfe für diese Glasmalereien fertigte Rudolf Geyling in Aquarell, Feder und Tusche auf Karton, monogrammierte, datierte und beschriftete sie.

Da die Glasmalereien jedoch im Laufe des Zweiten Weltkriegs durch Bomben verloren gingen, ist es nun ein großes Glück, dass das Archiv der Dombauhütte zu St. Stephan diese Blätter im Zuge der Auktion Meisterzeichnungen, Druckgraphik bis 1900, Aquarelle und Miniaturen am 27. September 2017 ersteigern konnte, womit sie dem Inland erhalten bleiben. Denn diese Blätter haben nicht nur künstlerische, sondern auch kulturhistorische Bedeutung für Österreich, handelt es sich doch um die vorbereitenden Arbeiten zu den durch die Kämpfe des Zweiten Weltkrieges verloren gegangenen Glasmalereien des 19. Jahrhunderts des Singer- und Bischofstores des Domes von St. Stephan, dem Wahrzeichen Wiens und einem der wichtigsten Identifikationszeichen Österreichs.

Literatur:

Österreichische Kunsttopographie. Bd. 23: Geschichte und Beschreibung des St. Stephansdomes in Wien, Tietze, Hans [Bearb.]. - Baden bei Wien (1931)

https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Rudolf_Geyling

https://de.wikipedia.org/wiki/Stephansdom_(Wien

https://www.bauforum.at/glas/vorsicht-glas-53536