Das Dominikanerinnenkloster

Alte Ansicht des Dominikanerinnenklosters Tulln
Die aktuellen Ausgrabungen des Bundesdenkmalamtes auf dem Areal des ehemaligen Dominikanerinnenklosters in Tulln liefern zahlreiche neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des gegen Ende des 13. Jahrhunderts im Zentrum der mittelalterlichen Stadt gegründeten Klosters.

 

Die mittelalterliche Altstadt von Tulln erhebt sich über den Ruinen des in Schriftquellen mehrfach genannten römischen Alenlagers Comagena. In seiner Nordostecke entwickelte sich im frühen Hochmittelalter das Zentrum des babenbergischen Tulln, wo sich bis 1990 das Landeskrankenhaus (vormals Dominikanerinnenkloster) befand. Die schriftliche Überlieferung weiß über das Kloster mehrfach zu berichten: Im Jahre 1278, nach seinem Sieg über Ottokar, gründete König Rudolf "zum Preis des lebendigmachenden Kreuzes und zum Andenken so großen Triumphes in der Stadt Tulln ein Gott wohlgefälliges Kloster und Nonnenkonvent, der alldort unter Befolgung der Regeln des hl. Augustinus und der Vorschrift der Schwestern vom Predigenorden dem göttlichen Dienst sich getreulich unterziehen wird".

 

Zu dieser Klosterstiftung, für die Rudolfs Landschreiber Conrad seinen Besitz in der nordöstlichen Ecke von Tulln zur Verfügung stellte, erwarb König Rudolf neben zusätzlichen Stiftungsgaben noch die südlich davon liegende Kapelle zum Hl. Kreuz, die im Besitz des Wiener Schottenstiftes war. Das ehemalige Haus Conrads diente provisorisch als Klostergebäude. Da die Kapelle zum Heiligen Kreuz zu klein war, wurde die Pfarrkirche als Gotteshaus genutzt. 1280 erfolgte die Grundsteinlegung der Konventskirche "Unserer lieben Frau Verkündigung" in Anwesenheit König Rudolfs, seiner Gemahlin Agnes und ihren Söhnen Albrecht und Hartmann. 1282 wurde der Konvent zum Hl. Kreuz in Tulln in den Orden der Dominikaner aufgenommen und - da das Haus Conrads bereits sehr baufällig war - mit der Errichtung des Klostergebäudes südlich der Kirche begonnen (Abb. 1). Am 12. März 1290 erfolgte die Einweihung der Konventskirche durch den Erzbischof von Salzburg. Neben dem Frauenstift wurde ein eigenes Dominikanerkloster gegründet, das für die Seelsorge der Nonnen zuständig war. Aufgrund seiner königlichen Gründung stand das Frauenkloster in sehr hohem Ansehen, so daß viele Töchter aus vornehmen Familien in den Konvent eintraten - was dem Kloster zumeist eine reiche Mitgift einbrachte. In den Jahren 1491, 1597, 1627 und 1752 wurde das Kloster und seine Einrichtungen durch Brände beschädigt. 1782 verfügte Joseph II., daß alle beschaulichen Orden, darunter auch die Dominikanerinnen, aufgelöst werden. Das Tullner Dominikanerinnenkloster sollte als Sammelplatz aller Nonnen dienen, die den Status der Ursulinerinnen annehmen wollten. Da die Nonnen sich allerdings nicht in die neue Lage finden konnten, löste sich der Konvent 1785 selbst auf. Nachdem die Liegenschaft durch die Hände mehrerer Besitzer gegangen war, wurde nach 1825 der größte Teil der Gebäude sowie die Kirche abgebrochen. In nachfolgender Zeit wurden die verbliebenen Bauten als Fabriksgebäude und Militärkasernen, und später als Privatsanatorium benutzt. 1940 erwarb die Stadt Tulln das gesamte Grundstück. Hier war bis 1990 das "Allgemeine öffentliche Landeskrankenhaus" von Tulln untergebracht. Nach einer Testuntersuchung im Jahr 1997 finden nun im Vorfeld einer geplanten Neuverbauung im Bereich des ehemaligen Landeskrankenhauses Tulln (vorm. Dominikanerinnenkloster) seit Mai 1999 archäologische Untersuchungen statt, die vom Verein ASINOE im Auftrag des Bundesdenkmalamtes, Abteilung für Bodendenkmale, durchgeführt werden: Zielsetzung der Grabung 1997 war die Abklärung der stratigrafischen Situation. Innerhalb zweier kleiner Sondagen wurden - in einer komplexen Schichtabfolge von über 4 m - Überreste der zum hier situierten römischen Militärlager Comagena gehörenden Kasernenbauten (gemauerte Fundamente mit aufgehendem Fachwerk und Lehmziegeln), spätantike und frühmittelalterliche Bauphasen, Fundamente der Konventskirche des Dominikanerinnenklosters und weitere klosterzeitliche Bebauungsspuren freigelegt. Seit Mai 1999 werden großflächige Grabungen, vor allem im Bereich des ehemaligen Parkareales, durchgeführt. Das erforderliche Bauniveau wurde partiell mittels Bagger freigelegt, wobei in erster Linie neuzeitliche Aufschüttungen abgetragen wurden. Die dabei zutage tretenden Befunde wurden dokumentiert (Abb. 2). Im Bereich nördlich des noch bestehenden ehem. Krankenhaustraktes konnte eine umfangreiche mittelalterlich/frühneuzeitliche Verbauung festgestellt werden, die möglicherweise mit dem dem Dominikanerinnenkloster beigeordneten Dominikanerkonvent in Zusammenhang zu bringen ist. Im Randbereich der Grabungsfläche wurde die Konventskirche des Männerklosters angeschnitten, deren Fundamente einen stark umgelagerten vermutlich hochmittelalterlichen Friedhof stören. In Verlängerung des noch stehenden Nordtraktes des Landeskrankenhauses bzw. des ehem. Dominikanerinnenklosters wurden die Fundamente des Ostabschlusses und Teile der Unterkirche der um 1280 erbauten Konventskirche "Unserer lieben Frau Verkündigung" erfaßt. Weiters konnten die Fundamente der Südwestecke der Kirche sowie des südlich anschließenden Kreuzganges und des Westtrakts des Dominikanerinnenklosters freigelegt werden.

 

Als Sensation kann das Auffinden einer großen Anzahl von sekundär verlegter Ziegelfliesen am Dachboden des bestehenden Krankenhausgebäudes bezeichnet werden (Abb. 3). Diese mit Drachen-, Löwen-, Sphingendarstellungen, ornamentalen und floralen Mustern verzierten Stücke lassen sich als Teil der Erstaustattung (1290) der Dominikanerinnenkirche identifizieren. Die in vertiefter Prägung gearbeiteten Fliesen gehören neben den in Klosterneuburg und Stift Altenburg aufgefundenen Fliesenböden zu den bedeutendsten Neufunde der letzten Jahre.

 

© Abb. 1-3: BDA 1999.