„Vorzüglich billig, dauerhaft, leicht zum Aufstellen und Aufbewahren“. Ein „Kataloggrab“ aus Olmütz

Glassteine auf Papier festgenäht
In einer Seitenkapelle der röm.kath. Pfarrkirche Allerheiligen hat sich als reizvolle österliche Kulisse ein Heiliges Grab von ungewöhnlicher Machart erhalten, ein Glas-Mosaik-Werk der Firma Eduard Zbitek in Olmütz.

Mit dem Aufschwung des Jesuitenordens in der Gegenreformation erlebte das Heilige Grab, ein Beispiel barocker Festarchitektur, eine Hochblüte. Die spektakulären technischen Effekte und Szenographien des jesuitischen „theatrum sacrum“ wurden auch bei den Heiligen Gräbern der Barockzeit auf eindrucksvolle Art eingesetzt. Eigens komponierte Oratorien bildeten die musikalische Umrahmung für üppige szenische Dekorationen, wie sie sich etwa in herausragenden Beispielen des 18. Jahrhunderts in Tirol erhalten haben. Als Folge der josephinischen Reformen gingen jedoch viele dieser Grabaufbauten zugrunde. Nach Jahren des Niedergangs setzte in biedermeierlicher Zeit ein nochmaliger Aufschwung ein, neben gemalten Kulissen in nazarenischem Stil finden sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auch konfektionierte Heilige Gräber, wie die aus Glassteinen und –perlen geformten Gräber der Firma Zbitek in Mähren. Schon 1823 stellte Stephan Edler von Keeß, Direktor des k.k. Technischen Kabinetts, einer Mustersammlung von Industrieprodukten der Monarchie, angesichts der prosperierenden Glasfabrikation in den Ländern der böhmischen Krone lakonisch fest: „Die meisten und größten Glasfabriken hat Böhmen.“ Dichte Wälder und reiche Bodenschätze begünstigten den Aufstieg der regionalen Glasindustrie zu einem blühenden Industriezweig. Die glänzenden Erfolge der böhmischen Industrie gaben auch entscheidende Anregungen für den Aufbau der Glasindustrie in Mähren, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ebenfalls einen rasanten Aufstieg erlebte. 1856 gab es bereits 13 Glashütten, 1862 17 Erzeuger von Glas- und Glaswaren, in diesem überwiegend agrarisch geprägten Kronland. Das industrialisierte Umfeld begünstigte 1846 die Gründung der „Glaswaaren-Niederlage“ in Olmütz (Mähren) durch Eduard Zbitek. 1860 erhielten Eduard und Conrad Zbitek, Glasermeister und Glashändler unter der protokollierten Firma Zbitek’s Söhne in Olmütz, das ausschließliche Privileg auf ihre Erfindung: die Anfertigung von transparenten Mosaikbildern aus geschliffenen Glassteinen, die sie en gros in Gablonz (Böhmen) erwarben. Ab den späten 1860er Jahren wurde Eduard Zbitek in Zeitungsannoncen als Besitzer des „k.k. allerh. Landesprivilegiums auf Erzeugung von transparenter Glas-Mosaik hl. Gräber“ genannt. 1885 löste ihn sein Sohn Emil Zbitek in der Firmenleitung ab, der den Firmensitz nach Neustift bei Olmütz verlegte. Ab den 1890er Jahren wurde auch ein „Service“ für gebrauchte Gräber angeboten. Über die Jahrzehnte pries die Firma ihre Produkte höchst professionell in monarchieweit geschalteten Inseraten an, in Zeitungen wie der „Bukowinaer Rundschau“, dem „Grazer Volksblatt“, dem „Fränkischen Volksblatt“, „Das Vaterland“ oder den „Neuen Tiroler Stimmen“: „Zur bildlichen Darstellung der heiligen Geheimnisse, welche die katholische Kirche in der Charwoche feiert, gehört unstreitig auch das heilige Grab. Allein die Darstellung dieses erhabenen Momentes ist nicht immer eine würdige, besonders