Die Heilig-Blut-Kapelle von Stift Stams

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Mit der Einweihung der restaurierten „Greil-Orgel“ der Heilig-Blut-Kapelle am 27. September 2015 ist nicht nur die Innenrestaurierung dieses sakralen Tiroler Kleinods annähernd vollendet, man kommt auch dem Ende des letzten großen Restaurierungsvorhabens von Stift Stams einen großen Schritt näher. Dieses hatte im Jahre 1997 mit der statischen Sicherung der zwei charakteristischen barocken Zwiebeltürme ihren Ausgang genommen.

Unter den zahlreichen Stiften und Klöstern Tirols stellt das Zisterzienserstift Stams (gegründet 1273) zwar die jüngste der tirolischen Abteien dar, für die Geschichte des Landes ist es jedoch von außerordentlicher Bedeutung. Primär als Gedenkstätte für Konradin, den letzten Hohenstaufen und Stiefsohn von Graf Meinhard II. von Görz-Tirol gegründet, war Stift Stams durch zwei Jahrhunderte Begräbnisstätte der Tiroler Landesfürsten und ihrer Verwandten, von Meinhard II. (†1295) bis Sigismund dem Münzreichen (†1496). Durch den Erwerb der kostbaren Heiligblutreliquie unter dem vierten Abt Konrad Walder aus Füssen Anfang des 14. Jahrhunderts wurde Stift Stams zu einer vielbesuchten Wallfahrtsstätte. Der Ruf des Klosters war so hervorragend, dass ihm Kaiser Karl IV. sogar die deutschen Reichskleinodien und Reichsreliquien zur Aufbewahrung übergab; zwischen 1362 und 1410 wurde Stift Stams Hüter dieses Reichsschatzes. Zu der im Mittelalter begonnenen Wallfahrt zur Heiligblutreliquie kam im Barock, das dem Wallfahrtswesen besondere Bedeutung zugemessen hat, außerdem die Verehrung des Gnadenbildes Maria vom Guten Rat (Madonna von Genazzano) dazu, das 1757 unter Abt Rogerius Sailer angeschafft wurde. Zur Aufnahme der Heiligblutreliquie errichtete Abt Konrad Walder den ersten Kapellenbau, der 1306 geweiht wurde. 1625 erfolgte der teilweise Abbruch dieser nach Ritter Oswald-Milser († um 1395 in Stift Stams) benannten Kapelle. Zwischen 1715 und 1717 wurde sie unter Abt Augustin Kastner von Georg Anton Gumpp unter Verwendung der mittelalterlichen Langhausmauern neu barock gestaltet. Georg Anton Gumpp – in Rom geschult – gilt als der bedeutendste Vertreter dieser Innsbrucker Baumeisterdynastie und bekleidete ab 1713 das Amt des Innsbrucker Hofbaumeisters. Um 1800 erhielt die Heilig-Blut-Kapelle durch die Decken- und Wandmalereien von Josef Schöpf ihr heutiges klassizistisches Gepräge. Der im Südwesten an die Kirche angeschobene Bau zeigt einen flachgewölbten zweijochigen Betraum, im Osten schließt ein leicht erhöhter quadratischer Kuppelraum mit Segmentapside und im Süden rechteckig hervorspringender Seitenkapelle an. Das Innere der Kapelle besticht einerseits durch seine kräftige architektonische Gestaltung im Kuppelraum mit Kompositpfeiler, schwerem Gebälk und Gurtbögen, andererseits durch die qualitätvolle künstlerische Ausstattung: Die Pilaster und der Hochaltar sind aus edlem Stuccolustro, die lebensgroßen Figuren des Hochaltares (Hll. Josef, Joachim, Zacharias und Johannes d. Täufer) sind Werke des Bildhauers Andreas Kölle aus Fendels, das Altarbild „Kreuzigung Christi“ malte Mathias Pussjäger aus Meran, das Gnadenbild des feuervergoldeten Rokokotabernakels, das der Aufnahme der kostbaren Heilig-Blut-Monstranz dient, und die Fresken schuf Josef Schöpf. Daneben präsentieren die Schnitzereien der Betbänke Kunsthandwerk auf höchstem Niveau. Gegen die Vorhalle der Stiftskirche wird die Heilig-Blut-Kapelle durch das vielgerühmte Rosengitter abgeschlossen. Dieses 1716 vom Silzer Schlosser Bernhard Bachnetzer geschaffene Gitter aus Rauten mit Bünden im unteren, sowie Ranken- und Blattwerk mit erblühenden goldenen Rosen im oberen Teil gehört überhaupt zum Besten, was die Österreichische Kunstgeschichte auf dem Gebiet des Kunsthandwerks zu bieten hat. Die über dem Gitter hervorspringende Empore birgt mit der Orgel von