Ein Meisterwerk der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts

Aus vielen bunten Glaselementen zusammengesetzter Fensterausschnitt mit Darstellung Marias und einiger Jünger, darüber weiße Taube
Die Bürgerspitalkirche St. Blasius in der Salzburger Altstadt ist eine der ältesten gotischen Hallenkirchen im österreichisch-süddeutschen Raum. Mit den Glasmalerei-Fenstern von Albert Birkle birgt die Kirche aber auch eindrucksvolle Kunstwerke aus dem 20. Jahrhundert, die eine genauere Betrachtung verdienen.

Die Bürgerspitalkirche

Durch eine Stiftung wurde 1327 das Bürgerspital für Kranke, Alte und Arme nahe dem Gstättentor in Salzburg ins Leben gerufen, 1330 begann der Bau einer Spitalkirche, die 1350 geweiht wurde. Seit 1783 auch als Pfarrkirche genutzt blieb die Blasiuskirche bis zur Aufhebung des Bürgerspitals 1898 Spitalskirche, wobei sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert wurde.

Der dreischiffige Kircheninnenraum mit Kreuzrippengewölbe wird heute von einem tiefen Emporeneinbau mit Sterngratgewölbe aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts geprägt, dem ehemaligen Betchor der Pfründner. Heute bildet dessen hinterer Teil den sog. Gotischen Saal. Die Kirche weist einen geraden Schluss auf, an dessen Mitte sich früher ein Kirchenzugang lag. Heute befindet sich an seiner Stelle an der Fassade eine große Kreuzigungsgruppe aus dem Jahr 1866. Zwei schmale, hohe Maßwerkfenster liegen rechts und links des Hochaltars, drei weitere aus der Regotisierungsphase 1864-1866 an der Nordostseite des Kirchenschiffs.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Bürgerspital schwere Bombenschäden, auch die Kirche wurde in Mitleidenschaft gezogen. In der Folge wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst die Gläser der beiden Fenster an der Hauptaltarwand und das anschließende nordöstliche Fenster von Albert Birkle neu gestaltet, 1967/68 schuf er auch die Glasmalereien der nordöstlich folgenden beiden Maßwerkfenster.

Albert Birkle

Der 1900 in Berlin geborene Albert Birkle machte sich zunächst als Maler und Zeichner in seiner Heimatstadt einen Namen, wo er nach dem Ersten Weltkrieg an der Hochschule der Künste in Berlin-Charlottenburg studiert hatte und in die Berliner Secession ebenso wie in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen wurde. 1932 übersiedelt er mit seiner Familie nach Salzburg, wo er 1986 auch verstarb.

Nachdem Birkle bereits 1931-33 mit einem großformatigen Chorfenster „Christus in der Glorie des himmlischen Jerusalem“ in der Kirche St. Josef in Herrenberg (Baden-Württemberg) Erfahrung in der Glasmalerei gesammelt hatte, widmete er sich nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt dieser Kunstrichtung und führte verschiedene Aufträge zur Gestaltung von Glasfenstern aus, wobei er sich vor allem religiösen Themen widmete. Zu seinen bedeutendsten Arbeiten in diesem Bereich zählen neben den Fenstern der Salzburger Bürgerspitalkirche die Fenster der Christuskirche in Salzburg sowie jene der Stadtpfarrkirche zum Heiligen Blut in Graz. Von 1968 bis 1978 schuf er schließlich einen Fensterzyklus aus fünf großen Glasfenstern für die National Cathedral in Washington, D.C.

Der Fensterzyklus der Bürgerspitalkirche

Die beiden Fenster neben dem Hochaltar und das nordöstlich anschließende Fenster der Bürgerspitalkirche waren 1947 Birkles erste Glasmalereiarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Er widmete diese drei einbahnigen Fenster dem Thema „Wirken des hl. Geistes“ mit den Motiven Verkündigung, Darbringung im Tempel und Hl. Blasius.

