„Im Rossstall wird gespeist und in der Tenne getagt“

ehem. Rossstall und Remise nach der Restaurierung und Umbau zu Restaurant und Seminarräumen
Der ehemalige Rossstall der Propstei St. Gerold im Großen Walsertal in Vorarlberg ist ein gelungenes Beispiel einer Nutzungsänderung in einem historischen Gebäude. Die bis zuletzt von Pferden besetzte Stallscheune und anschließende ehemalige Remise wurden zum neuen Restaurant der Propstei, dem Klosterladen, einem Seminarraum und zwei barrierefreien Gästezimmern umgebaut.

Die Propstei St. Gerold im Großen Walsertal blickt auf eine über 1000 Jahre alte Geschichte zurück. Ein Großteil des Propsteigebäudes mit Kirche und die ehemalige Antoniuskapelle stammen aus der Zeit des frühen 13. Jahrhunderts. Geringe Reste der Vorgängerbauten aus dem 10. Jahrhundert sind in deren Kern noch erhalten. Die Kirche und die Propstei wurden in der Gotik, der Barockzeit, dem Historismus und zuletzt in der2. Hälfte des 20. Jahrhunderts erweitert bzw. umgebaut. Um diese Kernbauten wurden Wirtschaftsgebäude gruppiert, so etwa der Rossstalltrakt und das nördliche Landwirtschaftsgebäude in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts oder die Schmiede im 19. Jahrhundert. Besonders eindrucksvoll sind auch die barocken Ausstattungen mehrerer ehemaliger Propsteiräume. Der Kirchenraum ist eine zeittypische Raumgestaltung der1960er Jahre mit dem Chorfresko von Ferdinand Gehr. Damals wurde die Propstei umfangreich und aus heutiger Sicht mit wenig Rücksicht auf die historische Substanz renoviert und zu einer offenen Begegnungsstätte umgebaut. Es entstand ein religiöses, soziales und kulturelles Zentrum für die Region „Großes Walsertal“. Damit wurde die über 1000 jährige Geschichte der Propstei im Sinne der ursprünglichen Idee eines geistig religiösen und kontemplativen Ortes fortgeschrieben. Die Bedeutung der im Hochmittelalter gegründeten Klosteranlage liegt vor allem darin, dass über die Jahrhunderte die Tradition beibehalten wurde, in jeder Epoche das Bestehende zu respektieren und zumeist sensibel weitergebaut zu haben. Darum ist es nach wie vor ein Erlebnis St. Gerold zu besuchen oder auch aus einiger Entfernung als historisch gewachsenes und kulturell bedeutendes Ensemble wahrzunehmen. Die durch die recht intensive Nutzung in die Jahre gekommene Propstei mit Seminarzentrum muss den heutigen Anforderungen gemäß saniert werden. Dafür sind sechs Etappen geplant, deren erste nun mit der Zentralisierung von zwei Küchen und drei Speiseräumen im Bauteil des ehemaligen Rossstalles und der Remise umgesetzt wurden. Die neue Küche wurde dabei östlich außerhalb der historischen Gebäude mit Anschluss an die Gasträume positioniert. Der 1695/96 als Rossstall und Remise errichtete Baukörper sind der südlichste Teil hakenförmig aneinandergereihter Wirtschaftsgebäude östlich des Propsteigebäudes. Die Außenmauern des Rossstalles sind über beide Geschosse ein Bruchsteinmauerwerk, die der Remise eine Fachwerkkonstruktion. Über beiden Gebäudeteilen liegt der bauzeitliche gemeinsame Dachstuhl. Große Teile der ursprünglichen Bausubstanz sind noch erhalten. Besonders auffällig sind bei der Stallscheune die unregelmäßig verteilten kleinen und schlüsselschartigen Maueröffnungen, wohl als Licht- und Lüftungslöcher für die dort früher gelagerten Futtermittel gedacht. Diese verleihen dem giebelständig zum Tal stehenden Gebäude einen gewissen wehrhaften Charakter. Die Architekturoberflächen außen und innen waren noch weitgehend mit bauzeitlichen Kalkverputzen und geritzten Eckquaderungen bedeckt. Durch eine sensible Planung konnten im ehemaligen Stall der Speisesaal und in der Scheune darüber einen Seminarraum mit offenem Dachstuhl untergebracht werden. Zur Belichtung dienen im Erdgeschoß zweiflügelige und sprossengeteilte Doppelfenster. Im Seminarraum darüber war jede einzelne Öffnung eine Sonderanfertigung mit maßgefertigten, isolierten Fixverglasungen und Bleiverblechungen in den Fensterbänken. Die Architekturoberflächen bedurften einer hohen konservatorischen und partiellen rekonstruierenden Restaurierung. Damit präsentiert sich der davor schon imposante Bauteil im überlieferten Erscheinungsbild mit neuer Nutzung. Die neu eingebrachten Böden, die Ausstattung und glasteilende Raumtrennungen wurden dementsprechend auch mit Zurückhaltung eingebracht. Mit dem Abschluss dieser ersten Etappe scheint für die Propstei der Weg für weitere Revitalisierungsschritte eröffnet zu sein. Für diese wurden bereits Bauuntersuchungen vorgenommen, um im Zuge der Planungen ausreichend auf die historische Substanz Rücksicht nehmen zu können. Den weiteren Etappen wird allseits positiv entgegen gesehen.