„Blick auf den Stephansdom vom ersten Wiener Hochhaus“

Blick vom ersten Wiener Hochhaus in der Herrengasse auf den Stephansdom
Ein Schlüsselwerk der österreichischen Nachkriegsmalerei aus einer renommierten Privatsammlung wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Das großformatige Gemälde „Blick auf den Stephansdom vom ersten Wiener Hochhaus“, eines der Hauptwerke im Oeuvre von Otto Rudolf Schatz (1900-1961), bietet einen ausschnitthaften Einblick in eine Nachmittagsszene der 1950er Jahre. Vom Dach des ersten Wiener Hochhauses in der Herrengasse betrachten wir aus ungewöhnlicher Perspektive eine fröhliche Sommergesellschaft in heller Kleidung, die ihrerseits wiederum den Blick über die Dächer der Stadt schweifen lässt. Der Stephansdom mit mächtig aufragendem, eingerüstetem Südturm dominiert die Bildmitte. Die linke Kante ist vollständig vom zweigeschossigen Glasaufbau eingenommen, der die „Bekrönung“ des Hochhauses bildet (die Glaskuppel konnte geöffnet werden). Die Stimmung ist heiter-ausgelassen: obwohl die rechte obere Bildecke von düsteren Wolken verdunkelt wird, scheinen diese die in helleres Licht getauchte Szene in der linken Bildhälfte in keiner Weise zu beeinflussen. Vielmehr sind sie wohl im Abziehen begriffen, da sich der Himmel links oben schon wieder aufklärt.

Otto Rudolf Schatz, dessen Hauptwerke vor allem in der Neuen Sachlichkeit verhaftet sind, greift hier auf den spätexpressionistischen Stil seiner frühen Schaffensperiode zurück. Der Künstler, der zu den wichtigsten Protagonisten der österreichischen Zwischenkriegs- und Nachkriegskunst zählt, wurde lange Zeit vorrangig als Graphiker wahrgenommen, dessen ureigenes Medium der Holzschnitt war. Erst durch die Publikationen der letzten Jahre, vor allem durch die wissenschaftliche Aufarbeitung durch Prof. Wilfried Daim, erfuhr Schatz auch als Maler eine adäquate Würdigung. Der überzeugte Sozialist Schatz, der als Mann einer Jüdin ab 1938 Malverbot erhielt, ist einer der wenigen Künstler der Zwischenkriegszeit, die sich mit politischen und gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzten. Als Künstler zeichnete ihn vor allem eine große Experimentierfreudigkeit mit unterschiedlichsten Materialien aus, als Mensch war er eine Persönlichkeit, die sich „nie viel um das Tun anderer gekümmert hat“. Seine spätere Freundin Helene Jursa beschrieb ihn als emotionalen Einzelgänger von spielerisch-provokativer Natur, wobei seine Rebellion eher in seiner Lebensweise und der Ablehnung einer bürgerlichen Weltanschauung lag. Nichtsdestoweniger war er kompromisslos, was seine Kunst betraf.

Das Gemälde „Blick auf den Stephansdom vom ersten Wiener Hochhaus“ entstand um 1955 und gehört damit der Nachkriegsperiode an, die noch von den künstlerischen Strömungen der Ersten Republik geprägt war und eine „gemäßigte Moderne“ umzusetzen trachtete. Für das offizielle Österreich der Nachkriegszeit galt – nicht nur in der Kunst – das von Albert Paris Gütersloh geprägte Motto „Man blicke zurück, um vorauszuschauen“. Ganz allgemein war die Periode von einem weitgehend durchschnittlichen Kunstgeschmack geprägt, der es allen recht machen wollte. Experimentelle oder zu moderne Kunstströmungen und Künstler hatten es also schwer. Das war vor allem auf ein tiefes Misstrauen gegenüber allem Neuen zurückzuführen oder, mit den Worten von Lutz Musner: „Zu Beginn der 1950er Jahre waren die restaurativ-konservativen Bestrebungen im Wiener Kulturleben unübersehbar geworden.“

In dieser Atmosphäre zwischen Betonung von Kontinuität und langsamer Aufbruchsstimmung entstand Schatz’ Werk. Landschaften und Stadtansichten durchziehen das gesamte Oeuvre des Künstlers, zu seinen beeindruckendsten Stadtansichten gehören diejenigen der Stadt New York, die während seines Aufenthaltes in den USA 1936/37 entstanden. Schatz kehrte in diesen großformatigen Ölgemälden stilistisch zu seinen expressionistischen Wurzeln zurück. Das Gemälde „Blick auf den Stephansdom vom ersten Wiener Hochhaus“ schließt an diese frühen Stadtansichten an. Der Künstler nähert sich hier seiner expressionistischen Phase und lässt die Neue Sachlichkeit hinter sich. Stilistisch lässt sich dies insbesondere an der reduzierten Darstellung von Architektur und Staffage, am ausnehmend schwungvollen Pinselstrich sowie am kräftig-bunten Kolorit ablesen. Der wie zufällig gewählte, leicht erhöhte Blickpunkt erinnert ebenfalls an frühere expressionistische Werke.