Mit einem Abstand von 20 Jahren folgten die Gläser für die beiden anderen Nordost-Fenster – doppelbahnige Maßwerkfenster mit steinerner Mittelstrebe - zu den Themen „Wurzel Jesse“ und „Werke der Barmherzigkeit“.

Birkle arbeitete bei der Herstellung der Fenster mit der Tiroler Glasmalereianstalt in Innsbruck zusammen. Birkle lieferte Entwürfe, für die dann Bleirisse abgenommen und Schablonen geschnitten wurden.

Die Übertragung seiner Entwürfe auf das Glas nahm Birkle jeweils selbst vor – wobei die Vorgaben der glasmalerischen Technik hinter seiner expressiven Maltechnik zurücktraten: „Die Zusammensetzung der verwendeten Farben stimmt kaum, einmal ist sie zu fett, einmal zu mager gemischt, und dann wurde sie zu satt oder wieder zu trocken aufgetragen.“ Vielfach benutzte Birkle nicht nur unterschiedliche Pinsel, sondern malte und zeichnete auch direkt mit Händen und Fingern, die feinen Linien kratzte er mit Holzstäbchen in die feuchte Farbschicht.

Musterrestaurierung 2013

Im Zuge der Vorarbeiten für eine Innenrestaurierung der Bürgerspitalkirche wurden 2012 auch die „Birkle-Fenster“ untersucht. Die Fenster zeigten sich zum Teil in einem besorgniserregenden Zustand. Nicht nur entstellten starke Verschmutzungen die Glasmalereidarstellungen, es waren auch bereits deutlich sichtbare Schäden an der Substanz entstanden: Vor allem die Bleinetze der großformatigen Einzelfelder wiesen starke Deformierungen auf, die wiederum Spannungsrisse und Glasbrüche zur Folge hatten, der Kitt war schadhaft, die Befestigung der Fenster durch die Windeisen und die Einputzung nicht mehr ausreichend gegeben.

Im Zuge der Anlage einer Musterachse für die Gestaltung der Raumschale wurde im Frühjahr 2013 zunächst das „Wurzel Jesse“ Fenster als Musterarbeit restauriert. Nachdem bei weiteren Untersuchungen festgestellt worden war, dass auch die beiden Chorfenster links und rechts des Hochaltars durch die Verformungen der Bleiruten zu bersten drohten und dringend saniert werden mussten, wurde Ende 2013 auch bei diesen Fenstern anstelle einer Notsicherung eine vollständige Restaurierung vorgenommen. Die Verlötung gebrochener Bleiruten und Lötstellen, die Neuabdichtung mit Leinölkitt, die Ergänzung ausgebrochener Glasstellen und die Verklebung der Risse stellten die Stabilität und Sicherheit der Fenster wieder her. Zusätzliche Windeisen sollen erneuten Verformungen vorbeugen.

Das augenfälligste Ergebnis erbrachten die Festigung der Malschicht und die Reinigung der Oberflächen. Die ursprüngliche Farbigkeit und die Ausdrucksstärke der Zeichnungen kommen nunmehr wieder in ihrer ganzen Kraft und Eindringlichkeit zu Geltung.

Wo zuvor ein düsterer, dunkler Schleier die Kraft der Farben nur mehr erahnen ließ und die zahlreichen Details der Darstellungen kaum mehr lesbar waren fallen die kraftvoll leuchtende Farbgebung, die detailreiche Ausführung und die expressive Kraft der Darstellungen wieder ins Auge.

Häufig wird Glasmalerei nur mit den großartigen Fenstern gotischer Kathedralen in Verbindung gebracht. Birkles Arbeiten zeigen aber, welche hohe künstlerische Qualität die Glasmalerei auch nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte. Es ist der Bürgerspitalkirche zu wünschen, dass im Zuge der Innenrestaurierung auch die beiden noch nicht sanierten Fenster bald wieder in ihrer ursprünglichen Farbigkeit und Kraft erstrahlen