Wohin Peter Handke seinen Tormann flüchten liess.

Burgenland
Ein Mann schaut ein an der Wand hängendes Bild an
Peter Handke und das Atelierhaus in Neumarkt an der Raab (Burgenland)

Das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab ist ohne die Initiative des hier beheimateten Künstlers Feri Zotter und des damaligen Landeskonservators für Burgenland und nachmaligen Direktors des 20er Hauses in Wien Dr. Alfred Schmeller undenkbar.

Seit seiner Gründung 1964 ist das Ensemble mit seinen unter Denkmalschutz stehenden Objekten, den strohgedeckten Bauernhäusern, der Dorfgalerie, der historischen Ölmühle oder dem Kreuzstadel, eine kulturelle Institution des Südburgenlandes. Gründungsbau war das vor dem Abriss gerettete Daxhaus, eines der ältesten Häuser der Ortschaft, ein Streckhof mit lehmg’satzten Mauern und Strohdach, das als Atelierhaus seit der feierlichen Eröffnung am 8. Juni 1868 unzähligen Kulturschaffenden ein Refugium geboten hat.

Einer der ersten Gäste des urigen Hauses war Peter Handke, der gemeinsam mit dem Maler Peter Pongratz einige Wochen hier wohnte. In der Ruhe des kleinen, direkt am Eisernen Vorhang abgeschieden gelegenen Ortes schuf Handke das Konzept für seinen 1970 bei Suhrkamp publizierten und 1971 von Wim Wenders in der Region verfilmten Roman „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Dem „südlichen Grenzort“ und seinem Lokalkolorit mit Menschen wie der Josefa Wellington vulgo „London-Pepi“, die als „Grenzwirtin Hertha“ verewigt ist oder Häusern wie der heute als Dorfgalerie dienenden „Volksschule“, wurde in der Erzählung ein literarisches Denkmal gesetzt.

Peter Handke in einem Brief vom 29. September 2010: „Meine Erinnerungen an Neumarkt: Nach zwei Jahren falscher Berühmtheit endlich wieder ein Arbeitsplan, und so dort der Ernst des Lebens, auch in Erwartung der Geburt meiner Tochter Amina. So haben sich die Radfahrten in Nebel und Tau eingeprägt, das Fallen der Äpfel von den Bäumen (noch immer einer der Sätze aus dem "Tormann", die mir am meisten nachgehen: "Er wurde immer müder und draußen fielen die Äpfel von den Bäumen.") … und natürlich das aufmerksam stille Gesicht des Eduard Sauerzopf“. Unterstützt und begleitet wurde Handke damals von Eduard Sauerzopf, dem Faktotum des Kunstvereins, den er ebenfalls in der Erzählung verewigt und bei dem er sich am 2. Oktober 1968 in einem Eintrag aus dem Gästebuch des Atelierhauses bedankt: „Möchte ich mich bedanken [...] vor allem aber bei Herrn Fachlehrer Sauerzopf, ohne den ich vielleicht kaum ein Zehntel von dem gesehen hätte, was ich gesehen habe!“

Erst 51 Jahre später, nur wenige Wochen vor Verleihung des Literaturnobelpreises, sollte der Literat noch einmal in das Künstlerdorf zurückkehren, wo ihm ein herzlicher Empfang zuteil wurde.


Die Überschrift "Wohin Peter Handke seinen Tormann flüchten ließ" dient als Untertitel der von Peter Vukics und Petra Werkovits herausgegebenen und nun überarbeiteten Monographie zum Künstlerdorf Neumarkt an der Raab (Residenz Verlag).