„Eine beinahe unberührte Fassade…“

Ansitz Anderhalden mit restaurierter Schauseite
Was für NaturschützerInnen die unberührte Natur ist, ist für DenkmalpflegerInnen eine unberührte Fassade. Vor allem im durch Industrie und einen starken Glauben an den Fortschritt geprägten Ländle sind diese besonders selten bis kaum mehr zu finden. Eine ist am Edelsitz Anderhalden am Ehregutaplatz in der Bregenzer Oberstadt gefunden worden.

Doch groß war die Freude als die ersten Laboranalysen die Vermutung – eine „unberührte“ Fassade entdeckt zu haben – bestätigten: Keine mühselige Abnahme von jüngsten Dispersionsanstrichen oder großen Zementputzausbesserungen, kein Schadensbild wegen zu harten jüngeren Putzen, im Gegenteil - nach einer Baustoffanalyse war auch das Interesse auf Seiten der KollegInnen im naturwissenschaftlichen Labor des BDA geweckt. Diese Fassade hat es in sich: Es konnten unterschiedlichste Mörtelmischungen mit dem damals häufig verwendeten Material Romanzement an den Zierteilen und Gesimsen wie auch interessante Putzmischungen nachgewiesen werden, die aber wie es scheint, damals genau an die jeweiligen Umstände und Erfordernisse der Fassade angepasst worden sind.

Der ehemalige Edelsitz Anderhalden bildet den dominierenden Abschluss des Ehregutaplatzes im Südwesten der Bregenzer Oberstadt. Er ist nicht nur als Bauensemble geschichtlich eng mit dem westlich angrenzenden Deuringschlössle verknüpft, sondern auch durch familiäre Bande seiner früheren Bewohner. Der Hauptbau, mit 1558 datiert, erhebt sich über einem mächtigen, überwölbten Keller und stammt in der Grundsubstanz aus dem Mittelalter. Nach wechselnden Besitzern erwarb ihn 1869 Alfred Meißner, ein im 19. Jahrhundert berühmter Literat und Freund Heinrich Heines. Er heiratete Marie, die jüngere Tochter des Karl v. Bayer (Dichtername Robert Byr), den Besitzer des Deuringschlössles und ließ die nach ihm benannte Stiege von der Oberstadt ins Thalbach anlegen. Seine Tochter Clara heiratete den aus österreichischem Offiziersadel stammenden und in Bregenz stationierten Peter v. Pirquet. Im Laufe der Jahre vergrößerten sie den Ansitz durch den Erwerb anschließender Bauparzellen und ließen 1899 die neubarocke Platzfassade errichten. 1953 vermachte Clara v. Pirquet das Anwesen samt Garten ihrer Großnichte Barbara Stroh-Tscharner, einer Urenkelin des Karl v. Bayer. Das Haus ist heute noch zum Grossteil in Familienbesitz.

Die Schaufassade an prominenter Stelle in der Bregenzer Oberstadt wird von einem zweigeschossigen, abgetreppten Volutengiebel bekrönt und ist über dem durch Putzquader gegliederten Erdgeschoß in den beiden Hauptgeschosse detailreich gegliedert und zusätzlich durch einen Erker betont. Lange Jahre ließ sie - trotz etlicher Putzabplatzungen und starker Verschmutzungen durch emissionsstärkere Heizsysteme vergangener Zeiten - den Charme des ausgehenden 19. Jahrhunderts dennoch durchschimmern.

Bereits 1980 wurden erste Überlegungen zu einer Fassadensanierung gestellt, 2012 sollte diese nun tatsächlich in Angriff genommen werden. Nach einer schonenden Reinigung, bei der leider nicht alle hartnäckigen Verschmutzungen entfernt werden konnten, galt es Fehlstellen zu ergänzen. Dies war eine Herausforderung, denn die Schaufassade wies unterschiedlichste Materialien - im Untergrund wie auch in den Überputzungen und den Zierelementen – auf. Neben den üblichen Sandsteingewänden in der Erdgeschoßzone wurden die oberen Fenstereinfassungen aus vorgefertigten Romanzementgussteilen gefertigt. Aus Romanzement gezogene Gesimse und geformte Dekorelemente wurden direkt aufgebracht und weisen entsprechend andere Mischungsverhältnisse mit dem damals relativ neuen und noch wenig verbreiteten Bindemittel Portlandzement auf. Größere Fassadenbereiche wie sämtliche glatte Putzflächen und die Füllungen mit feinkörnigem Ratschenputz sind in herkömmlicher Kalkputztechnik, zum Teil mit Gelbocker pigmentiertem naturhydraulischem Kalk, ausgeführt. Die nun zur Ergänzung der Fehlstellen notwendigen Putzmischungen wurden in enger Zusammenarbeit mit dem naturwissenschaftlichen Labor des BDA im Zuge des Romanzement-Projektes hergestellt. Der Romanzement stammte aus einem hierfür speziell im Schachtofen durchgeführten traditionellen Zementbrand in der Kartause Mauerbach. Die Farbgebung war eine andere Geschichte. Lt. Befund war die Farbgebung der Fassade nur durch die Eigenfarben der verwendeten Putzmaterialien bestimmt. Bereits bei der Reinigung stellte sich heraus, dass die Verschmutzungen hartnäckig waren und nicht vollständig entfernt werden konnten. Der lt. Befund durchgefärbte helle Putzfarbton konnte nicht oder nur an wenigen Stellen wieder erreicht werden. So wurden die großflächig erforderlichen Ergänzungen vor allem des Ratschenputzes in einem etwas dunkleren Farbton gewählt. Weitere Anpassungen an den Altbestand wurden mittels dünner Farblasuren zusätzlich vorgenommen.Der Eigentümer fand eine schriftliche Aufzeichnung auf der sämtliche Materialien für die seinerzeitige Herstellung der Fassade gelistet waren. Unter anderem auch Leinöl. Anhand der materialwissenschaftlichen Analysen der Zierelemente aus Romanzement konnten ebenfalls Spuren von Leinöl nachgewiesen werden. So entschied man sich zu einer neuerlichen dünnen Leinölimprägnierung der Zierelemente. Der damit erzielte leichte Glanz der Oberflächen gibt den Romanzementteilen den Anschein eines edlen Steinmaterials, die Imprägnierung führte zudem zu einem egalisierten und wesentlich ruhigeren Erscheinungsbild. In besonders schlechtem Zustand waren die Kupferdeckung und die Konstruktion der Zwiebel über dem kleinen Erker. Nachdem die Holzunterkonstruktion von außen repariert war, konnten die fehlenden Kupferschindeln nachgestanzt und ergänzt werden. Aufgrund der schönen vorhandenen Patina entschied man sich für eine Patinierung der wenigen fehlenden Teile, die sich nun harmonisch in das Gesamterscheinungsbild einfügen. Nach dieser sehr geglückten Zusammenarbeit aller Beteiligten, Handwerker, Denkmalpflegerinnen, Naturwissenschaftler und vor allem dem großem Engagement der Eigentümer erstrahlt die Fassade heute in altem Charme, - aber nun eben leider nicht mehr ganz unberührt, wie das der Lauf der (Restaurier-)Geschichte mit sich bringt.

Link zu Romanzementforschung: www.rocare.eu