Wilhelm Exner Saal

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Die bauliche Hülle für den Wilhelm Exner-Saal entstand 1909 für das k.k. Gewerbeförderungsamt als Aufstockung eines Hoftrakts zu einer bestehenden Fabrikanlage, deren Kernbau bereits 1890 nach Plänen des renommierten Architektenateliers Helmer und Fellner für die Anglo-American Brush-Electric Light Corporation Limited mit Sitz in London errichtet worden war.

Zur Unterbringung des k.k. Gewerbeförderungsamtes kaufte 1899 das damalige k.k. Handelsministerium die Fabrikanlage, welche inzwischen in den Besitz der Siemens-Schuckert Werke übergegangen war. Ab dem Jahr 1900 wurde hier der 1892 gegründete "Technische Dienst zur Förderung des österreichischen Kleingewerbes am Technologischen Gewerbe-Museum" untergebracht. Im Auftrag der damaligen Regierung übernahm der Direktor des Technologischen Gewerbe-Museums und spätere Sektionschef Dr. Wilhelm Exner gemeinsam mit Hofrat Dr. Adolf Vetter die Leitung dieser Förderstelle und übte diese Funktion längere Zeit aus. Nahezu gleichzeitig erfolgte die Umbenennung der Förderungsstelle in "Gewerbeförderungsdienst", und ab 1908 erhielt die Institution den Rang eines selbständigen "Gewerbeförderungsamtes". Wilhelm Exner wurde somit zum Leiter der "Ersten Wirtschaftsförderungsstelle" und gab der Förderung des Gewerbes wesentliche und richtungsweisende Impulse. Nach Fertigstellung der Bauarbeiten wurde 1910 der am Technologischen Gewerbe-Museum und im Gewerbeförderungsamt tätige Architekt Heinrich Kathrein mit der Gestaltung des Sitzungssaales (Wilhelm Exner-Saal), der Büroräume und der Gänge beauftragt. Bereits im Entwurf Kathreins für die Ausgestaltung des Bürotraktes und des Wilhelm Exner-Saales ist eine Zusammenarbeit mit Josef Hoffmann erkennbar. Die Innenausbauarbeiten für den Saal und die Büroräume wurden von den im Haus des k.k. Gewerbeförderungsamtes in der Severingasse eingerichteten "Musterbetrieben" auf Grundlage der von Heinrich Kathrein offensichtlich bis ins Detail durchgearbeiteten Planung durchgeführt. Der Grundgedanke der Förderungsbewegung, die in anderen europäischen Ländern schon früher eingesetzt hatte (Frankreich, England, Deutschland), war der, für das Kleingewerbe im vorigen Jahrhundert gegen die erdrückende Industrialisierung in der Produktion Hilfsmaßnahmen anzubieten, um die Gewerbezweige wieder attraktiv und vor allem konkurrenzfähig zu machen. So wurden von den Förderungsstellen den Gewerbetreibenden Fachkurse, Schulungen, Einführung in neue Arbeitstechniken und Betriebsmethoden, Mithilfe bei der Beschaffung von Maschinen, günstige Kredite, Werbemöglichkeiten, europaweite Teilnahme an Messen und Ausstellungen und vieles andere mehr angeboten, um eine bessere Verwertung der gewerblichen Erzeugnisse zu ermöglichen. Eduard F. Sekler Der Wilhelm Exner Saal in architekturgeschichtlicher Perspektive Als sich vor wenigen Jahren wegen notwendig gewordener Instandsetzungsarbeiten die Aufmerksamkeit dem Wilhelm Exner Saal zuwandte, erwog man auf der Suche nach dem seinerzeitigen Schöpfer dieser Anlage auch, ob es nicht Josef Hoffmann gewesen sein könnte. Das war durchaus verständlich, da der erste Eindruck des Raumes wirklich sehr "hoffmannisch" ist. Der tatsächliche Architekt war jedoch - wie sich aus dem Studium des historischen Quellenmaterials ergab - Heinrich Kathrein, und das macht den Saaleinbau aus den Jahren 1909 bis 1911 zu einem architekturgeschichtlich bedeutsamen Zeugnis für die Tatsache, daß es in Wien in einer Zeitspanne, die sich annähernd von der Kunstschau 1908 bis zur Kölner Werkbundausstellung 1914 erstreckte, eine stilistisch deutlich erkennbare Richtung der Innenraumgestaltung gab, in welcher der Einfluß Hoffmanns ausschlaggebend war. Da aber die meisten Räume (Geschäftslokale, Büros, Hotels Gaststätten, Wohnungen u.a.m.), die von Hoffmanns Schülern oder ihm nahestehenden Architekten eingerichtet worden waren, im Laufe der Jahre entweder verändert oder zerstört wurden, besitzt der Wilhelm Exner Saal – besonders nach seiner jetzigen sorgfältigen Restaurierung – echten Seltenheitswert. Für die "hoffmannische" Richtung sind Motive wie die Unterteilung von Flächen in gerahmte regelmäßige Felder und die Verwendung der Raute als Schmuckform, ebenso