Höfische Pracht und innige Andacht

Darstellung der Kreuzigung Christi flankiert von Maria und Johannes
Mit der „Kreuzigung Christi“ des sog. Albrechtsminiators fand ein kostbares Werk der österreichischen Buchkunst des Spätmittelalters seinen Weg in eine öffentliche Sammlung

Das Wien des späten Mittelalters erlebte mit der Gründung der Universität, dem Ausbau prächtiger Kirchen wie St. Stephan und der Etablierung als Residenzstadt einen bemerkenswerten kulturellen Aufschwung. Dieser erfasste auch die zunächst im Schatten Prags stehende Buchkunst, in der im späten 14. Jahrhundert erstmals eine heute unter der Bezeichnung „Wiener Hofminiatorenwerkstatt“ bekannte Gruppe von Künstlern in Erscheinung trat. Ihre vor allem von den Herzögen der Habsburger und ihrem Umfeld in Auftrag gegebenen Werke wurden bestimmend für eine wahre Blütezeit der österreichischen Buchmalerei, die fürstliche Repräsentation mit tief empfundener Religiosität verband. Ein anonymer Meister Unter diesen Hofkünstlern nimmt der sogenannte Albrechtsminiator eine herausragende Stellung ein. Doch weder der eigentliche Name noch die Lebensdaten des mittelalterlichen Meisters sind bekannt. Sein „Notname“ leitet sich von einem für Herzog Albrecht V. (1397 – 1439) geschaffenen Gebetbuch ab, an dessen aufwändiger künstlerischer Ausstattung er um 1435 beteiligt war. Nachweisbar ist der wohl in Wien ansässige Künstler etwa von den 1420er Jahren bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Von den anderen Malern der höfischen Werkstatt hebt sich der Albrechtsminiator durch seine kühle Farbigkeit, seine klaren, die Symmetrie bevorzugenden Kompositionen und die Konzentration auf wenige Farbwerte ab. Das ihm heute zugeschriebene Oeuvre als Schöpfer von Miniaturen und Initialen umfasst rund 20 Werke, unter denen sich oft nur als Fragment erhaltene Andachtsbücher, Missale und andere religiöse Handschriften finden. Ein wahrscheinlich aus einem Gebetbuch stammendes Einzelblatt ist auch die auf Pergament geschaffene Miniatur, welche die Kreuzigung Christi zeigt. Unter dem Kreuz trauern zu seiner Rechten die Gottesmutter Maria, zu seiner Linken der Apostel Johannes. Beide sind in blau-goldene Gewänder gehüllt, die sich strahlend vom mit Blattranken geschmückten Hintergrund abheben. In ihren stilistischen Eigenheiten wie dem Figurentypus, den Proportionen, dem charakteristischen Kolorit und zahlreichen Details zeigt die Miniatur deutliche Ähnlichkeiten mit einer Kreuzigungsdarstellung aus dem namensgebenden Andachtsbuch. Das wohl um 1435 in Wien entstandene Blatt lässt sich auch aus diesem Grund eindeutig dem Albrechtsminiator zuschreiben. Herrschaftliche Auftraggeber Zu den weltlichen wie auch kirchlichen Auftraggebern des Künstlers zählte neben Albrecht V. auch Friedrich III. (1415 – 1493), Herzog von Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Für welche Handschrift die besonders gut erhaltene Miniatur mit der Kreuzigung ursprünglich geschaffen wurde, ist der Forschung heute noch unbekannt. Die Herkunft aus einem vielleicht für einen dieser bedeutenden Herrscher des Hauses Habsburg bestimmten Gebetbuch erscheint aber möglich. In Österreich werden vom Albrechtsminiator illuminierte Werke u. a. in der Österreichischen Nationalbibliothek und den Stiftsbibliotheken von Melk und Klosterneuburg bewahrt, im Ausland in renommierten Institutionen wie der New Yorker Pierpont Morgan Library als auch in den Kollektionen privater Sammler. Im Kunsthandel allerdings werden gesicherte Arbeiten dieses wichtigen Meisters der heimischen Buchkunst der Spätgotik nur sehr selten angeboten. Ankauf durch die ÖNB Die aus einer österreichischen Privatsammlung stammende „Kreuzigung Christi“ des Albrechtsminiators gelangte vor einiger Zeit im Dorotheum Wien zur Versteigerung. Aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung für das heimische Kulturgut wurde vom BDA/ Abteilung für bewegliche Denkmale – Internationaler Kulturgütertransfer eine Ausfuhr aus Österreich nicht in Aussicht gestellt. Das zuvor der Wissenschaft nicht bekannte Blatt konnte bei der Auktion von der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek erworben werden, wo es nun der Forschung zur Verfügung steht und konservatorisch betreut wird. Die seltene Gelegenheit, das lichtempfindliche Blatt im Original bewundern zu können, bietet noch bis 21. Februar 2016 die Ausstellung „Goldene Zeiten. Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance“ im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek.