Das schönste Pissoir von Wien

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Als "schönstes Wiener Pissoir der 1920er Jahre" bezeichneten die Kabarettisten Stermann & Grissemann unlängst das nach Adaptierungsarbeiten wiedereröffnete Rabenhof-Theater in Wien Erdberg - ein kleines und feines Volks-Theater und Kabarett, dessen expressionistische Wandverkleidungen aus roten und gelben Fliesenbändern nun wieder sichtbar sind.

Das Gebäude des heutigen Rabenhoftheaters bildet das Herzstück der in den Jahren 1925 bis 1928 von der Gemeinde Wien nach Plänen der Architekten Heinrich Schmid und Hermann Aichinger errichteten Wohnhausanlage. Diese war ursprünglich nach dem früheren Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung und Nationalratsabgeordneten Friedrich Austerlitz benannt, nach den Februarkämpfen von 1934 wurde der Austerlitz-Hof in Rabenhof umbenannt und führt diese Bezeichnung bis heute. Aufgrund der nur schrittweise möglichen Übertragung der Grundstücke der ehemaligen Krimsky-Kaserne in den Besitz der Gemeinde Wien konnte die Bebauung der Grundstücke anfänglich nur etappenweise erfolgen, was zu einem äußerst interessanten, städtebaulich beinahe singulären Ergebnis führte: Die Rabengasse musste als diagonale Verbindung zwischen Erdbergstraße und Landstraßer Hauptstraße erhalten bleiben und bildete darum das Rückgrat der Wohnhausanlage. Von dort aus entwickelten sich in einer malerischen Abfolge Höfe, Plätze, Straßen und Durchgänge zu einer „Kleinstadt“ mit einer Zentralwäscherei, einem Kindergarten, einer Kinderzahnklinik, einem Krankenkassenlokal, einem Arbeiterheim, einem Parteilokal, einer Bibliothek und 38 Geschäftslokalen. Der "romantisch-kleinstädtisch" gestaltete Rabenhof ist somit ein Höhepunkt der städtischen Wohnbautätigkeit der zwanziger Jahre und sicherlich eine der sehenswertesten Wohnhausanlagen des "Roten Wien". Bereits in den Jahren 1987 bis 1992 wurde die 1.138 Wohnungen umfassende Wohnhausanlage durch die Stadt Wien saniert und restauriert. Aufzüge wurden eingebaut, Fenster und Gehwege erneuert, die Fassaden thermisch saniert, die Grünflächen neu gestaltet. Bei der nunmehr letzten, vor kurzem abgeschlossenen Bauetappe wurde das Innere des zentralen Gebäudes des Rabenhofes, das den Abschluss des erhöht gelegenen Versammlungsplatzes bildet, wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. Ab den späten 1920er Jahren diente das Gebäude als Saal für den Kinderhort mit 400 Sitzplätzen. In den nachfolgenden Jahren war dort das Volkshaus mit dem Bezirkssekretariat der Landstraßer Sozialdemokraten untergebracht; der Kinosaal wurde für Filmvorführungen und Veranstaltungen, etwa der Arbeitersänger oder der Naturfreunde, verwendet. In den 1950er Jahren adaptierte man die Räumlichkeiten und nutzte sie bis 1971 als Rabenhofkino für Filmvorführungen. Ab 1990 war in dem Gebäude die Nebenbühne des Theaters in der Josefstadt untergebracht, seit 2000 ist hier das eigenständige, mittlerweile sehr erfolgreiche Rabenhof-Theater etabliert. Das Foyer, die Haupttreppen und die Pausenbereiche des Veranstaltungssaales waren bauzeitlich mit einer expressionistisch gestalteten Wandverkleidung aus weinroten und gelben Fliesenbändern versehen, die in den letzten Jahrzehnten unter einer Verkleidung verborgen gewesen war. Bei der jetzigen Instandsetzungsphase konnten die unpassenden Verkleidungen entfernt und die Fliesenbereiche wieder freigelegt werden. Die Fliesen waren grundsätzlich in sehr gutem Zustand; durch die hervorragende Leistung eines Restaurators für Keramik konnten aber Fehlstellen retouchiert und so wieder ein stimmiges Gesamtbild gewonnen werden. Gleichfalls wurden die vorhandenen Kaminverkleidungen aus Messing – in Machart der späten Wiener Werkstätte – sowie die Messinghandläufe instand gesetzt und fehlende Bänder und Krümmlinge ersetzt. Die im Foyer vorhandene, ehemals als Oberlicht ausgebildete kassettierte Glasdecke wurde rückgeführt und mit einem extern steuerbaren LED-System versehen. Dieses ermöglicht dem Bertreiber nun eine Vielzahl an Lichtfarben, abgestimmt auf das jeweilige Programm oder die Tageszeit. Gleichzeitig erfolgte eine Neuausstattung der Garderoben und des Kassenbereichs sowie der Barbereiche, die mit sensibel vorgenommenen Funktionsänderungen einzelner Raumteile einherging. Die neuen Einbauten heben sich bewusst formal und ästhetisch von der sie umgebenden Raumschale ab und bilden so eine klar ablesbare und doch zurückhaltende Intervention. Insgesamt zeigt dieses abgeschlossene Projekt anschaulich, dass im Bereich der Denkmalpflege oftmals keine Widersprüche zwischen Substanzerhaltung, zeitgemäßer Nutzung und gestalterischem Anspruch bestehen.