in Kirchen auf dem Lande, so daß die heilige Stätte oft nicht im Mindesten geeignet ist, das Gefühl der Andacht in dem Kirchenbesucher zu unterstützen. Das Unterlassen neuer Anschaffungen in dieser Beziehung mag wohl in dem Umstande zu suchen sein, daß die Herren Vorsteher der Meinung sind, eine solche Anschaffung sei mit großen, mit den Mitteln einer kleinen Kirche oder Gemeinde nicht im Verhältniß stehenden Kosten verbunden. Ich erlaube mir die P.T. Herren Kirchen- und Gemeinde-Vorsteher auf die von mir hergestellten heiligen Gräber, welche vorzüglich billig, dauerhaft, leicht zum Aufstellen und Aufbewahren sind, aufmerksam zu machen. … Auf gefällige Anfragen werden Illustrationen, Beschreibung und Preistarife franco zugesendet und hierüber nöthige Auskunft bereitwilligst ertheilt.“ Fast 1000 Stück dieser kunsthandwerklichen Arbeiten soll die Firma Zbitek bis zur Betriebseinstellung 1922 angefertigt und europaweit vertrieben haben: so hat sogar Papst Leo XIII. 1888 der Kathedrale von Karthago (Tunesien) ein Heiliges Grab aus Mähren gespendet. Die Gräber weisen eine charakteristische Erscheinung auf und sind vom technischen Aufbau durchwegs vergleichbar: ca. drei Millimeter starke Kartons wurden auf Holzrahmen aufgezogen, mehrere tausend farbige, handgeschliffene Glassteine in ausgestanzte Öffnungen gesteckt und mit Doppelfäden an der Rückseite fixiert. Von hinten beleuchtet – ursprünglich mittels Petroleumlampen, später elektrisch, ergab sich in abgedunkelten Räumen eine spektakuläre Wirkung. Wie die Pfarrchronik von Iffeldorf (Bayern) angesichts des neu errichteten Zbitek-Grabs 1895 berichtet, entlockte „dessen Anblick selbst Männern Thränen der Freude und Rührung.“ Die Motive wurden – wie an anderen erhaltenen Zbitek-Gräbern, etwa dem besonders prächtig gestalteten in der Basilika von Mondsee (OÖ) erkennbar – versatzstückartig zusammengesetzt. Das Frankenauer Heilige Grab zeigt einen ähnlichen Aufbau wie jenes in der Martinskirche von Drosendorf (NÖ). In Details wie der Gestaltung des Kreuzes und der Grabesnische mit ihrem geschnitzten und vergoldeten Kielbogenabschluss findet sich Vergleichbares in der Pfarrkirche von Söll (T) und in Pettneu am Arlberg (T). Absolut identisch ist das Heilige Grab von Černá v Pošumavi im Böhmerwald (Tschechien). Der zweiteilige Aufbau besteht aus einem mensa-artigen Tisch mit Grabnische und einer dahinterliegenden Schauwand mit dem Kreuz von Golgatha und dem Tuch der Kreuzabnahme. Aus dem Kreuz strahlt die Sonne als Symbol der Hoffnung durch die Auferstehung. Unter dem Kreuz steht die Bundeslade mit Trägerstab, auf der am Karfreitag das Allerheiligste ausgesetzt wird. Knieende Engel mit auf Glas gemalten Gesichtern flankieren Kreuz und Bundeslade, die Sinnbilder des alten und neuen Bundes. Das Hl. Grab in Frankenau hat die Liturgiereformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, als viele traditionelle Formen religiösen Brauchtums aufgegeben und auch zahlreiche Heilige Gräber beseitigt wurden, unbeschadet überstanden. Vermutlich ist es das einzige erhaltene „Kataloggrab“ der Firma Zbitek im Burgenland. Bei der kommenden Restaurierung sollen vor allem Risse und Fehlstellen am braunen Montagekarton und Fassungsschäden an der Holzeinfassung behoben werden. In der Karwoche 2017 wird es wieder in seiner vollen Wirkung zur Geltung kommen.