Zwei Fotopioniere aus der Steiermark

Ansicht der sogenannten Grazer Stadtkrone
Mit drei 1840 entstandenen Daguerreotypien der Brüder Carl und Andreas Rospini stehen nun die frühesten fotografischen Ansichten von Graz unter Denkmalschutz

An einem strahlend sonnigen Oktobertag des Jahres 1840 erklommen zwei junge Männer die Stiegen zum Dach ihres Hauses in der Grazer Bürgergasse. Sie planten, mit einer spektakulären neuen Erfindung zu experimentieren: Nur wenige Monate zuvor war in Paris mit der Daguerreotypie erstmals ein praxistaugliches fotografisches Verfahren einer begeisterten Öffentlichkeit vorgestellt worden. Am Wetterbeobachtungsturm des Daches angekommen, richteten die Brüder das Objektiv ihres Apparates auf die sogenannten Stadtkrone und hielten dieses bedeutendste architektonische Ensemble der steirischen Landeshauptstadt bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen fest. Mit diesen zwei Daguerreotypien und einer vom selben Standpunkt aus geschaffenen Aufnahme, die einen Blick über die Altstadt nach Nordosten in Richtung der Dietrichsteinbastei zeigt, schufen die Brüder Carl und Andreas Rospini die ältesten überlieferten fotografischen Ansichten der Stadt Graz.

Blick vom Wetterturm

Während die markanten Dächer der Stadtkrone – die Domkirche St. Ägydius, das Mausoleum Kaiser Ferdinand II., das ehemalige Jesuiten-Kollegium und die Alte Universität sowie die Burg – bis zum heutigen Tag einen kaum veränderten Anblick bieten, dokumentiert die Aufnahme der Dietrichstein- beziehungsweise Grillbüchlbastei und ihrer Umgebung eine heute nachhaltig veränderte Stadtlandschaft. Bald nach Entstehen der Daguerreotypie wurden beim Abbruch der Grazer Stadtbefestigungsanlage der Renaissance auch die Bastei sowie zahlreiche umliegende Gebäude zerstört. Sie machten teils mächtigen Bauten der Gründerzeit Platz, die heute noch den Bereich Glacisstraße/ Einspinnergasse/ Burg- und Opernring dominieren.

Bedingt durch die aufwendige Technik und die notwendigen Belichtungszeiten von zunächst oft mehreren Minuten, waren unbewegliche, gut beleuchtete Objekte wie Stadtlandschaften ein beliebtes Bildmotiv der Frühzeit der Daguerreotypie. „Die komplizierten Vorrichtungen und Chemikalien waren schwierig zu transportieren. Was lag näher, als die Camera obscura auf das (eigene) Fensterbrett zu stellen, wo alles vorbereitet werden konnte und keine Vorübergehenden das Experiment stören würden?“ (Faber, S. 118ff.) Ganz in dieser Tradition wählten die Brüder Rospini für ihre Ansichten der Grazer Altstadt als Standpunkt den Wetterturm am Dach ihres eigenen Hauses in der Bürgergasse 13. Auf dessen Parzelle befand sich ursprünglich ein Dominikanerinnenkloster beziehungsweise die Kirche St. Leonhard, die im Jahre 1790 exsekriert und versteigert wurde. Vom damaligen Besitzer Andreas Rospini wurde die Kirche zu einem Wohnhaus umgebaut und auf dem Hausdach ein Wetterbeobachtungsturm mit optischen und astronomischen Instrumenten errichtet, von dem noch bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs Wetterberichte erstellt wurden.

Eine sensationelle, aber komplizierte Erfindung

Bei dem vom französischen Maler Louis Jacques Mandé Daguerre entwickelten Verfahren wird eine polierte Silberplatte oder eine silberbeschichtete Kupferplatte durch Jod-, Brom- und Chlordämpfe lichtempfindlich gemacht, durch eine Camera obscura belichtet und danach Quecksilberdämpfen ausgesetzt, wodurch das positive, durch eine Salzlösung fixierte Bild entsteht. Obwohl die Daguerreotypie fein gezeichnete, reich nuancierte Bilder entstehen lässt, weist die – für den Fotografen zudem gesundheitsgefährdende – Technik doch zahlreiche Nachteile auf: So ist jede Daguerreotypie ein nicht reproduzierbares Unikat, die Abbildung ohne die Verwendung von Reflexspiegeln grundsätzlich seitenverkehrt. Die Platte spiegelt zudem sehr stark, was die Betrachtung erschwert. Aufgrund ihrer berührungsempfindlichen Oberfläche müssen die Aufnahmen unter Glas und möglichst luftdicht verschlossen aufbewahrt werden – im Falle der Ansichten der Grazer Stadtkrone haben sich diese schützenden Originalrahmen bis heute erhalten. Die Erfindung Daguerres fand in Österreich nur etwa bis um die Mitte der 1850er Jahre Verwendung und wurde durch die fortschreitende Entwicklung von praktikablen Negativ-Verfahren, deren Ergebnisse massentauglich vervielfältigt werden konnten, bald vollständig verdrängt.

