Bunte Räume – die Wandmalereien aus dem Haus der Medusa in Enns (Oberösterreich)

Malereifragment, an dem man die Wölbung der Decke erkennen kann
Die Lösung eines archäologisches Puzzles der Sonderklasse lässt die bunten Wände und Decken eines römischen Hauses ihre Geschichten von neuem erzählen.

Es war eine Notgrabung, ein Parkplatz sollte gebaut werden, es war mit römischen Bauresten zu rechnen, und die fanden sich auch. Ein großes, annähernd quadratisches Haus, das offenbar über längere Zeit genutzt worden war, mehrere Bauphasen waren sichtbar, der Status der Bewohner war offenbar hoch, das verriet die Ausstattung der Räume.

Womit niemand gerechnet hatte: dass in zwei nebeneinanderliegenden Räumen Wand- und Deckenmalereien erhalten waren. Das ist selten, es war der erste solche Fund in Noricum, er erweitert unser Verständnis für die Art, wie römische Bürger Bilder nutzten, um ihre soziale Stellung, ihre Bildung, wohl auch ihre persönlichen Vorlieben zum Ausdruck zu bringen.

Ein großartiger Fund – in überwältigender Form: Die Fragmente wurden in großen Blöcken geborgen, weitere verstreute Teile füllten mehr als 60 Kisten. Es war offensichtlich, dass die archäologische Aufarbeitung enormen Arbeitsaufwand erfordern würde. Die Malereireste stammten sowohl von den Wänden als auch von den eingestürzten gewölbten Decken, sie mussten voneinander getrennt und unterschiedlichen dekorativen Komplexen zugeteilt werden, das war um so schwieriger, als verschiedene Malschichten übereinander lagen. Es dauerte (wie häufig bei archäologischen Funden) Jahre, bis genug Zeit und Geld vorhanden war, um an die Konservierung, Restaurierung und Rekonstruktion zu gehen. So lange lagerten die Blöcke sicher im Depot des Bundesdenkmalamtes.

Es ist kein Zufall, dass dieser aufregende Fund ausgerechnet in Enns zutage trat. Lauriacum war ein zentraler Verkehrsknotenpunkt am Donau-Limes und damit nicht nur als Legionsstützpunkt, sondern auch als Handelsplatz bedeutend. Mit der Restaurierung der Malereien wird es möglich, die Raum-Ausstattung gut situierter Bürger in einer zentralen Stadt der nördlichen Provinz mit dem zu vergleichen, was zur selben Zeit in Rom in Mode war.

Und da finden sich große Ähnlichkeiten. Sowohl in der Art, wie die Raumhierarchie zum Ausdruck gebracht wurde, als auch in Stil und Inhalt der Malereien. Der römische Trend zu Marmorimitation und zu Rapportmustern findet sich in Lauriacum wieder, Eck- und Mittelmedaillons zeigen, in Lauriacum wie in Rom, Figuren und mythologische Bilder, Noricum war hier ganz offenbar auf der Höhe der Zeit.

Die namengebenden Medusen-Köpfe könnten dabei einem sehr speziellen Zweck gedient haben: der Gefahrenabwehr in dieser Stadt an der Grenze. Wie auf einem Schild soll das Medusenhaupt an der Wand Feinde fern halten, die Sicherheit der römischen Familie bewahren.

Wer es wagt, einer Jahrhunderte überdauernden konservierten und restaurierten Medusa ins Auge zu sehen, kann das noch bis April in der Ausstellung im Kunsthistorischen Museum (LINK) tun. Danach werden die römischen Malereien als Teil der oberösterreichischen Landesausstellung gezeigt. Und über die einzelnen Restaurierungsschritte berichtet der neueste Band von Fokus Denkmal

The Virtual House of Medusa