typisch wie die auch beim Wilhelm Exner Saal auffallende Vorliebe für schwarz gebeiztes Holz mit weiß eingeriebenen Fugen. Auch sind die Textilien für Bespannungen, Polsterungen und Vorhänge ebenso wie die Beleuchtungskörper sorgfältig auf eine harmonische Gesamtwirkung abgestimmt. In Hoffmanns eigenem Werk kann man in diesem Zusammenhang unschwer auf beispielgebende Lösungen hinweisen, die auch zeitlich in die Nähe des Wilhelm Exner Saales fallen. So findet etwa schwarz gebeiztes, weiß eingeriebenes Holz bei der Einrichtung des Geschäftslokales der Staatsdruckerei (1907), beim Speisezimmer der Wohnung Knips (1909), dem Herrenzimmer der Villa Ast (1911/12) und jenem für Professor Zuckerkandl (1912) Verwendung. Im Palais Stoclet in Brüssel (1905-1911), Hoffmanns Hauptwerk, wurde das Herrenzimmer in schwarz gebeizter Eiche ausgeführt und die Decke des Vestibüls erhielt, so wie der Wilhelm Exner Saal, ein segmentbogiges in Felder unterteiltes weißes Stuckgewölbe. Da es die ursprüngliche Funktion des Wilhelm Exner Saales war, dem k.k. Gewerbeförderungsamt als Sitzungssaal zu dienen, lag auf der Hand, bei der Wandgestaltung eingebaute, beleuchtete Vitrinen vorzusehen, in denen Erzeugnisse des vom Amt geförderten Gewerbes ausgestellt werden konnten. Heinrich Kathrein, der, wie Hoffmann, ein erfahrener Ausstellungsgestalter war, löste diese Aufgabe geschmack- und wirkungsvoll. Vom Gesamtergebnis seiner Tätigkeit am Haus Severingasse 9 kann daher wohl gesagt werden, was ein deutscher Kritiker über den österreichischen Pavillon auf der Kölner Werkbundausstellung 1914 schrieb: "Die Mittel sind die denkbar einfachsten, aber die Wirkung ist absolut schlagend. Es ist immer nur weniges beeinander, nur Dinge, die im Material, in der Farbe, in den Nuancierungen zusammenpassen. Immer aber ist der Zweck erreicht, das Ausgestellte in einer raffiniert feinen Beleuchtung, geschickten Aufstellung so auf den Beschauer wirken zu lassen, dass es ihn immer wieder anzieht, fesselt und festhält". Daß die Anlage des Wilhelm Exner Saales und seiner Nebenräume vorbildlich zweckentsprechend und haustechnisch nach dem letzten Stand der Technologie zur Entstehungszeit durchgeführt wurde, dürfte nicht zuletzt auch auf den Einfluß zurückzuführen sein, den Otto Wagners Vorbild und Lehre in Heinrich Kathreins Laufbahn hatten. Wagners Forderung, daß "Bedürfnis, Zweck, Konstruktion und Idealismus" als die "Urkeime des künstlerischen Lebens" jeder baukünstlerischen Leistung zugrunde liegen müssen, erscheint beim Wilhelm Exner-Saal vollkommen erfüllt. Ein Rückblick auf 1911 vom Ende des 20. Jahrhunderts aus gestattet außerdem zu erkennen, wie angemessen für die zu schaffende Stimmung im Wilhelm Exner-Saal zur Zeit seiner Fertigstellung dessen Form, Farbe und Raumgestaltung waren. Ermöglichen es doch diese selbst heute noch zu erkennen, daß es beim Entwurf darum ging, die Forderung nach einer gewissen amtlichen Würde mit der nach einer kunstfreundlich lockeren Atmosphäre ohne Pomp ins Gleichgewicht zu bringen. Darüber hinaus mag es heutigen Besuchern des Saales, wenn sie ihn mit seinen ausgewogenen Proportionen lange genug auf sich einwirken lassen, sogar manchmal gelingen, Verständnis für das Gefühl gesicherten Daseins und optimistischer Zuversicht aufzubringen, das in den letzten Jahren vor dem ersten Weltkrieg zumindest für einen Teil des Wiener Bürgertums charakteristisch war. Bemerkungen aus Sicht der Denkmalpflege Überraschend war zunächst die nahezu vollständig originale Erhaltung des Wilhelm Exner-Saales. Bei der Instandsetzung hatte daher der überkommene Zustand höchste Priorität. Eingriffe sollten möglichst gering sein und in erster Linie pflegenden Charakter haben. Die zu setzenden Maßnahmen mussten durch Befunde ausreichend abgesichert sein, was vor allem für die Oberfläche wichtig war. Adaptierungen, auch in vorgelagerten Räumen, sollten nur in dem für aktuelle Nutzungserfordernisse unbedingt notwendigen Ausmaß durchgeführt werden. Ergänzungen waren lediglich in jenen Fällen angebracht, in denen das Fehlen von Dekorelementen die ursprüngliche Erscheinung verunklärt hätte. Ergänzungen zum Bestand z.B. Gitter vor den neuen Heizkörpern, sollten bewusst von der originalen Substanz unterscheidbar bleiben.