„Ein Riesengeist waltete in diesem Bretterhaus!“ - Joseph Haydns Gartenhaus in Eisenstadt

Außenansicht
Das Gartenhäuschen in der Bürgerspitalgasse 2 war im Besitz von Joseph Haydn und wird seit 1928 als Gedenkstätte geführt.

„Wenn man von dem unteren Thore der k. Freistadt Eisenstadt hinab zwischen den Gärten und Scheuern an der Poststrasse nach Gschieß wandert, bemerkt man an der linken Seite, noch ehe man zu dem Bürgerspital kommt, tief im Hintergrunde der Gärten ein kleines, stockhohes, von Brettern zusammengezimmertes Gartenhäuschen, von Weinreben rings umrankt und von Obstbäumen umschattet.“

Elegisch beschreibt der unbekannte Autor dieser Zeilen im Oedenburger Lokal-Blatt 1864 das ländliche Umfeld des Gartenhäuschens im Küchengarten Joseph Haydns, wo er der Legende nach viele Werke konzipiert haben soll. Nicht mehr erhalten sind die Befestigungen mit den Stadttoren, auch das Bürgerspital mit der dazugehörigen Kirche wurde 1962 abgetragen. Die Weinreben wurden in den 1970er Jahren aus konservatorischen Gründen entfernt. Gschieß heißt seit 1924 Schützen am Gebirge und die Gärten sind heute dicht verbautes Stadtgebiet, in dem sich das bescheidene hölzerne Gartenhaus mit dem 2020 erneuerten Schindeldach etwas verliert.

Joseph Haydn diente den Großteil seines Lebens der führenden Magnatenfamilie Esterházy und wohnte auch in Eisenstadt. Als der erste Kapellmeister der fürstlichen Hofkapelle Gregor Joseph Werner 1766 verstarb, erhielt Haydn dessen Funktion und war nun für alle Bereiche zuständig, von der Kirchenmusik über die Kammer- und Theatermusik bis zur Tafelmusik. Noch im selben Jahr erwarb er das seit 1935 als Museum geführte Wohnhaus in der Klostergasse (heute: Haydngasse), zu dem verstreute Grundstücke gehörten, darunter der Küchengarten am Rand der Osterwiese.

1778 veräußerte Haydn das Anwesen, da er zu dieser Zeit hauptsächlich in Esterháza, dem „Versailles“ seines damaligen Dienstherrn Fürst Nikolaus I., weilte. Finanzielle Probleme infolge zweier Brandkatastrophen, bei denen auch Haydns Wohnhaus schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war, und fortwährende, vor Gericht ausgetragene Nachbarschaftskonflikte mögen zu diesem Entschluss beigetragen haben.

Die Auswirkungen des Geniekults und der Sakralisierung des Künstlertums, die für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gleichsam zum Religionsersatz wurden, beeinflusste auch Joseph Haydns Bild in der Nachwelt. Es wurde klischeehaft von seinem Altersbild als gütiger „Papa Haydn“ dominiert, dessen Musik „Ausdruck eines kindlichen, heitern Gemüths“ (E.T.A. Hoffmann) sei. Wesentliche Bezugspunkte des Geniekults waren auch die Wirkungsstätten der Kulturheroen – gleichsam die Pilgerorte der Verehrung.

Vorbild für Haydns Gartenhaus ist Goethes Gartenhaus in Weimar, das zu einer Wallfahrtsstätte des Goethekults wurde. Dem traditionell überlieferten Haydnbild entspricht auch die süßlich-sentimentale Beschreibung des damit zum Kreativraum nobilitierten Holzhäuschens im Oedenburger Lokal-Blatt, wo „dieses anspruchslose, gar bescheidene Häuschen“ mehr als ein halbes Jahrhundert nach Haydns Tod zur kulturellen Weihestätte eines „der größten Männer der Tonkunst“ stilisiert wird: „Ein Riesengeist waltete in diesem Bretterhaus! Ein kleines heiseres Querfortepiano mit 5 1/2 Oktaven, ein kleiner Schreibtisch, ein rohgeflochtenes Kanapee und ein Paar gleiche Stühle dazu, waren die Einrichtung und die Holzwände auf ihren Fugen mit Noten-Papier – Partituren-Abrissen, Lieder-Concepten u.dgl. überkleistert und mit ein Paar Duzend [sic!] 3-5 stimmigen Canons unter Glas in einfachen eichenen Rahmen verziert.“

Ab 1900 kam es zu einer Wiederentdeckung des Gesamtwerks Joseph Haydns und damit auch zu einer Befassung mit seinen Wirkungsstätten, die zu Gedenkorten seines künstlerischen Schaffens wurden. 1928 wurde das Gartenhaus, das als Synonym für die Einfachheit und Volkstümlichkeit des Tonkünstlers galt, auf Initiative des lokalen Männergesangsvereins von Grund auf renoviert und fortan museal bewahrt.