Bewahrung und Veränderung

Barockes Schmiedeeisengitter mit Ranken und Ornamenten vor dem  Hintergrund der Empore
Beinahe 70 Jahre waren seit der letzten großen Innensanierung der Pfarr- und Wallfahrtskirche „Zu unserer lieben Frau“ in Mariapfarr vergangen, ehe die Pfarre 2014 nach langer Vorbereitung erneut eine Restaurierung von Raumschale und Ausstattung in Angriff nahm.

Die Pfarrkirche Mariapfarr blickt auf eine lange und ereignisreiche Geschichte zurück. Schon 923 erstmals erwähnt gilt sie als „Mutterkirche des Lungau“ und war mit ihrem Gnadenbild der „Schönen Madonna von Mariapfarr“ lange Zeit der wichtigste Wallfahrtsort der Region.

Berühmtheit erlangte die Kirche aber auch aus einem anderen Grund: 1816 schrieb hier der damalige Mariapfarrer Hilfspriester Josef Mohr jene Verse, die 1818 von Franz X. Gruber für das Weihnachtslied "Stille Nacht" verwendet werden sollten.

Vielfältige Bau- und Ausstattungsphasen

Die heutige Pfarrkirche geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Von der romanischen Bau- und Ausstattungsphase zeugen heute noch Wandmalereien im Chorraum aus dem 13. Jahrhundert. Prägend für die architektonische Wirkung der Kirche wurde aber der gotische Ausbau: Der Umgestaltung des Chorraumes Mitte des 14. Jahrhunderts folgte die Errichtung der Georgskapelle im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts und schließlich die Einwölbung des Langhauses mit der Weihe 1446. Während dieser Zeit entstand auch eine zweite Phase von Wandmalereien im Chorraum und in der Georgskapelle, ebenso kleinere heute ebenfalls wieder aufgedeckte Malereien im Langhaus.

Von der barocken Umgestaltung der Kirche sind die Seitenaltäre und verschiedene andere Ausstattungsstücke erhalten geblieben. Vor allem aber das schmiedeeiserne Rankengitter im Langhaus aus dem Jahr 1731 und das weitgehend unveränderte barocke Gestühl sind für das innere Erscheinungsbild der Kirche prägend geworden.

Der neogotische Hochaltaraufbau geht auf die Kirchenrenovierung 1896 zurück, wobei in den neuen Schrein die gotische Madonna und Teile eines spätgotischen Flügelaltars integriert wurden. Nachhaltig geprägt haben das Bild der Kirche schließlich die 1946-48 vorgenommenen Freilegungen der mittelalterlichen Wandmalereien.

Schon diese knappe und unvollständige Auflistung der Bau- und Ausstattungsgeschichte zeigt, dass im Laufe der Jahrhunderte eine Vielzahl qualitativ hochwertiger architektonischer, künstlerischer und (kunst-)handwerklicher Elemente Eingang in diese Kirche fanden – Elemente, von denen jedes für sich Aufmerksamkeit verdient. Es macht aber den Charme und die besondere Atmosphäre der Kirche von Mariapfarr aus, dass sich diese schon einzeln beachtenswerten Gestaltungselemente und Details aus unterschiedlichen Epochen zu einem unverwechselbaren harmonischen Ganzen zusammengefügt haben.

Vielgestaltiger Bestand in harmonischer Einheit

Ziel der 2014 gestarteten Restaurierung musste es darum sein, diese Einheit mit all ihren verschiedenen Elementen zu bewahren. Und wenn auch liturgischen Notwendigkeiten, bautechnischen Erfordernissen und modernen Ansprüchen der Nutzung Rechnung zu tragen war, so herrschte von Beginn an Einigkeit zwischen Pfarre, Denkmalpflege und Ausführenden über die weitest mögliche Erhaltung dieses überlieferten Bestandes und seines Zusammenspiels.

Eine besonders bemerkenswerte Leistung stellte dabei die Sanierung des barocken Steinbodens dar, der nach Jahrhunderten der Abnützung uneben, schadhaft und an vielen Stellen provisorisch mit Zement ausgeflickt war. Keiner der zunächst bemusterten handelsüblichen Ergänzungssteine fügte sich in das sehr einheitliche Bild des alten Bodens ein.

Die historischen Platten aus Schaidberger „Marmor“ stammten von Brüchen am Radstädter Tauern, die inzwischen längst erschöpft oder im Zuge des Straßenbaus still gelegt worden waren. Schließlich gelang es an einzelnen Fundstellen noch ausrechendes Steinmaterial zu gewinnen, damit sowohl die Ergänzung fehlender als auch die Ausbesserung bestehender Platten aus dem Bestandsmaterial möglich war. Dank dieser frisch gebrochenen Steinplatten konnte auch das Holzpodest zur Aufstellung des Volksaltars durch zwei zusätzliche Vorlegestufen aus Stein ersetzt werden, was dem Altarraum wieder deutlich mehr Einheit und Geschlossenheit gibt.

Der Boden – in situ ausgebessert und nach historischem Vorbild ausgezwickelt, ergänzt und an den gröbsten Unebenheiten im Niveau wieder ausgeglichen – gibt nur bei genauer Betrachtung die gerade abgeschlossene Sanierung zu erkennen und lässt in seiner Unregelmäßigkeit und den Nutzungsspuren sein Alter spüren.

