Bonsoir Herr Dobler! Ein Grazer Barockhaus mit Überraschung!

Vorsichtig werden die restaurierten Tapeten an der Wand befestigt.
Das Barockhaus in der Grazer Mariahilferstraße wurde im frühen 17. Jahrhundert errichtet und im 18. Jahrhundert von der Handelsfamilie Dobler durch Joseph Hueber umgebaut und neu fassadiert. Nach erfolgreicher, materialgerechter Außensanierung wurde 2014 die Ausstattung des platzseitigen Festsaales mit einer einzigartigen Landschafts- und Panoramatapete aus dem Jahr 1804 umfassend restauriert.

Es ist ein seltener Glücksfall, dass sich die Montageform einer Tapete über 200 Jahre lang erhalten hat. Zahlreiche gravierende Schäden an der Substanz machten jedoch eine Konservierung unumgänglich. Das Resultat der Restaurierung ist das perfekte Zusammenwirken mehrerer Restaurierungsteams: eine Gruppe übernahm die Deckenmalerei und die Übergänge zu den Wänden, die Wandtapete selbst wurde demontiert und im Institut für Papierrestaurierung in Niederösterreich restauriert. Sehr zur Freude des Restaurators, der überzeugt ist, dass es sich hierbei um ein einmaliges Kunstwerk in dieser Qualität und aus jener Zeit in Mitteleuropa handelt. Als die Tapete im Frühsommer schließlich wieder an ihren Platz zurückkehrte und der ca. 70m² große Raum seine ursprüngliche Strahlkraft erhielt, entschied sich der Eigentümer entgegen den ursprünglichen Plänen auch den Stuckmarmor der Ofennische und der Fensterlaibungen zu restaurieren. Damit kam eine dritte Fachrichtung zum Zug. Die illusionistische Raumwirkung konnte wieder vervollständigt werden.

Die Raumausstattung

An den Wänden finden sich Wandbespannungen: das Besondere daran sind das Material und der Erhaltungszustand. Die Tapete zeigt eine gemalte scheinarchitektonische Säulengalerie, die auf Steinsockeln ruht. Zwischen den Säulen sind reizvolle Ausblicke auf eine italienische Landschaft mit idyllischen mediterranen Ruinen zu sehen. Die Malerei setzt sich über die mit Papier bespannten Wände hinaus fort. Die Decke öffnet sich als Oval in einen luftigen Himmelsraum. Eine Personifikation des Freimauerertums mit Zirkel in der Hand und einem Himmelsglobus, der auf einer breiten Goldbinde den Tierkreis trägt, ist die Zentralfigur. Mit viel Geschick, routiniertem und zugleich lockerem Pinselstrich zauberte der Künstler Alois Gleichenberger die mit Licht und Schatten plastisch ausgestaltete Scheinarchitektur an die Wände. Reizvolle Bilder des täglichen Lebens im Raum und gleichzeitig der Ausblick in die idyllische Landschaft ermöglichten die Verschmelzung von Schein und Wirklichkeit, von Illusionen und Theater, der Vergleich mit einer Theaterkulisse drängt sich auf. Warum Gleichenberger die Malerei an der Wand nicht, wie an der Raumdecke, auf Putz angebracht hatte, ist nicht überliefert. Vielleicht liegt es daran, dass ihm als Theatermaler dieses Medium vertrauter war. Er verwendete dazu eine Papiertapete, die auf Rupfen appliziert und in Holzrahmen gespannt den verputzten Wänden vorgeblendet war. Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte entstanden folgende Schadensphänomene. Abgelöste Putzteile bauchten die Tapeten bodennah aus, Wasserinfiltrationen schädigten die empfindlichen Papierbestandteile und Malereien, historische Leuchtmittel führten mit ihrem Rauch zu starken Rußverschmutzungen. Alte Schäden und Fehlstellen wurden aus heutiger Sicht nicht fachgerecht durch Übermalungen oder Überklebungen behoben. Restauriert werden konnten die Tapetenteile nur im Atelier und wurden daher von der Wand gelöst. Nach Trockenreinigung und Entfernung der Rußschicht wurden die Fehlstellen mit entsprechendem Ersatzpapiermaterial ergänzt, hinterklebt, kaschiert und die Malereien retuschiert. Nach notwendiger Textilbespannung wurde die Tapete auf dem sanierten Putzuntergrund der Wände wieder neu versetzt.

Neugierig geworden? Da sich das Objekt in Privatbesitz befindet, besteht ausschließlich am Tag des Denkmals die Möglichkeit, die Räumlichkeiten unter Anwesenheit der Restauratorenteams zu besichtigen: www.tagdesdenkmals.at

Biografie Franz Caspar Dobler

Der Grazer Handelsmannes Dobler erhielt seine kaufmännische Ausbildung in Wien. Dobler war Freimaurer, gebildet, weitgereist und besaß gute diplomatische Fähigkeiten, die ihm auch bei seinen Geschäften zustatten kamen. Dobler wurde 1792 Oberst des Bürgerkorps. In dieser Funktion traf er 1797 mit Napoleon zusammen mit dem Dobler Dank seiner ausgezeichneten Französischkenntnisse persönliche Gespräche führte. Dobler zählte um 1800 zu den reichsten und mächtigsten Handelsherren der Stadt Graz. Er wurde zum Bürger der Stadt Graz ernannt, auch eine Gasse in Graz trägt seinen Namen. Doblers Wirken hatte auch positiven Einfluss auf die heutige Altstadt und letztlich die Fragen der Denkmalpflege: Als im Winter 1809 die Festung am Grazer Schloßberg gesprengt wurde, legten Mitglieder des Bürgerkorps selbst Hand an, um mit der manuellen Abtragung von Festungsmauern größere Beschädigungen an Gebäuden in der Sackstraße zu verhindern. Das Bürgerkorps beteiligte sich auch an der finanziellen Abfindung der französischen Mineure, um die Sprengung von Uhr- und Glockenturm abzuwenden, die heutigen Wahrzeichen von Graz.

Biografie Alois Gleichenberger

Die gesamte Ausstattung im jüngst restaurierten Raum stammt vom Maler Alois Gleichenberger (1766-1821). Wo sich die Wege des Handelsmannes und des Künstlers kreuzten, ist unbekannt. Die Papiertapeten im Haus in der Mariahilferstraße sind Gleichenbergers frühestes bekanntes Werk, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits 38 Jahre alt war. Es bleibt auch für Jahre sein einziges bekanntes Werk. Erst 1810 kamen der Festsaal von Schloss Ormoz (Friedau) sowie 1811 das so genannte Napoleon-Zimmer im Haus Herrengasse 13 in Graz dazu. Der Eiserne Vorhang des Grazer Schauspielhauses ging leider im Zweiten Weltkrieg verloren, er dürfte nach 1814 entstanden sein, als Gleichenberger ständischer Theatermaler wurde.