„Gleiches Recht für alle“

Verstreut angeordnete Zeitungsausschnitte
Der umfangreiche schriftliche Nachlassbestand der österreichischen Frauenrechtlerin Marie Hoheisel (1873 – 1947) wurde von der Abteilung für bewegliche Denkmale im Rahmen einer Dorotheums-Auktion geprüft und als „denkmalwürdig“ eingestuft.

„Die Berufstätigkeit der Frau“, „Die Frau im Beruf und in der Familie“, „Mitbestimmungsrecht der Frauen“, „Gleiches Recht für alle“, - sind Schlagworte, die wir aus der Geschichte der Frauenbewegung kennen und die bis heute Brisanz besitzen. Konkret handelt es sich hier um Titel von Artikeln und Vorträgen der österreichischen Frauenrechtlerin Marie Hoheisel, die in den 1920-er und 1930-er Jahren erschienen sind.

Marie Hoheisel, geboren 1873 als Marie Perzina in Reichenberg (Liberec/ Böhmen), wuchs in Wien auf und besuchte bis 1892 die Lehrerinnenbildungsanstalt. Nach ihrer Heirat mit Konrad Hoheisel (1862 – 1930), dem späteren Generaldirektor der Post- und Telegraphendirektion in Wien, lebte sie zunächst in Triest und Linz, bevor sie mit ihrer Familie 1910 endgültig nach Wien zurückkehrte. Bereits während der Linzer Jahre begann Marie ihr Engagement für bessere Lebensbedingungen der Frauen. Löhne und Arbeitsbedingungen waren ihr ein ebenso großes Anliegen wie die Stellung von Hausfrauen und Müttern, deren gesellschaftliche Anerkennung sie forderte. Ihr großes Ziel war die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen in Beruf und Gesellschaft, wie ihre Publikationen verraten. Gefördert durch Marianne Hainisch (1839 – 1936), die Begründerin der Frauenbewegung in Österreich, die die Fähigkeiten Marie Hoheisels früh erkannte, setzte sie ihre Arbeit in Wien fort, wurde 1928 Vorsitzende des Österreichischen Muttertags-Komitees und 1931 Vorsitzende des Bundes Österreichischer Frauenvereine. Ab 1934 war sie auch im Hauptausschuss des Frauen-Notdienstes tätig. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und der Zerschlagung des Vereinswesens (1938) wurde ihr gesellschaftliches und politisches Engagement beendet. Ihr 1937 in einer Fachzeitschrift erschienener Artikel „Lebensmittelteuerung und Doppelverdienergesetz und ihre bevölkerungspolitischen Folgen“ behandelt Themen, die heute wieder so intensiv diskutiert werden wie vor 80 Jahren. Marie Hoheisel starb 1947 74-jährig in Wien. Mit ihrem politischen Engagement, ihren Publikationen und Vorträgen hat sie die Geschichte der österreichischen Frauenbewegung entscheidend mitgeprägt. Das gegenständliche Nachlass-Konvolut besteht aus ca. 500 eigenhändigen und maschingeschriebenen Dokumenten, Konzepten, Akten, Korrespondenzen, Programmen und Zeitungen, vorwiegend aus der Zeit von 1928 – 1936. Neben eigenen Texten sind auch Schriftstücke bekannter Frauenrechtlerinnen enthalten, wodurch die Netzwerke der österreichischen und internationalen Frauenbewegung ersichtlich werden. Das Konvolut gelangte 2013 im Wiener Dorotheum im Rahmen einer Autographen-Auktion zur Versteigerung. Aufgrund der besonderen geschichtlichen Bedeutung der teilweise unpublizierten Schriftstücke und Dokumente wurde eine Unterschutzstellung eingeleitet und ein Ausfuhrverbot angekündigt. Der Nachlassbestand wurde schließlich von der Wienbibliothek erworben und ist Teil der Handschriftensammlung im Wiener Rathaus, wo der Zusammenhalt als Einheit gesichert ist und eine konservatorische Betreuung gewährleistet ist. Die Auflistung der Einzeldokumente ist im Internet einsehbar.