Schulcampus Wilten (Tirol): Moderner Schulbetrieb in historischen Mauern.

Das Bild zeigt ein neues Türelement im ehem. Schul- und Gemeindehaus, Leopoldstraße 15
Die Verbindung von drei Schulen zum Schulcampus war Anlass für eine umfassenden Restaurierung, Instandsetzung und Erweiterung sowohl nach denkmalfachlichen Kriterien als auch hinsichtlich aktueller Konzepte für ein modernes, flexibles und gesundes Lernumfeld.

Die Volksschule Altwilten, die Mittelschule Leopoldstraße und die Mittelschule Ilse-Brüll-Gasse mit ihren fast 500 Schülerinnen und Schülern und 74 Lehrpersonen nutzen seit dem Schuljahr 2020/21 die generalsanierten Gebäude aus der Zeit um 1900 im Geviert zwischen Leopoldstraße, Michael-Gaismair-Straße und Ilse Brüll-Gasse.

Diese drei Bauten dokumentieren bis heute den architektonischen Wandel, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts innerhalb zweier Jahrzehnte in Innsbruck vollzogen hatte: Noch vor der Eingemeindung Wiltens im Jahr 1904 entstand das Schul- und Gemeindehaus von Wilten (Leopoldstraße 15) in historistischen Stilformen. Die ehemalige Mädchenhauptschule Wilten (Michael-Gaismair-Straße 6) und das ursprünglich als Volksbad errichtete, jetzt als Mensa für den Schulcampus dienende Gebäude Michael-Gaismair-Straße 4 wurden ein gutes Jahrzehnt später im Heimatstil errichtet.

Das Schul- und Gemeindehaus, heute Volksschule Altwilten und Mittelschule Leopoldstraße, Leopoldstraße 15

Nach einem Entwurf des Innsbrucker Baumeisters Jakob Norer entstand der historistische Bau 1891/92, die Bauleitung übernahm der Baumeister und ehemalige Wiltener Bürgermeister Rudolf Tschamler. Eine zeitgenössische Beschreibung des Bauwerkes findet sich sogar in der Wochenzeitschrift „Der Bautechniker“ von 1892.

Jakob Norer (1828–1906), der sich nach einer baugewerblichen Schulausbildung und als Baupolier ein eigenes Bauunternehmen mit entsprechenden Zulieferfirmen erarbeitete, kannte das Repräsentationsbedürfnis seiner bürgerlichen Klientel und avancierte zu einem vielbeschäftigten Villenbaumeister, vor allem im Innsbrucker Stadtteil Saggen.

Der Bau ist ausgehend von einem überhöhten Mittelrisalit weitgehend symmetrisch aufgebaut, mehrere Eingänge weisen auf die multifunktionale Vergangenheit und die Nutzung durch verschiedene Schulen hin. Besonders aufwändig gestaltet ist das Säulenportal an der Leopoldstraße mit einem gesprengten Segmentbogengiebel und dem Wappenmosaik der ehemals selbständigen Gemeinde Wilten. Die Fassadengliederung folgt einem strengen axialen Aufbau mit Bänderungen im Erdgeschoß, Neorenaissance-Zierelementen wie Keilsteinen und Dreiecksgiebel über den Fenstern. Die Flure und die beiden Treppenläufe sind mit flachen Tonnengewölben überspannt.

Die ehemalige Mädchenhauptschule Wilten, heute Ilse-Brüll-Mittelschule, Michael-Gaismair-Straße 6 bzw. Ilse-Brüll-Gasse 2 und das ehemalige Volksbad, Michael-Gaismair-Straße 4

Die 1907/08 nach Entwürfen von Eduard Klingler und Karl Plank von den Firmen Anton Fritz und Josef Retter errichtete Schule ist bereits ein typischer Vertreter des Heimatstils. Der so genannte „Heimatstil“ erschöpft sich nicht im Verwenden beliebiger Zitate aus der regionalen Architekturlandschaft, sondern ist ein eigener „Zeitstil“, nämlich internationale Reformarchitektur zwischen 1900 und 1914 auf dem Weg zur Moderne.

Wesentliche Merkmale sind das Entwerfen von innen nach außen und ein stärkeres Augenmerk auf Licht, Luft und Sonne in der Architektur, die plastische Durchformung der Baukörper und eine bewegte Dachlandschaft sowie ein Mitgestalten der Freiräume durch entsprechende Einfriedungen mit Schmiedeeisengittern. In der Ausführung kommen einheimische Baumaterialien und Handwerkstraditionen zur Anwendung, zum Beispiel durch die Fassadenputzbearbeitung, variationsreiche, kleinteilig verglaste Fensterformen und aufwändige Türausführungen.

