Die Kittinge von Unterschützen

Kleines Haus mit Lehmputz und Strohdach neben einem Baum
In Unterschützen im Burgenland finden sich noch so genannte Kittinge, freistehende bäuerliche Speicherbauten, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Holzblockbauweise errichtet wurden. Für die Kulturgeschichte des Burgenlandes sind sie von einzigartiger Bedeutung, stellen sie doch gleichsam einen „Tresor“ für bäuerliche Güter dar.

Die freistehenden bäuerlichen Speicherbauten stellen eine Sonderform dar, die einstmals in den mittleren und südlichen Landesteilen des Bundeslandes weit verbreitet war. Mit der Industrialisierung und Modernisierung der Landwirtschaft und dem damit verbundenen Verschwinden traditioneller Handwerkstechniken schreitet der Wandel historischer Kulturlandschaften rasant voran. Der Einsatz von Maschinen ermöglicht eine zeitsparende Nutzung des Bodens. Immer weniger Menschen bewirtschaften immer größere Flächen. Die Veränderung der historischen Kulturlandschaft bedeutet jedoch nicht nur die Entstehung neuer Landschaftsbilder, sondern auch einen Wandel der baulichen Lebenswelten im ländlichen Raum. Wie bei den heutigen „Häuslbauern“ war es auch früher üblich, Wohnhäuser und die damit in Verbindung stehenden Nutzbauten eigenhändig mithilfe von Familienmitgliedern und Nachbarn zu errichten. Die bäuerlichen Anlagen mit lang gestreckten, weiß gekalkten, strohgedeckten Häusern und querabschließenden Scheunen, deren „funktionell wie geometrisch gleich klare, überaus zweckmäßige Ordnung“ noch 1961 von Roland Rainer als herausragende Beispiele eines ländlichen „Funktionalismus“ gepriesen wurden, sind in den meisten Regionen des Burgenlandes seitdem längst verschwunden. Mit den Häusern verschwanden auch viele weitere Zeugnisse bäuerlicher Lebenskultur, die oftmals nur noch in Freilichtmuseen dokumentiert sind. Doch gerade mit diesen einfachen anonymen Zweckbauten, die „keinen Anspruch auf Bedeutung erheben“, entstanden reduzierte Konstruktionen mit einem „natürliche(n) Gefühl für Material und Gefüge“ (Raimund Abraham), die sich harmonisch in ihre Umgebung eingliederten. Im Süden des Burgenlands waren die Kittinge, freistehende Speicherbauten, weit verbreitet. In Unterschützen finden sich noch einige dieser ungewöhnlichen Kleinarchitekturen, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Holzblockbauweise errichtet wurden: Eine Besonderheit waren die Seitenwände, die zu einer als Spitztonne geformten Decke zusammengefügt waren. Das aufgesetzte Satteldach mit Strohdeckung konnte bei Feuergefahr abgeworfen werden. Mit dem Lehmhäckselbewurf waren die zweigeschossigen Bauten wirksam gegen Feuer geschützt und boten zu jeder Jahreszeit eine ideale Temperatur für die Aufbewahrung von Lebensmitteln und Feldfrüchten. Eine Holzstiege führt von der Kammer in den Schüttboden, wo die Frucht zum Trocknen aufgeschüttet wurde. Unter dem Spitztonnengewölbe hing der „Fleischmantel“, ein Holzgestell, an dem Speck und Geselchtes vor Mäusen sicher waren. Daneben wurden die frisch gebackenen Brotlaibe in der „Brotrehm“, einer praktischen, vom Bauer angefertigten Halterung verwahrt. In geflochtenen Körben war das Mehl gelagert, das von der Bäuerin mit hölzernen Schaufeln „herausgefasst“ wurde. Auch einen Platz fanden die „Schmolzdesn“, mit einem Deckel versehene Eichenholzkübel, in die nach einem „Sautanz“ an einem kalten Wintertag das ausgelassene Schmalz gegossen wurde. Außerdem wurden Gerätschaften zur Milch- und Flachsverarbeitung, zum Brotbacken und andere Werkzeuge in diesen bäuerlichen „Tresoren“ sicher verwahrt. Der bäuerlichen, auf Nützlichkeit ausgerichteten Landschaftsgestaltung entsprungen, dienten all diese weitgehend funktionslos gewordenen und nur noch spärlich vorhandenen Beispiele einer „elementaren Architektur“ (Raimund Abraham) den Zwecken bäuerlicher Produktion: Lagerung und Verarbeitung der Ernte. Ihrer Funktion im bäuerlichen Alltag entkleidet, werden sie heute als Denkmäler einer verschollenen Agrikultur nostalgisch erlebt und mit Respekt vor einer vergangenen Lebenswelt für die Nachwelt erhalten. Am heurigen Tag des Denkmals, dem 27.9.2015 werden zwei Kittinge von ihrem Eigentümer präsentiert. Das Programm finden Sie ab Anfang August hier www.tagdesdenkmals.at.