Aufgefädelt und eingenäht, der Tabakanbau in der Steiermark

Selbstgemachtes Schild  mit Rauchen verboten in der Tabakscheune
Im steirischen Burgau erinnert die erhaltene Tabaktrockenscheune an die Blütezeit des österreichischen Tabakanbaus. Die beachtlichen Dimensionen machen sie zu einem landschaftsprägenden Bau, der auch identitätsstiftend für die Region ist. Typologisch gesehen ist sie nach dem Verschwinden zahlreicher ähnlicher Objekte bereits von großer Seltenheit.

Nach langen Diskussionen über einen möglichen Abbruch wurde die Scheune glücklicherweise vom heutigen Eigentümer übernommen und wieder einer landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Danach konnten bereits dringend notwendige Sanierungsarbeiten am Dach und der Tragkonstruktion zur Erhaltung dieses besonderen, kulturhistorisch bedeutenden Baudenkmals gesetzt werden. Die gitterartige Struktur im Inneren und die einzigartigen Lichtverhältnisse, hervorgerufen durch die schmalen Lüftungsklappen sorgen heute noch für einen besonderen ästhetischen Raumeindruck.

Überzeugen Sie sich davon am Tag des Denkmals am 27. September 2015, an dem die Tabaktrockenscheune zu besichtigen ist. Ebenso wie ihre „Schwester“ in Ilz. Einen weiteren Themenschwerpunkt dazu gibt es auch in der Stadt Fürstenfeld. Weitere Informationen unter www.tagdesdenkmals.at !

Geschichte

Der Tabakanbau in der Steiermark ist durch schriftliche Quellen seit dem 17. Jahrhundert durch Bauern in Mureck und Wildon belegt. Der Tabakappalt, ein Pachtsystem für Handel und Anbau von Tabak, später auch für dessen Produktion, wurde von der innerösterreichischen Regierung erstmals 1678 an Domenico Donadoni und Johann Christoph Liscutin verliehen. In der Folge konkurrierten die beiden Appaltoren und die Bauern. Liscutin erschloss daher ein neues Anbaugebiet im Bereich um Fürstenfeld und im angrenzenden Ungarn. Die Geschäfte entwickelten sich gut, die Tabakanbauflächen dehnten sich bald aus. Neben Fürstenfeld erlangte auch Burgau größere Bedeutung als Tabakanbaugebiet. Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts kam es zur Verstaatlichung der Tabakfabriken und infolge der Konkurrenz des Tabaks aus Ungarn zu einem Preisverfall. 1835 wurde der Tabakanbau in der Steiermark eingestellt und erst im 20. Jahrhundert wiederbelebt. Als durch die Einschleppung der Reblaus 1926 der Weinbau schwer getroffen wurde, setzten wieder Tabakanbauversuche ein. Entscheidend für die weitere Entwicklung war die Ostmärkische Tabakverwertungs-Genossenschaft (OTG), die durch ihre genossenschaftliche Organisation den wenig finanzkräftigen Kleinbauern die Möglichkeit zu größeren Investitionen bot. Die OTG errichtete in Mattersburg (Burgenland) eine Fermentationsanlage (Aufbereitungsanlage) sowie in der Oststeiermark und im angrenzenden Burgenland mehrere große Tabaktrockenscheunen, um die Tabakblätter, nachdem sie aufgefädelt und eingenäht worden waren, in größeren Mengen und effizienter trocknen zu lassen. Die Trockenscheunen wurden von einer Gemeinschaft von Tabakbauern genutzt und instand gehalten. Der Tabakanbau erlebte in der Folge einen bedeutenden Aufschwung, der auch in der Nachkriegszeit anhielt. Wurden 1939 nur zirka 30 Hektar mit Tabak bepflanzt, waren es 1944 bereits 140 Hektar und 1955 schließlich 547 Hektar, die großen Tabaktrockenscheunen wurden daher hauptsächlich zwischen 1939 und ca. 1955 errichtet. Die Agenden der OTG wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von der 1946 gegründeten „Austria Tabakeinlöse- und Fermentationsgesellschaft“ (ATAFEG), einer Tochtergesellschaft der Austria Tabakwerke AG, übernommen. Da die Tabakfabrik in Fürstenfeld 2005 geschlossen und der Tabakanbau in der Region eingestellt wurde, erfüllten die Tabaktrockenscheunen nicht mehr ihre ursprüngliche Funktion. Die Hütten in Burgau und Ilz werden aber dank lokaler Initiativen an ihren ursprünglichen Standorten „am Leben“ erhalten.

Architektur

Baugeschichtlich handelt es sich bei der auf ein Konzept von Dr. Otto Wöber, einem deutschen Experten für Tabakanbau und –trocknung, zurückgehenden Scheune in Burgau um ein eindrucksvolles Beispiel ausgereifter Handwerkstechnik, das die große Erfahrung der Zimmerer im Umgang mit statischen Kräften eindrucksvoll vor Augen führt. In der Auswahl der Materialien und in der einfachen, aber wirkungsvollen Technik der Lüftungsklappen wird außerdem die Schaffung optimaler klimatischer Bedingungen mit rein mechanischen Mitteln anschaulich illustriert. Das Äußere des monumentalen Baus wird durch eine Vielzahl von querrechteckigen Lüftungsklappen charakterisiert, deren Öffnung durch ein außen liegendes Gestänge reguliert werden konnte, um die klimatischen Bedingungen zur Trocknung der Tabakblätter zu steuern. Eine solche Steuerung war für den Trocknungsprozess von entscheidender Bedeutung. Vier kaminartige Lüftungsaufsätze im Bereich des Dachfirstes unterstützten diesen Prozess. Im Gegensatz zur eher blockhaften Außenerscheinung zeigt das Innere eine sehr differenzierte Gestaltung. Das Erdgeschoß lässt durch die mittlere Stützenreihe die zweischiffige Grundstruktur des Gebäudes erkennen. Darüber findet sich statt Geschoßdecken ein System parallel geführter Laufstege, die seitlich von durchlaufenden Latten begleitet werden, an denen die Tabakblätter aufgehängt wurden. Der Raumeindruck wird durch die Gitterstruktur des Gestänges und die jalousieartig gestaltete Gebäudehülle bestimmt, wobei vom Grad der Öffnung der Lüftungsklappen die Luftzirkulation und der Lichteinfall abhängen.