Ebenso erfreulich ist es, dass auch das barocke Gestühl in großem Umfang und in seiner gealterten Erscheinung beibehalten werden konnte. Konstruktive Ausbesserung und Ergänzung schadhafter Bereiche und eine vorsichtige Reinigung der Oberfläche haben die Bankblöcke in ihrem gewachsenen Zustand konserviert, selbst die abgegriffenen und zum Teil angeschmorten Teile der Docken blieben erhalten. Lediglich die Abstände zwischen den Bankreihen wurden etwas erweitert, um heutigen Körpergrößen besser gerecht zu werden.

Ein neuer Platz im Kirchenraum musste dagegen für das barocke Gitter gefunden werden, das – zwischen den vordersten Bankblöcken und dem Chorraum aufgestellt – eine liturgisch heute nicht mehr vertretbare Trennung zwischen Pfarrer und Messbesucherinnen und Messbesuchern bildete. Es wurde nunmehr knapp vor die Empore versetzt. Lediglich ein schmales Feld musste wegen unterschiedlicher Breiten des Langhauses an seiner ursprünglichen Position verbleiben. Aus Sicht der Denkmalpflege wäre natürlich ein Verbleib an der historischen Position wünschenswert gewesen, aber auch an seinem neuen Aufstellungsort beeindruckt das Gitter mit seiner Größe und seinen kunstvollen Ornamenten. Eine Restaurierung der Oberflächen des ursprünglich polychrom gefassten Gitters steht noch aus, erst dann wird es seiner ganzen Schönheit wieder zur Geltung kommen.

Farbgebung der Raumschale und Integration der freigelegten Fresken

Ein Hauptaugenmerk bei der Neufassung der Raumschale galt der Integration der nach dem Zweiten Weltkrieg freigelegten mittelalterlichen Wandmalereien in die Wandflächen des Chorraums durch Auffrischung und Konservierung des Malereibestandes. Die damaligen Restauratoren hatten eine Präsentationsform der Malereien und Malereifragmente auf zurückgesetzten, rechtwinkelig angelegten Bildfeldern gewählt, die eine starke Abhebung zu den umgebenden Nullflächen und überputzten Fehlstellen ergab. Jahrzehnte der Alterung hatten aber auch den freigelegten Malereien vieles von ihrer Farbigkeit und Kraft genommen, sodass der Chorraum mit dem grauen Farbton der Wandflächen und dem grau-braunen Stein der Pfeiler und Gewölberippen zuletzt einen beinahe düsteren Charakter aufwies.

Die 2015 vorgenommene Reinigung und punktuelle Restaurierung der Fresken brachte die bemerkenswert kräftige Farbigkeit der Malereien wieder zum Vorschein. Gemeinsam mit der neuen, an der gotischen Gestaltung orientierten hellen Farbgebung der Raumschale änderte sich die Erscheinung des Kircheninneren deutlich: Wirkte er zuvor durch die Wandfassung mit Schwämmchentechnik der letzten Ausmalung sowie die Patina mehrerer Jahrzehnte grau und stumpf, vermittelt der Kirchenraum jetzt ein strahlend helles Aussehen, das den mit dem früheren Aussehen vertrauten Kirchenbesucher durchaus überrascht.

Bei den Wandmalereien selbst respektierte man letztlich das 1946-48 umgesetzte Restaurier- und Gestaltungskonzept: Angesichts des Umfangs der damaligen Eingriffe und Retuschen wäre eine Reduzierung dieser Interpretation aber wohl auch ein allzu gewagtes Unterfangen geworden.

Reiche Ausstattung

Parallel zu den Arbeiten an der Raumschale ging auch die Restaurierung von Altären, Gemälden und dem sonstigen reichhaltigen künstlerischen Schatz der Kirche vonstatten. Besondere Erwähnung verdient dabei, dass der neogotische Hochaltar in allen seinen Teilen wiederhergestellt werden konnte. Ihn hatte man Ende der 1940er Jahre als zu groß und im Chorraum zu dominierend empfunden und deutlich verkleinert – die abgebauten Fialen, Kreuzblumen und Skulpturen aber zum Großteil am Dachboden des Pfarrhofes aufbewahrt. Die jetzige Wiederherstellung in seiner ganzen neogotischen Größe und Feinheit setzt im Altarraum einen zusätzlichen Akzent.

Bei der neuen Ausstattung des Altarraums orientierte sich die Pfarre an bewährten Materialien: Der neue Volksaltar wurde aus einem großen, zerklüfteten Block aus Schaidberger Marmor gearbeitet und wächst massig aus dem Boden aus Schaidberger Platten heraus. Der neue Ambo aus demselben Material vervollständigt die neue Chorraumgestaltung.

Wie bei vielen großen Kirchenrestaurierungen bleibt auch in Mariapfarr noch viel zu tun, was bei der Vielzahl bedeutender Ausstattungsstücke kaum verwundert. Ein bemerkenswerter Lederchristus aus der Krypta erwartet beispielsweise noch eine fachgerechte Restaurierung, ebenso die polychrome Fassung des Kirchengitters. Die Weihe des neuen Volksaltars am heurigen Patroziniumsfest Mariä Himmelfahrt bildete für die Restaurierung daher wohl noch keinen Abschluss aber einen würdigen Höhepunkt.