Die Brüder Rospini

Schon vor ihrer offiziellen Präsentation am 19. August 1839 in Paris hatte die Daguerreotypie auch in Österreich bei Fachleuten und Laien sofort starken Widerhall gefunden. Neben zahlreichen Berichten in heimischen Medien kam es zu von öffentlichen Institutionen und Persönlichkeiten wie dem Staatskanzler Metternich geförderten praktischen Versuchen. Bald entstanden erste Daguerreotypien und technische Verbesserungen, an denen die Proponenten der sogenannten „Fürstenhofrunde“ in Wien um den Physiker und Mathematiker Andreas von Ettingshausen bedeutenden Anteil hatten.

Doch nicht nur in der Reichshauptstadt Wien wurde die als sensationell empfundene neue Möglichkeit, Bilder durch bloße Einwirkung des Lichts festzuhalten, von Anfang an gespannt verfolgt und erfolgreich erprobt. Wie sehr sich dabei in der Steiermark die Brüder Carl (1816-1887) und Andreas (1811-1867) Rospini hervortaten, beweist auch ein Artikel der „Grätzer Zeitung“ aus dem Jahre 1839: „Diese Herren haben sich gewiß dadurch eines öffentlichen Dankes würdig gemacht, daß sie der Welt beweisen, auch in der Steiermark bestrebe man sich nach Thunlichkeit, die Fortschritte anderer Nationen zu erfassen, und doch die Möglichkeit darzuthun, einst in Manchem voranschreiten zu können.“

Wie oftmals in der Frühzeit der Fotografie üblich, waren auch die Rospinis keine Künstler, sondern gehörten als Inhaber einer Fabrik für optische und mechanische Apparate einer Berufsgruppe an, die Wissen und Erfahrung für die komplizierte neue Technik der Daguerreotypie mitbrachte. Ab dem Beginn der 1840er Jahre entstanden von der Hand der Brüder zahlreiche Aufnahmen von Architektur- und Naturmotiven, Skulpturen und Personen. Obwohl schon von den Zeitgenossen hoch gelobt, haben sich doch nur sehr wenige dieser konservatorisch heiklen Platten erhalten. Auch die Rospinis selbst dürften besonders ihre drei Grazer Stadtveduten sehr geschätzt haben, blieben sie doch über Generationen bis ins 21. Jahrhundert in Familienbesitz. Heute werden diese denkmalgeschützten Marksteine der steirischen wie der gesamtösterreichischen Fotografiegeschichte im Photoinstitut Bonartes Wien bewahrt.

Literatur (Auswahl)

Die Kunstdenkmäler der Stadt Graz. Die Profanbauten des I. Bezirkes Altstadt. Österreichische Kunsttopographie, Bd. LIII. Hrsg. vom Bundesdenkmalamt. Wien: Schroll, 1997

FABER Monika, GRÖNING Maren: Inkunabeln einer neuen Zeit. Pioniere der Daguerreotypie in Österreich 1939-1950. Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Bd. 4. Wien: Christian Brandstätter, Albertina, 2006

Geheimnisvolles Licht-Bild. Anfänge der Photographie in der Steiermark. Katalog der Ausstellung des Bild- und Tonarchivs am Landesmuseum Joanneum im Palais Attems. Graz: Joanneum, 1979

Graz. Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Hrsg. vom Institut für österreichische Kunstforschung des Bundesdenkmalamts. Wien: Schroll, 1979

HOCHREITER Otto, STARL Timm (Hg.): Geschichte der Fotografie in Österreich. 2 Bde. Bad Ischl: Verein zur Erarbeitung der Geschichte der Fotografie in Österreich, 1983

HOHMANN Hasso: Eine interessante Grazer Daguerreotypie aus dem Jahre 1840. In: Historisches Handbuch der Stadt Graz. Band 23/24. Hrsg. von der Stadt Graz. Graz: 1993

http://fotobiobibliografie.albertina.at/

http://postkarten.bonartes.org/