Reiseschachspiel aus dem Kloster Garsten, vermutlich Österreich, Anfang 17. Jahrhundert

Bewegliche Denkmale
Vier Schachfiguren
Laut handschriftlicher Herkunftsbestätigung befand sich das Schachspiel bis zur Auflösung des Klosters um 1790 in der Sammlung des Stiftes Garsten. Im Zusammenhang mit einer Dorotheums-Auktion wurde das Brettspiel unter Denkmalschutz gestellt. Es befindet sich derzeit im Wiener Antiquitätenhandel und steht zum Verkauf.

Das Schachspiel zählt zu den ältesten Brettspielen der Welt. Seine Wurzeln liegen im antiken Griechenland und im arabischen Raum. Als „Spiel der Weisheit und der klugen vorausschauenden Berechnung“ fand es in Europa ab dem Mittelalter Verbreitung und nahm bald den Ehrenplatz unter den Glücksspielen ein. Die Gangarten der Figuren und deren vielfältigste Kombinationen ließen zahlreiche inhaltliche Interpretationen zu, vom „Spiel des Lebens mit dem Tod“ zum „erotischen Kampf der Geschlechter“, vom „Wettstreit der ritterlichen Tugenden“ hin zu Assoziationen mit Staats- und Kriegskunst. Eine sehr reife Deutung ist die Vorstellung der friedlichen Begegnung der Völker und Religionen auf dem neutralen Boden des Schachbretts. Die Rolle der Dame („Regina“) als mächtigster Figur des Spiels wurde nach einer Schachreform im ausgehenden 15. Jahrhundert auch als Vorrangstellung der Himmelskönigin im christlichen Sinne („Notre Dame“) gedeutet. Das Schachspiel fand in Europa anfangs unter Herrschern und Fürsten Verbreitung, erst im Laufe der Jahrhunderte eroberte es alle Gesellschaftsschichten. Auch die hohe Geistlichkeit, die Glücksspiele als „Einflüsse des Bösen und der Lasterhaftigkeit“ zu meiden hatte, verfiel der Faszination des Schachspiels, vereinzelt traten sogar Kirchenmänner als Verfasser von Schachallegorien hervor.

Auch das Reiseschachspiel aus Garsten wurde nach derzeitigem Wissensstand von Geistlichen in Auftrag gegeben, es stammt aus dem ehemaligen Benediktinerstift Garsten im südlichen Oberösterreich. Als komplette Garnitur mit 32 nahezu original erhaltenen Figuren besitzt es singuläre Bedeutung. Die schlanken, grazilen Figuren aus Elfenbein und Holz sind kleine Meisterwerke der Schnitz- und Drechselkunst des frühen 17. Jahrhunderts. Mit ihren übereinander gereihten, profilierten Körben, die auch als „Krähennester“ bezeichnet werden, folgen sie dem sogenannten „Selenus-Typus“, basierend auf einer Bezeichnung aus dem Schachbuch des Herzog August II von Braunschweig-Lüneburg. „Das Schach- oder Königsspiel“ des Braunschweiger Herzogs, das erste deutschsprachige Schachlehrbuch wurde unter dem Pseudonym Gustavus Selenus erstmals in Leipzig 1616 veröffentlich und stellt eine außerordentlich wichtige Quelle zur Geschichte des Schachspiels dar. Es zeigt auf einer Kupferstichabbildung den Herzog selbst beim Schachspiel mit einem Figurensatz des „Selenus-Typus“. Allein diese Darstellung beweist die Erlesenheit dieses Typus und seine Wertschätzung in höchsten Kreisen. Auch in der Ambraser Sammlung des Kunsthistorischen Museums befinden sich zwei – leider nicht komplette – Figurensätze, die als Vorläufer des Selenustypus zu betrachten sind, sie dürften in Deutschland entstanden sein. Beim Schachspiel aus Garsten wird hingegen aufgrund stilistischer Vergleiche eine österreichische Herkunft vermutet.