Franz Greil aus dem Jahre 1771 ein barockes Klangdenkmal. Restaurierungsmaßnahmen: Erste Restaurierungsmaßnahmen der Heilig-Blut-Kapelle haben schon im Jahre 2006 mit der Renovierung des Dachstuhls – der insbesondere Schäden im Bereich der Kuppelkonstruktion aufwies – begonnen, die 2007 mit der Neueindeckung des Daches und der Neuverbleiung der Kirchenfenster fortgesetzt wurden. Dabei mussten die überwiegend noch originalen barocken Rechteckgläser neu verbleit und die barocken Trageisen instand gesetzt werden. Die Fensterrestaurierung hatte eine Reparatur sämtlicher Leibungsflächen zur Folge und somit letztlich eine Ausbesserung der Fassaden. Ab 2013 folgten die Begasung der Kapelle, die aufgrund des starken Anobienbefalls der Holzteile notwendig geworden war, ab 2014 die Vorarbeiten zur Innenrestaurierung (Musterfläche Boden, Musterfläche Rosengitter, Probeflächen an Wand- und Gewölbeflächen bei Nullflächen und Fresken, Probeflächen an Stuccolustroteilen und figuraler Ausstattung). Diese hatten das Ziel, den Zustand aus der Zeit um 1800 wieder herzustellen, als die Kapelle durch die malerische Ausgestaltung von Josef Schöpf ihr heutiges Erscheinungsbild erhielt. Zudem wurde bereits der Sockelputz abgenommen, um über den Winter ein Austrocknen zu ermöglichen. Teil des Restaurierzieles war auch der Wunsch des Konventes, eine thermische wie akustische Trennung von Kapelle und Stiftskirche zu schaffen; einerseits um den Kapellenraum zukünftig als einzigen temperierten Kirchenraum für Messen in der kalten Jahreszeit nutzbar zu machen, andererseits um kirchliche Feste – beispielsweise die in der Heilig-Blut-Kapelle sehr beliebten Hochzeiten oder Taufen – unabhängig von Veranstaltungen im Kirchenraum der Klosterkirche durchführen zu können. Dafür wurde 2015 in der Kapelle raumseitig mit wenig Abstand zu den Gittern eine Schutzverglasung eingebaut. Die Gliederung der Glasflächen orientiert sich an der Teilung des Gitters. Die tragenden Elemente sind mit C-Profilen aus Schwarzstahl ausgeführt, diese mit Schuppenpanzer und abschließend mit Ölfarbe gestrichen. Durch die bauhistorische Begleitung der Restaurierung war es möglich, bauliche Elemente der spätromanischen Errichtungsphase sowie sekundäre Ausstattungen und bauliche Veränderungen zu erfassen. Die Befunde und angelegten Sondierungen entsprachen den historischen Abbildungen und Beschreibungen der Lebersorg-Chronik, die Pater Wolfgang Lebersorg in den 30er-Jahren des 17. Jahrhunderts verfasst hat. Demnach dürfte die Kapelle in ihrer Grundrissausdehnung unverändert erhalten sein, die Apsis wird vermutlich nur ummantelt, die später errichtete querschiffartige Seitenkapelle gegen Süden durchbricht jedoch den früheren Baubestand. Da die Baubeobachtungen nur im Sockelbereich durchgeführt wurden, konnten dadurch keine Aussagen zur Höherentwicklung beziehungsweise den oberen Abschluss der Kapelle gemacht werden. Die Außenwände der Heilig-Blut-Kapelle mit ihrem lagigen Mauerwerk aus opus spicatum stammen noch aus spätromanischer Zeit. Vereinzelt ließen sich Reste von Ausstattung wie Putzoberflächen und Bodenbelägen aus gotischer und barocker Zeit feststellen. Als zeitlich älteste Schicht über dem romanischen Mauerwerk zeigte sich eine deckende geglättete Putzoberfläche, die mit der ersten Estrichschicht am Boden zusammenhängt. Sie ist bis in eine Höhe von ca. 20 cm erhalten und zeigt im Sockelbereich eine schwarze und rote Begleitlinie. Im Vierungsbereich wurden bei Restaurierungsarbeiten am Boden drei darunter liegende Hohlräume von Grablegen erkennbar. Die zumindest barocken Grablegen wurden nicht geöffnet, lediglich die Hohlräume hinterfüllt. Interessant sind neben den verschiedenen Holzunterbauten auch die unterschiedlichen farbigen Fassungen an den Pilastern. Die älteste Fassungsschicht, die zur Umbau- bzw. Ausstattungsphase der Kapelle von 1715–1717 gehören könnte, zeigt