Stadtturmerlebnis neu: „Doppel-Helix“ als gewendelter Auf- und Abstieg im freigespielten Schacht

659241096.jpg
Während die Außenarbeiten am Innsbrucker Stadtturm 2014/15 rein konservatorischen Charakter hatten – die markante Kupferhaube wurde mit Altmaterial ausgebessert und das steinsichtige Mauerwerk der Fassaden kontrolliert – begannen im Frühjahr 2016 die Ausräumarbeiten im Inneren des Turmschaftes.

Auslöser für die intensive Beschäftigung mit dem Inneren des Stadtturmes war die Notwendigkeit der Verbesserung des Brandschutz- und Fluchtwegekonzeptes. Diese viel besuchte Touristenattraktion im Herzen der Innsbrucker Altstadt bot mit Betontreppe und Betonvorblendungen in den unteren Geschoßen, den Zwischendecken sowie den abenteuerlichen Leitungsführungen bis hin zu einem WC-Abfluss, etliche unschöne Eindrücke auf dem Weg nach oben. Die schmale Eisentreppe in den obersten Geschoßen hätte auf jeden Fall für das Erreichen eines gewissen Sicherheitsstandards massiv umgebaut werden müssen. Aus diesen Gründen gingen die Überlegungen von Beginn an in die Richtung eines kompletten Erschließungsneubaus im Inneren. Voraussetzung und Grundlage dieser Planungen war die vorherige bauhistorische Untersuchung des Turmschaftes, insbesondere auch der Zwischendecken. Im Herbst 2015 und baubegleitend wurde vom Team Bauforschung-Tirol (D.I. Barbara Lanz und D.I. Sonja Mitterer) eine Bauuntersuchung durchgeführt. Diese belegt, dass der Stadtturm – wie aus den Quellen bekannt – in seiner heutigen Form in zwei Bauphasen des 15. und 16. Jahrhunderts entstand. Die Daten konnten im Zuge der Untersuchungen verfeinert werden: Der quadratische, massive Unterbau wird in einem Guss in der Mitte des 15. Jahrhunderts mit einheitlich gestalteten Tür- und Fensteröffnungen errichtet. Die steinsichtigen Außenansichten des Turmes bestehen aus großen Brecciequadern; das Turminnere zeigt ebenfalls ein Sichtsteinmauerwerk aus annähernd lagigen großen Bruchsteinen und Auszwickungen mit Bruchsteinen und Ziegeln. Das dendrochronologisch nachgewiesene Datum für die Errichtung des Stadtturmes stimmt mit jenen aus den Quellen nahezu exakt überein: der Turm wird erstmals im Frühjahr 1450 in Zusammenhang mit einem Nachbargebäude erwähnt, die Bauhölzer sind jedoch teilweise erst später geschlagen (Winterhalbjahr 1450/51). Somit ist der Turm zum Zeitpunkt der Erstnennung vermutlich noch im Bau. Der achteckige Aufbau mit den halbrunden Erkern weist formal auf eine spätere Errichtungszeit hin und ist somit vermutlich auch zeitgleich mit der Zwiebelhaube mit Laterne zu sehen. Diese wird entsprechend den historischen Daten und Abbildungen sowie in Abstimmung mit den Ergebnissen der dendrochronologischen Untersuchungen um 1559/1560 errichtet. Das Geschoß für den Turmwächter mit halbrunden Erkern ist bauzeitlich somit der 2. Bauphase des Stadtturmes zuzuordnen. Bis heute kaum verändert, besteht es aus einer Turmstube mit Bohlenbalkendecke, einer kleinen, überwölbten Küche sowie dem ebenfalls überwölbten Vorraum zur Erschließung der Dach- bzw. Glockengeschoße. Die späteren baulichen Maßnahmen und Veränderungen sind marginal: den bestehenden Fensteröffnungen im Unterbau werden im frühen 19. Jahrhundert raumseitig einfache Fenster vorgesetzt, meist einflügelig und dreigeteilt mit Winkelbändern. Ende des 19. Jahrhunderts wird die bisher bestehende Eisentreppe eingebaut, dazu die Mauerschale der Ost- und Südwand stellenweise etwas ausgenommen. Der betonierte, untere Teil der Treppe entsteht im 20. Jahrhundert. Obwohl es im Unterbau in regelmäßigen Abständen Mauerrücksprünge an den Wänden gibt, finden sich in den Untergeschoßen keine Hinweise bzw. Balkenlöcher für Geschoßebenen. Die erste bauzeitliche Decke gibt es erst auf einer Höhe von ca. 28m (5. Obergeschoß). Die Dachkonstruktion der Zwiebelhaube mit Laterne liegt auf dem achteckigen Aufbau auf, ist einheitlich in der 2. Phase errichtet und kaum verändert. Aufgrund der Ergebnisse der Bauuntersuchung konnten die Zwischendecken entfernt werden, sodass der gesamte Turmschaft wieder in einer Höhe von 28 Metern erlebbar ist. Architekt D.I. Hanno Vogl-Fernheim konzipierte zwei freistehende, ineinander verschränkte, gegenläufige Stahl-Wendeltreppen, eine „Doppel-Helix“. Eine Wendeltreppe dient dem Auf-, die andere dem Abstieg. Beide Treppen wurden mit Punktankern im Mauerwerk verankert. Die Leitungsführungen sind in zwei freistehenden vertikalen Rohren verborgen bzw. an den Außenseiten der Treppenwangen entlang geführt, um die Turmoberflächen gut sichtbar zu belassen. Mit dem Abbau der alten Treppenanlage nach unten erfolgten gleichzeitig die „groben“ Arbeiten, wie das Entfernen der Zementvormauerungen in den unteren Geschoßen. Mit Hilfe einer im Turmschaft bewegbaren Arbeitsplattform erfolgte eine erste restauratorische Bearbeitung der unterschiedlichen Wandflächen. Dazu gehörte die Freilegung glatter, zum Teil gotischer Putzoberflächen und die Reinigung und Ausbesserung des steinsichtigen Mischmauerwerkes. Die Einzelteile der beiden Stahltreppen wurden vor Ort im Turmschaft von unten beginnend mit Hilfe einer temporären Montagekonstruktion zusammengeschweißt – die letzten Teile mussten über die bereits montierte Treppe über viele Stufen nach oben getragen werden.

Die eleganten schwarzen Stahltreppen mit integrierten Beleuchtungskörpern in den Ecken und die Verkleidungen am oberen Abschluss zur Türmerstube stehen als neue Elemente in einem Dialog mit den freigelegten historischen Oberflächen im Turmschaft, sodass deren Qualitäten und Aussagen über die gesamte Höhe des Turmschaftes erfahrbar sind.

Ein Auf- und Abstieg im neuen Stadtturm ist seit seiner Wiedereröffnung am 2. September 2016 dem Umbau mit begleitenden Restaurierungsmaßnahmen nicht nur für TouristInnen, sondern auch für HistorikerInnen oder DenkmalpflegerInnen ein Erlebnis.