Jahnturnhalle Feldkirch (Vorarlberg): Vom historischen Turnsaal zum Co-Working Space

Außenansicht
Die Umnutzung von Turnhallen ist kein Novum in Vorarlberg, gastiert doch das Klassikfestival der Schubertiade in Hohenems seit 2005 ebenfalls in einer ehemaligen Sportstätte. Doch in Feldkirch dauerte es etwas länger bis das Jugendstiljuwel nun wieder seine Pforten öffnete.

Die so genannte „Jahnturnhalle“ wurde 1903/04 nach Plänen von Ernst Dittrich (1868-1948) erbaut, der Anfang des 20. Jahrhunderts der bedeutendste, in Feldkirch tätige Architekt war. Er war als Baurat im Department für Hochbau im Ministerium für Inneres tätig und wurde 1901 zum Bau des Landesgerichts nach Feldkirch geholt; von ihm  stammen auch die Finanzlandesdirektion 1911sowie die imposanten Stadthäuser am Churer Tor und einige Villen am Stadtrand.

Der Namen des Platzes und der Halle stammt wie vielerorts von „Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852), der den nationalistischen Leitsatz „Frisch Fromm Fröhlich Frei“ prägte. Noch heute ist dieses Wappen mit den vier „F“ im Giebelfeld gemeinsam mit dem Feldkircher und dem Montforter Wappen sichtbar.

Der imposante Bau zeigt die Wertigkeit der körperlichen Ertüchtigung in der Gesellschaft und gliedert sich im Wesentlichen in zwei Gebäudeteile: Im hinteren, hohen Teil befand sich das Stiegenhaus, ein Sitzungszimmer, die Umkleiden und die Hausmeisterwohnung. Im vorderen Teil war die eingeschossige Turnhalle situiert, in der bis 2008 noch geturnt wurde. Während der Dachstuhl über der Halle als Pfettendachstuhl mit Sprengwerk und Zugstangen konstruiert ist, wird der „Wohnteil“ von einem abgewalmten Pfettendach und einem Türmchen abgeschlossen.

Der südliche Eingang zur Halle ist mit einem hölzernen Portikus betont, der fast archaisch anmutet. Die Stützpfeiler des Portikus’ ragen über das Pultdach hinaus und sind mit Wappen verziert. Auf der schlichten Holztür mit getreppter Steinrahmung sind die Baudaten vermerkt: „AVGUST-1903-JVNI-1904“. An den Fassaden wechseln raue und glatte Putzflächen sowie lagige Steinverkleidungen ab.

Die Halle ist ein charakteristisches Beispiel für die Vorarlberger Baukultur dieser Zeit, bei der Heimatstilelemente (Turm, Fachwerk, Natursteinmauerwerk) mit Jugendstilelementen wie Sgraffito und Inschriften verbunden wurden. Erfreulicherweise haben sich im Archiv der Stadt Feldkirch die originalen Baupläne erhalten, die auch jetzt für die Rekonstruktion der Hallenfenster als Grundlage dienten. Eben jene Fenster sowie Sanitäranlagen und Turngeräte der 1970er Jahre waren eine der wenigen Veränderungen, die sich im letzten Jahrhundert zutrugen.

2015 erfolgte der Verkauf der Liegenschaft und die Verbauung des angrenzenden Jahnplatzes mit Wohn- und Geschäftshäusern war beschlossene Sache. Die Projektentwickler der PRISMA Unternehmensgruppe suchten nach einer neuen Nutzung für die inzwischen leer stehende Turnhalle, die „in das Gesamtprojekt eingebunden werden und als identitätsstiftendes Element in der Quartiersentwicklung eine besondere inhaltliche und gestalterische Stellung einnehmen solle“. Als Stolpersteine auf dem Weg erwiesen sich 2017 Probleme bei den Gründungsarbeiten an den Nachbargebäuden, die Risse an den Fassaden hinterließen und aufwändig saniert werden mussten, bevor es an die eigentliche Revitalisierung ging.

Für die Nutzung war zuerst noch eine Geschäft für Home-Accessoires im Gespräch, nun gibt es ein Mischnutzkonzept zwischen Cafe & Bar, Events, Concept Store und Co-Working Space; dieses soll Networking in der Office Community mit Veranstaltungen, Vorträgen und After Work Partys bieten. In „einer kreativen, inspirierenden Atmosphäre soll es eine Plattform zum Austausch mit anderen kreativen Köpfen in einer produktivitätsfördernden Umgebung sein“, so wünschen es ich die neuen Nutzer.

Das Architekturbüro Wolfgang Ritsch stellte sich dieser Aufgabe und versuchte soviel als möglich zu erhalten. Die neuen Teile präsentieren sich in dunkel gefärbtem Stahl. Am augenscheinlichsten ist eine schwarze Plattform, die als zusätzliche Ebene in der großen Halle dient und sowohl über eine Treppe als auch Brücke erreichbar ist. Auch der Lift und die neuen Türen zeigen sich im selben Design. Hallendecke, Kastenfenster, Fassaden, Treppenhaus und ehemalige Hausmeisterräume samt Türen wurden schonend konserviert.

Wiederum waren engagierte Architekten und Handwerker wie vor über hundert Jahren tätig um den Jugendstilbau in seinen neuen „Lebensabschnitt“ zu begleiten. Wo also früher gemeinsam geturnt wurde, motivieren und inspirieren sich nun Freiberufler, Kreative und Starts-Ups – kurz gesagt: Von Kunststücken am Reck zur Hirnakrobatik der Gegenwart!