einen groben Gips mit rot, grau und ocker marmorierter Färbelung. Restaurierungsinschriften an einem Pfeilerkapitell im Langhaus gaben Auskunft über die Restaurierungsintervalle im 19. Jahrhundert, die ab der Umgestaltung des Innenraums durch Josef Schöpf im Jahre 1800 etwa alle 50 Jahre stattfanden, nämlich „1846“ und „1898“. Dieser Rhythmus wurde im 20. Jahrhundert bis heute in etwa beibehalten, die letzte Innenrestaurierung fand im Jahre 1952/53, die letzte Dachreparatur mit Neueindeckung 1969/70 statt. In der Sockelzone sind die Vormauerungen im Inneren wieder abgetragen und so ineffiziente Entfeuchtungsmaßnahmen der 1950er-Jahre rückgängig gemacht, außen im Gegenzug die Drainagegräben erneuert worden. Die Abnahme der Sockelzone ermöglichte den Einbau einer Wandtemperierung, die in Form von Infrarotheizmatten im Sockelbereich eingeputzt wurden. Infrarotstrahlungswärme erzeugt weniger Konvektionen und damit weniger Verschmutzung der Fresken durch Luftverwirbelungen. Im Zuge der Restaurierung kam es auch zu einer Erneuerung der Elektrik und Raumbeleuchtung. Die Restaurierung der Raumhaut beinhaltete die trockene Reinigung der Fresken mit wish-up, Feuchteschäden konnten entsalzen und Fehlstellen minimal mit Aquarell retuschiert werden. Wandflächen wie Gewölbenullflächen wurden entsprechend der Phase von 1800 neu in Kalk gefasst. Auffallend für diese Zeit ist die kühle Grünfassung der Kapitelle. Die Vergoldungen wurden nur gereinigt und lediglich an wenigen Stellen an der Decke, bei den Deckenfresken und im Bereich der Baluster der Empore bedurfte es einer Ausbesserung. Die Stuccolustropilaster wurden gereinigt, nachpoliert und mit Mohnöl eingelassen. Da die aus den 1960er-Jahren stammende und eine ältere Wandtäfelung ersetzende, hölzerne Wandverschalung im Sockelbereich durch die Wandtemperierung nicht mehr zweckdienlich war, mussten die Wandpilaster bis an das Bodenniveau (ca. 40 cm) verlängert werden. Die Verlängerung der Wandpilaster erfolgte in Technik, Ausführung und Farbigkeit dem Bestand in Stuccolustrotechnik. Die Pilastersockel sind in Putz ausgeführt, die profilierten Gesimse als Übergang von der Wandfläche zum Sockel wurden in Gipstechnik vorgefertigt und vor Ort eingebaut. Nach dem Entfernen der ästhetisch und technisch nicht fachgemäßen Plomben, rezenten Verfugungen und Fugenschnitten des spätbarocken Steinplattenbodens erfolgte eine Restaurierung und Neuverfugung. Zur Ergänzung wurde im Einzelfall Ersatzmaterial verwendet, in der Regel aber mit Kittungen aus den Abfallsteinen erstellten und mit Harz gebundenen Kieselsteinen gearbeitet. Fehlende Platten bzw. Betonplatten im Altarbereich konnten in adäquatem Steinmaterial (Sterzinger Marmor) ersetzt, anschließend die Oberfläche des Bodens mit Steinöl eingelassen werden. Der Wiedereinbau der barocken Sitzbänke erfolgte über einem neuen Sockel aus Estrich und Holzlattungen. Eine besondere Herausforderung stellte die Restaurierung des Rosengitters dar. Dabei wurden fehlende Teile nur geringfügig durch einen Kunstschmied ergänzt, insbesondere im Sockelbereich oder in Augenhöhe. Rost und sekundäre Farbschichten konnten manuell entfernt werden. Nach der Trockenreinigung folgten eine feuchte Reinigung des Gitters und eine Konservierung mit Bleiseife als Korrosionsschutz. Das Anlegen von mehreren Probeflächen hatte zur Folge, dass nur einzelne Gitterteile wieder vergoldet werden mussten, insbesondere abgegriffene Grobgliederungsteile im unteren Bereich. Farbliche Ergänzungsfassungen wurden auf das unmittelbare Umfeld eingestellt. Mit der Orgelrestaurierung, bei der die fehlenden Holzpfeifen wie Teile des Spielwerkes rekonstruiert bzw. ergänzt wurden, ist ein Großteil der Innenrestaurierung der Kapelle abgeschlossen. Ausständig sind noch die Restaurierung des Goldtabernakels und die Gestaltung der liturgischen Orte, die für das nächste Jahr geplant sind.