Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth zu Besuch

Ansicht von Schloss Lichtenegg mit Nebengebäuden und Garten sowie weiter Landschaft im Hintergrund
Ein einzigartiges Gemälde, das den Zustand der denkmalgeschützten oberösterreichischen Schlossanlage Lichtenegg um die Mitte des 19. Jahrhunderts anschaulich belegt, wurde aufgrund seiner außerordentlichen topografischen Aussagekraft für denkmalwürdig erachtet und zur Ausfuhr gesperrt.

Das 1862 datierte Ölgemälde des in Prag geborenen Landschaftsmalers Ferdinand Lepie (1824-1863) zeigt eine topografische Darstellung mit der Ansicht des Schlosses Lichtenegg in Wels mit angrenzenden Nebengebäuden, Schlosspark und einem panoramaartigen Ausblick in die umgebende Landschaft. Die Art der Darstellung legt nahe, dass es sich dabei um ein Auftragswerk des damaligen Eigentümers handelt – ein „Schlossporträt“, das den Besitzerstolz des Hausherrn widerspiegelt. So ist das Gemälde mit 102 x 137 cm relativ großformatig und für Repräsentationszwecke gut geeignet. Zudem war der erhöhte Betrachterstandpunkt, den der Maler vermutlich in einer oberen Etage eines gegenüber liegenden Nebengebäudes eingenommen hat, wohl nur mit Zustimmung des Schlossbesitzers möglich.

Lepie (Lepgé) studierte an der Prager Akademie und war später Lehrer im Kloster Strahov. Anfang der 1860er Jahre kam er nach Wien, wo er am kaiserlichen Hof Zeichenunterricht gab. Bekannt ist der Künstler vor allem durch seine Ansichten von Prag, Baden bei Wien, aus der Donaugegend und dem Salzkammergut. Zahlreiche seiner Arbeiten werden heute im Kunsthandel angeboten. Im Zentrum der Komposition „thront“ das auf einer leichten Anhöhe im vollen Sonnenlicht gelegene Wohngebäude, das mit seinem dominanten Eckturm noch den älteren Baukern verrät. Die barocke Außenerscheinung mit dem kleinteiligen Fassadendekor hat der Künstler mit feinem Pinsel minutiös wiedergegeben. Die Natur ist sehr dominant ins Bild gesetzt. So nimmt der vor dem Schloss gelegene Gartenbereich, der durch die begrenzenden Bauten und die unprätentiöse Gartengestaltung einen sehr intimen, fast biedermeierlichen Eindruck vermittelt, beinahe die ganze untere Hälfte des Bildes ein. Lepie gibt die örtlichen Gegebenheiten mit großer Genauigkeit und Freude am Detail wieder und belebt das unregelmäßig verlaufende Wegenetz sparsam mit wenigen Staffagefiguren, was den ruhigen und beschaulichen Charakter des Anwesens unterstreicht. Hinter dem Hauptgebäude erstreckt sich ein Landschaftsgarten, der ohne erkennbare Begrenzung in eine weite, bis an die im diffusen Licht verschwimmenden Berge am Horizont reichende Ebene übergeht. Der heutige Schlossbau geht auf ein Mitte des 16. Jahrhunderts von Ludwig von Polheim errichtetes Wasserschloss zurück, das 1575 von Kaiser Maximilian II. zum Adelssitz erhoben wurde. Die Polheimer, ein bedeutendes Welser Adelsgeschlecht, waren aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten um die Mitte des 17. Jahrhunderts gezwungen die Herrschaft Lichtenegg zu verkaufen. 1726 erhielt das Schlossgebäude durch einen umfassenden Umbau des Welser Baumeisters Wolfgang Grinzenberger seine heutige barocke Erscheinungsform. Zur Anlage gehörten damals auch ein Meierhof, ein Bräuhaus, eine Hoftaverne und Gärten. Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde das Anwesen auch gewerblich genutzt. Weitere Adaptierungen wurden vorgenommen, bevor Erzherzogin Marie Valerie, die jüngste Tochter Kaiser Franz Josephs und Kaiserin Elisabeths, und ihr frisch angetrauter Ehemann Erzherzog Franz Salvator, der dem Welser Infanterie-Regiment Nr. 32 als Kommandant zugeteilt war, 1890 das Anwesen bezogen. Rund sieben Jahre diente das Welser Schloss der erzherzoglichen Familie als Domizil, in welchem auch der Kaiser und die Kaiserin wiederholt zu Besuch waren. Marie Valerie fühlte sich hier offenbar sehr wohl, wie ihrem Tagebuch zu entnehmen ist. Am 1. Mai 1895 vermerkte sie anlässlich der bevorstehenden Versetzung Franz Salvators wehmütig: „Franz Oberstleutnant … bis längstens nächstes Frühjahr Versetzung zur Infanterie – also Scheiden vom geliebten Lichtenegg“ und am 18. Juli 1897, als der Umzug in das niederösterreichische Schloss Wallsee schließlich bevorstand: „Lichtenegg. Letzte Tage in diesem geliebten Heim der letzten sieben Jahre. Abschiedsschmerz“. Nach Bombenschäden im zweiten Weltkrieg wurde das seit 1940 samt Schlosspark unter Denkmalschutz stehende Schloss wieder hergestellt und später im Inneren für Wohn- und Bürozwecke umgestaltet. Von der einstigen Gartengestaltung sind heute nur mehr rudimentäre Reste erkennbar. Das auch künstlerisch ansprechende Bild dokumentiert den Zustand der Welser Schlossanlage mit den angrenzenden Gebäuden und dem inneren Gartenbereich um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist es ein in seiner Art einzigartiger Beleg von hohem topografischem und kulturgeschichtlichem Wert. Für das im Rahmen der Osterauktion des Salzburger Dorotheums 2012 zur Versteigerung angebotene Gemälde konnte daher die Ausfuhrbewilligung nicht in Aussicht gestellt werden, ein Unterschutzstellungsverfahren wurde eingeleitet. Die Initiative des Musealvereins Wels sicherte in der Folge den Erhalt des Bildes in der Stadt Wels, wo es in den Räumlichkeiten des Herminenhofes – im sog. Kurt-Holter-Archiv – einen auch im Hinblick auf das Bildmotiv idealen Platz gefunden hat.