Den besonderen Charakter des Garstener Schachspiels macht seine Ausformung als Reiseschach aus: Es ist dies eine handlich verkleinerte Variante des Schachspiels mit verstärkter „Verpackung“, einer Holz-Kassette mit schwarzer Lederbespannung und goldgeprägtem Dekor. Das Reiseschach fand vor allem im 17. und 18. Jahrhundert Verbreitung, als eine verstärkte Reisetätigkeit in Adels- und Gebildetenkreisen einsetzte. Bei langen Kutschen- und Schiffsreisen und den damit verbundenen Wartezeiten erwiesen sich die „mobilen“ Brettspiele als willkommene Requisiten, die mehr und mehr zur Standardausrüstung der Reisenden gehörten, wie etwa später auch die Aquarellkästen der feinen Damen. Reiseschachspiele stehen daher als „Gebrauchsobjekte“ in markantem Gegensatz zu den aufwändig dekorierten, oft skulptural durchgestalteten Schachspielen aus Glas, Bernstein und Edelmetallen, die seit der Barockzeit als reine Schaustücke die Kunst- und Wunderkammern der Fürsten schmückten. In Miniatur- und Taschenausgaben, aber auch in digitaler Form hat sich das Reiseschachspiel bis in unsere Zeit erhalten. Laut handschriftlicher Herkunftsbestätigung befand sich das gegenständliche Schachspiel bis zur Auflösung des Klosters um 1790 in der Sammlung des Stiftes Garsten und gelangte dann in den Besitz der Familie Redtenbacher in Kirchdorf, Oberösterreich. Tatsache ist, dass sich das Schachspiel über zwei Jahrhunderte hindurch in oberösterreichischem Privatbesitz befand und die Garstener Stifts-Provenienz über diesen langen Zeitraum tradiert wurde.

Das Benediktinerstift Garsten (1082 von Markgraf Ottokar I von Steyr gegründet), erhielt in der Barockzeit seine heutige bauliche Gestalt, insbesondere durch den Einsatz der aus Oberitalien stammenden Künstlerfamilie Carlone, später auch durch Jakob Prandtauer. Die erste Phase der „Barockisierungswelle“ leitete der aus Hall in Tirol stammende Abt Roman Rauscher (reg.1642 – 1683) ein, der Garsten und Umgebung bereits zu einem Anziehungspunkt für Maler, Kunsthandwerker und Gewerbetreibende machte. Ihm folgte der kunstsinnige und hoch gebildete Abt Anselm Angerer (reg. 1683 – 1715), unter dessen Einfluss das Stift einen bis dahin unerreichten kulturellen Höhepunkt erlebte. Unter den von Angerer beauftragten Künstlern befanden sich neben heimischen Meistern, wie Carl von Reslfeld, viele renommierte italienische und niederländische Meister, aber auch namhafte Silberschmiede, Bildhauer und Kunsthandwerker der verschiedensten Sparten. Abt Anselm ist auch die Bestandserweiterung der Stiftsbibliothek sowie der kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen zu verdanken, die in späterer Zeit nur noch unter Abt Maurus um 1770/80 erwähnenswert ergänzt wurden. Unter Abt Roman Rauscher oder Abt Anselm Angerer dürfte das gegenständliche Schachspiel der Sammlung des Klosters eingegliedert worden sein. Leider ist mit der Aufhebung des Klosters auch ein großer Teil des Archivs und des Stiftinventars verloren gegangen, sodass wir heute keine exakten Kenntnisse über die ehemaligen Sammlungen besitzen. Abgesehen von der Kirchenausstattung haben sich nur einige wenige Skulpturen bzw. Skulpturengruppen erhalten, vereinzelt auch liturgisches Gerät und Kupferstiche in den nahe gelegenen Pfarren und Klöstern. Der Großteil der Bestände wurde leider in alle Winde zerstreut: verkauft, zerstört oder dem Verfall preisgegeben. Welche kleinen Kostbarkeiten aus Stein, Elfenbein, Glas und Edelmetallen die Stiftsammlungen zur Barockzeit noch bargen, ist bis heute ein Geheimnis. Gerade unter diesem Aspekt ist das „Auftauchen“ des gegenständlichen Schachspiels als wesentlicher Markstein in der Geschichte des Garstener Klosters zu werten und als ein Dokument von landesgeschichtlicher Bedeutung.