Mit der Motivwahl strebte Schatz bewusst eine Verbindung von Tradition und Fortschritt an, indem er eine Panorama-Ansicht wählte, die das älteste Wiener Wahrzeichen, den Stephansdom, mit einem zukunftsweisenden Statussymbol, dem Hochhaus in der Wiener Herrengasse, kombiniert. 1931/32 nach Plänen der Architekten Siegfried Theiss und Hans Jaksch auf dem Grund des ehemaligen Palais Liechtenstein in der Herrengasse 6-8 errichtet, war das erste Wiener Hochhaus mit seiner 9-stöckigen Blockrandbebauung und dem 16-stöckigen Hochhausteil schon in seiner Bauzeit mehr als umstritten. War den einen die Höhe mit 50 m noch zu gering, sahen die anderen darin eine Störung des Stadtbildes, obwohl die Höhe des Bauwerkes durch die Abtreppung ab dem 12. Stockwerk von unten tatsächlich nicht sehr augenfällig ist. Das Gebäude mit den 235 Wohneinheiten war aufgrund der außergewöhnlich guten Infrastruktur und der hohen Mieten als Nobeladresse bekannt. In den beiden obersten Geschoßen befanden sich das verglaste Restaurant und das Aussichtscafé mit den großen Schiebefenstern.

Die symbolträchtige Architektur und der gebotene Komfort waren nicht nur in den 30er Jahren ein Sinnbild der Moderne, sondern konnten mit ihrem amerikanischen Erscheinungsbild auch der Nachkriegsgeneration der 50er Jahre eine gewisse Aufbruchsstimmung vermitteln. Tatsächlich ist im Gemälde von Otto Rudolf Schatz keine Spur von Nachkriegsdepression fühlbar, im Gegenteil, die Darstellung lässt einen durchaus positiven Blick in die Zukunft zu. Der von amerikanischem Lebensgefühl geprägte Stil der Zwischenkriegszeit findet in diesem nach dem 2. Weltkrieg entstandenen Werk seine volle Entfaltung. Allein die Wahl des Schauplatzes unterstützt diesen zukunftsweisenden und optimistischen Grundgedanken, den der Künstler seiner Darstellung zugrunde legt. Das Gemälde ist aber nicht nur ein Ausdruck der Identitätsfindung der Stadt Wien, sondern auch ein Paradebeispiel für das Lebensgefühl der 50er Jahre: Wie in kaum einem anderen Werk vermittelt Otto Rudolf Schatz eine Stimmung von Wohlbefinden und Gelöstheit, von Selbstbewusstsein, Stolz und Vertrauen in die neue Zeit. Entsprechend der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung setzt das Werk einen Impuls des Neubeginns, der das Empfinden einer ganzen Generation veranschaulicht. Schatz unterscheidet sich gerade in dieser lebensbejahenden, fröhlichen Aufbruchsstimmung wesentlich von der Mehrzahl seiner Zeitgenossen.

Weiterführende Literatur:

DAIM, Wilfried: Otto Rudolf Schatz, Grafik, Eisenstadt 1978

ECKER, Berthold, HILGER, Ernst (Hrsg. für die Kulturabteilung der Stadt Wien): Die fünfziger Jahre – Kunst und Kunstverständnis in Wien, Wien/New York 2010

KRAFT, Dietrich, BOECKL, Matthias: Otto Rudolf Schatz 1900-1961, Weitra 2010

MAYR, Brigitte: Otto Rudolf Schatz, Das graphische Werk der Zwischenkriegszeit, 2 Bde., 1999

MEDER, Iris, EIBLMAYR, Judith: Haus Hoch – Das Hochhaus Herrengasse und seine berühmten Bewohner, Wien 2009

MUSNER, Lutz: Ist Wien anders? Zur Kulturgeschichte der Stadt nach 1945, In: Csendes, Peter & Oppl, Ferdinand (Hrsg.): Wien, Geschichte einer Stadt, Bd. 3: Von 1970 bis zur Gegenwart, Wien/Köln/Weimar 2006