Auch das ehemalige Hauptschulgebäude in der Müllerstraße 38 gehört diesem Baustil an, ebenso wie das 1904 als Volksbad errichtete Gebäude Michael-Gaismair-Straße 4.

Die dreigeschossige ehemalige Mädchenhauptschule ist nicht symmetrisch angelegt, ein Dachreiter bekrönt den westlichen Bauteil, der aus der Gebäudemitte gerückte Quergiebel betont das hohe und steile Dach. Vor- und Rücksprünge der Fassaden, Kunststeinverkleidungen, flächige Dekorationselemente und unterschiedlichste Fensterformen und -größen mit kleinteiliger Verglasung schaffen ein abwechslungsreiches Erscheinungsbild. Insbesondere das Stiegenhaus zeugt vom Gestaltungsreichtum des Heimatstiles. Eine bogenförmige Einfriedung mit Schmiedeeisengittern schließt zur zentral im Schulcampus liegenden Mensa an, die 1904 als Volksbad errichtet wurde.

Davon zeugen noch die beiden markanten Kamine, die am Übergang zum niedrigeren Eingangsbauwerk mit seinem geschweiften Giebel stehen. Schönstes Baudetail ist das originale Jugendstil-Glasdach über dem straßenseitigen Hauptportal. Restaurierung – Adaptierung - Dachgeschoßausbau Vorbereitet wurde die Restaurierung beider Schulgebäude durch Untersuchungen, zum einen der Architekturoberflächen auf historische Farbfassungen und zum anderen der originalen Fenster auf ihren Zustand, ältere Reparaturen oder Veränderungen und ihre ursprüngliche Farbigkeit.

Die gewonnenen Erkenntnisse flossen in das restauratorische Konzept ein, das auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes abzielte. Nach einer gründlichen Reinigung und partiellen Putzausbesserungen wurden an beiden Schulen die ursprünglichen Farbigkeiten wiederhergestellt.

Beim Schulgebäude Leopoldstraße war dies eine helle Ockerfassung an den Nullflächen und ein dunklerer Ockerton für die Gliederungselemente, im Gegensatz zur naturputzfarbenen, warmgrauen Fassade mit Zierelementen in hellem Ziegelton oder Breccieton bei der später entstandenen Schule.

Bei beiden Schulgebäuden waren auch noch die originalen Kastenfenster fast vollständig erhalten, die – fachmännisch instandgesetzt – vom hohen Können der Bautischler um 1900 zeugen. Gerade beim Heimatstilschulgebäude sind die Originalfenster wesentlich für die Architektur, die durch einen Tischler repariert, instandgesetzt und durch einen Neuanstrich mit Ölfarbe – angelehnt an die ursprüngliche Farbigkeit – im Sinne der Nachhaltigkeit noch lange in Verwendung sein können. Das Innere der Schulen wurde in ähnlicher Weise – je nach vorhandenem Authentizitätsgrad – instandgesetzt oder modern ergänzt.

Besonderes Augenmerk verdient dabei der vom Architekturbüro Stoll-Wagner aus Innsbruck für das Schulgebäude Leopoldstraße geplante Dachbodenausbau, der trotz Erhaltung der historischen Dachstuhlkonstruktion durch geschickt platzierte großflächige Schrägverglasungen viel Licht in die zusätzlichen Unterrichtsräume bringt. Vom Straßenraum aus ist der Flächenzugewinn im Dachgeschoß kaum zu bemerken, gegen die Überhitzung sind selbstabschattende Gläser und eine kontrollierte Lüftung eingebaut worden. Dezentrale Lüftungsgeräte unterstützen die Luftzirkulation auch in den meisten Klassenräumen in den unteren Geschoßen.

Bei beiden Schulgebäuden konnte eine Aufzugsanlage im Gebäudeinneren an zentralen Stellen nachgerüstet werden, um die bauliche Barrierefreiheit für alle Geschosse sicher zu stellen. Ein weiteres neues Element im Schulcampus sind die überdachten Verbindungen zwischen den einzelnen Gebäuden und notwendige Außentreppen und Rampen sowie Fahrradabstellbereiche.

Die historische Wirkung der einzelnen Gebäude am Schulcampus Wilten konnte durch diese, den Standards der Baudenkmalpflege entsprechende Restaurierung wiedergewonnen und durch neue Elemente und technische Adaptierungen ergänzt und ertüchtigt werden, um wieder über Jahrzehnte ein ideales Lernumfeld für viele Schülerinnen und Schüler zu bieten.