Verurteilt, geköpft und bestattet

barocke Steinskulptur einer Madonna mit Kind
Eine neu entdeckte Madonna der Basilika Maria Loretto (Burgenland).

Eine kuriose und gleichzeitig sensationelle Entdeckung wurde bei der 2016 durchgeführten Restaurierung der Gnadenkapelle im ehemaligen Servitenkloster Loretto im Burgenland gemacht: Im Sockel der Altarmensa fand sich eine bisher unbekannte frühbarocke Steinskulptur einer Madonna mit Kind, die offensichtlich nach einer Zerstörung während des zweiten Türkenfeldzuges 1683 dort rituell bestattet worden ist.

Im Zuge des zweiten Türkenfeldzuges wurden viele Kirche und Klöster gebrandschatzt und zum Teil vollständig eingeäschert. Auch Loretto blieb von Kara Mustafas Heer nicht verschont. Nach Adolf Mohl kamen am Vormittag des 13. Juli 1683 Tataren, welche sich als Vasallen dem türkischen Hauptheer angeschlossen hatten, nach Loretto und steckten Kirche und Kloster in Brand. In der Krypta von Loretto wurden die Särge aufgebrochen und beraubt. In der Kirche wurden Altäre, Bilder und Bänke, zertrümmert, aufgeschichtet und in Brand gesteckt. Laut Franz Theuer wurde das Kloster Loretto nicht von Tartaren, sondern von kalvinischen Kuruzzen, die die Hauptstreitmacht von Kara Mustafa mit rund 2000 Mann begleiteten, überfallen. Junge kalvinische Adelige sollen die steinerne Statue der Gnadenmutter, welche sich auf einer hohen, massiven Säule auf dem Platz vor der Kirche befand, herabgehoben haben. Sie klagten sie in einem Tribunal an und verurteilten sie an der Verfolgung der ungarischen Kalviner schuldig zu sein. Die Gottesmutter wurde zum Tod verurteilt und soll, so die Aufzeichnungen, anschließend im Kreis der johlenden Kuruzzen geköpft worden sein. Den erschütternden Hintergrund dieses grotesken Tribunals bildeten das brennende Kloster und die in Rauch und Flammen gehüllten Kirchtürme von Loretto. Theuer bezieht sich bei der Beschreibung dieses Vorganges unter anderem auf einen im Tagebuch des Priesters Balthaser Kleinschrot von 1683 geschilderten Augenzeugenbericht: „Eben hab ich mir sagen lasßen, das, alß sie das Serviten kloster Loreto an Leuthäberg haben ein bekhomben, das sie alldorten sollen haben das Frauenbild, welches auf einer hochen seilen von stein gehauen vor der kirchen gestandten, herab genohmben, über dasselbige einen rechten gerichtlichen process gehalten, veruhrteilt, zum tott verdamet und hernach offentlich geköpffet. Waren das Tartarn? Nein, songern kezer, meineydige verruechte Christen und vill ärger alß Tartarn.“

Nach der Rückkehr der Serviten im Oktober 1683 begann trotz zunächst beschränkter finanzieller Mittel umgehend der Wiederaufbau von Kirche und Kloster. 1685 wurde für einen Altar in der Lorettokapelle ein Tabernakel aus Wien gebracht. Der Altar, in dem die Skulptur gefunden wurde, stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Über die Zeit zwischen dem Beginn des Wiederaufbaus der Kapelle und der Errichtung des Altares liegen bisher keine Unterlagen vor. Der ungewöhnliche Fund wird derzeit in der Abteilung für Konservierung und Restaurierung eingehend untersucht. Den Schriftquellen zufolge ist die Skulptur um 1660/70 entstanden und hat sich ursprünglich auf einer Säule vor der Kirche befunden. Tatsächlich fand sich in der Altarmensa neben dem Rumpf der Madonnenstatue auch der abgetrennte Kopf.

Die durchgeführten Arbeiten umfassen die Archivrecherche zur Geschichte dieses Objekts, eine Zustandsdokumentation, eine Reinigung der Oberfläche, ein Konsolidierung lockerer Fassungsfragmente sowie die Erarbeitung eines Präsentationskonzepts. Die außergewöhnliche Geschichte des Objekts, beziehungsweise der daraus ableitbare Kultwert findet bei allen durchgeführten Maßnahmen größte Berücksichtigung. Nach Abschluss der Arbeiten soll daher die Skulptur auch wieder im Altar „bestattet“ werden und durch ein Gitterfenster an der Rückseite des Altartisches sichtbar bleiben.

Literatur:

Franz Theuer: Verrat an der Raab, Als Türken, Tartaren und Kuruzzen 1683 gegen Wien zogen, Stuttgart, Zürich 1976.

Adolf Mohl: Die Geschichte des Gnadenortes Loretto in Ungarn, Eisenstadt 1894.