Wiener Werkstätte: Vorhang aus 81 geklöppelten Einsätzen, um 1920

Bewegliche Denkmale
Einblick in die Ausstellung

Wiener Werkstätte: Vorhang aus 81 geklöppelten Einsätzen, um 1920
Entwurf: 6 Motive von Anny Schröder-Ehrenfest (1898-1972), 4 Motive von Vally Wieselthier (1895-1945) und 3 Motive von Dagobert Peche (1887-1923)
Größe: 225 cm x 166 cm

Der hier gezeigte Vorhang aus 81 geklöppelten Einsätzen gehört schon allein aufgrund des Materials und seiner außerordentlichen Größe zu den seltensten sowie kostbarsten textilen Objekten, die aus der Ära der Wiener Werkstätte erhalten sind. An ihm lässt sich auch die Bedeutung und Stellung von Künstlerinnen um und kurz nach 1900 in Österreich belegen. Speziell in der Textilabteilung der Wiener Werkstätte lieferten zahlreiche Frauen künstlerische Entwürfe. Über 60 Künstlerinnen können nach aktuellem Forschungsstand dort festgemacht werden.

Initiiert wurde die Tüll- und Klöppelspitzenproduktion wahrscheinlich vom Leiter der Künstlerwerkstätte Dagobert Peche. Ab 1917/1918 dürfte mit der Produktion von Klöppelspitzen begonnen worden sein. Peches Stilempfinden, das inspiriert war vom Rokoko und der Volkskunst und sich in der Stilisierung dieser Formen äußerte, wird auch von vielen Künstlerinnen der Wiener Werkstätte vertreten. Von Peche stammen die Motive eines Krugs, eines Kopfs im Profil und eines Tiers.

Vor allem die Volkskunst ist in den Entwürfen von Anny Schröder-Ehrenfest wiedererkennbar, was sich im Klöppelmotiv der Vase gut nachvollziehen lässt. Eine geschmackliche Vorliebe, die sich in den 1930er Jahren in der Gesellschaft besonderer Beliebtheit erfreute. Von ihr stammen auch die Tierentwürfe Löwe, Steinbock, Stier und Antilope sowie die komplexe Kreation einer Frau mit Katze und Pfau.

Vally Wieselthier, die heute für ihre keramischen Skulpturen international hohe Bekanntheit genießt und 1920 die Wiener Werkstätte bereits wieder verlassen hatte, ist mit Motiven von vier menschlichen Figuren in tänzerischen Posen und folkloristischen Kleidern vertreten.

Zwar sind durch Entwurfszeichnungen und Fotografien viele der geklöppelten Schöpfungen dokumentiert, erhalten haben sich hingegen nur wenige. Ein textiles Kunstwerk, wie der vorliegende Vorhang, zählt heute in dieser Dimension und einer derartig hohen künstlerischen Qualität zu den herausragenden Kreationen der Wiener Moderne.

2015 war der Vorhang bei einer Versteigerung in einem Wiener Auktionshaus zum Verkauf angeboten worden. Auf Grund seiner mehrfachen außerordentlichen Bedeutung für Österreich hinsichtlich Kunst-, Kultur- und Wohngeschichte, aber auch bezüglich der Bedeutung für die Entwicklung der Gleichstellung zwischen den Geschlechtern im Bereich der bildenden Kunst, war vom Bundesdenkmalamt eine Ausfuhr nicht in Aussicht gestellt worden. Dank der Schenkung durch den privaten Eigentümer an das MAK steht das Kunstwerk heute als Teil einer öffentlichen österreichischen Sammlung unter Denkmalschutz. Konservatorisch stellen Textilien hohe Ansprüche an Museen, weshalb man derartige Kunstwerke nur sehr selten im Original öffentlich zeigen kann.

Derzeit ist der imposante Vorhang in der Ausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ in seiner ganzen Schönheit zu bewundern.

Literaturhinweis:
Völker Angela; Thun-Hohenstein Christoph, Die unbekannte Wiener Werkstätte. Stickereien und Spitzen 1906-1930, MAK Studies 25, 2017
Rossberg Anne-Katrin; Schmuttermeier Elisabeth; Thun-Hohenstein Christoph, Die Frauen der Wiener Werkstätte, 2021