Die Sala Terrena im Deutschordenshaus (Wien): Restaurierung eines barocken Schmuckstücks

Denkmal des MonatsWien
Ausschnitt der Wandmalerei mit Putti und blauem Baldachin
"Die Zielsetzungen und Erwartungen im Vorfeld für dieses Projekt wurden in der Ausführung des Endergebnisses mehr als übertroffen", resümiert Valentin Pribernig, Verantwortlicher vom Deutschen Orden, über die nun abgeschlossene Restaurierung, "der ‚Edelstein‘ des Deutschordenshauses wurde zum Strahlen gebracht".

Im Zentrum von Wien, direkt neben dem Stephansdom, versteckt sich ein fast unbekanntes Kleinod: Die Sala Terrena im Deutschordenshaus, ein kleiner Saal voll mit barocken, illusionistischen Malereien an Wänden und Gewölbe. Die beeindruckende Ausstattung mit mythologischen Szenen und reichen figuralen Ornamenten musste in den letzten Jahrhunderten schon einiges über sich ergehen lassen. Über siebzig Jahre waren die Malereien unter mehreren grauen Malschichten verborgen. Die vorübergehende Nutzung als Rumpelkammer, grobe Freilegungen, Übermalungen, Schmutz, Staub, Feuchtigkeit, Risse und ein Wasserschaden taten ihr Übriges und machten die nunmehrige Restaurierung zur spannenden Herausforderung. Umso erstaunlicher, dass es mit dem zwischen 2018 bis 2019 durchgeführten, aufwändigen Instandsetzungsprojekt nun doch gelungen ist, die komplexe Geschichte weitgehend zu entschlüsseln und den wunderbaren, intimen Rahmen dieses Schmuckstücks denkmalgerecht wiederherzustellen.

„Die Ausgangslage für die Restaurierung war denkbar schwierig. Die behutsame, schrittweise Umsetzung mit Musterflächen hat uns geholfen zu einem überzeugenden Ergebnis zu gelangen“, bringt Friedrich Dahm, Landeskonservator für Wien, den roten Projektfaden auf den Punkt.

Die Geschichte mit einem Hauch von Mozart

Die Sala Terrena mit ihren gerade einmal 45 m² Grundfläche ist zwar nicht so groß wie die Sala Terrena im Oberen Belvedere oder im Stift Klosterneuburg, aber ihre 150 m² umfassenden, gegen 1770 entstandenen, spätbarocken Malereien sind dagegen umso beeindruckender.

Der kleine Zentralraum liegt in einem um zwei geräumige Höfe gruppierten Gebäudekomplex, in dem zwei der bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte logierten: 1781 nahm kein Geringerer als der damals 25-jährige Wolfgang Amadeus Mozart und zwischen 1863 und 1865 Johannes Brahms hier Quartier. Die Ursprünge der Gebäude gehen auf den Anfang des 13. Jahrhunderts zurück, als der Deutsche Ritterorden gegründet und hier eine seiner Niederlassungen fand. Im Mittelalter sowie im 17. und 18. Jahrhundert mehrfach umgebaut, zeigt sich der Bau heute nach wie vor fast so, wie es der berühmte Vedutenzeichner Salomon Kleiner in seinem detailgetreuen Stich der Hauptfassade zur Singerstraße 1724 festhielt.

Hauptsitz des Deutschen Ordens

An dieser Adresse finden sich heute mit dem Hochmeisteramt, dem Zentralarchiv, der Schatzkammer und der Residenz des Hochmeisters die Zentrale des Deutschen Ordens. Weiters ist hier der Sitz des Priorates der Ballei Österreich sowie die Deutsch-Ordens Rektoratskirche St. Elisabeth zu finden.

Übermalt und vergessen

Nachdem der barocke Stil aus der Mode gekommen war, mussten die Malereien der Sala Terrena sowie der Kirche bereits rund 100 Jahre nach ihrer Entstehung einer neogotischen Umgestaltung um 1868 weichen. Im Unterschied zur Kirchenausstattung, wo man alles Barocke restlos entfernte, wurden die Malereien der Sala Terrena lediglich mit Kalktünche überdeckt und blieben deshalb erhalten. Die ursprünglich profane Sala Terrena wurde damals als Kapelle genutzt. Die barocke Ausstattung geriet so rasch in Vergessenheit. Erst 1903 änderte sich die Situation, als man sichtlich überrascht glaubte, „unter der Tünche Spuren anscheinend bedeutender alter Fresken gefunden zu haben“. „Dicke mehrfache Tünche liegt auf den Fresken“ befand man damals. „Das Ergebnis der Blosslegung ist abzuwarten“. Das Warten begann. Die Freilegung der Malereien sollte aber noch einige Jahrzehnte dauern. Noch 1927 wurde die Sala Terrena als Rumpelkammer genutzt. Die Einschätzung der Bedeutung der barocken Malereien landete damals auf dem Tiefpunkt: „Die kümmerlichen Reste sind vollkommen belanglos”, urteilte man lapidar. Erst 1941 bis 1943 wurden die grauen Übertünchungen großteils abgenommen. Allerdings hatte diese grobe Freilegung auch große Verluste an der Substanz der barocken Mal- und Putzschichten zur Folge, was bereits damals Kritik hervorrief.

Gott des Rausches mit Gefolge

Die zentrale Darstellung des Bildprogramms umfasst eine Figurengruppe mit dem auf einem Weinfass sitzenden Bacchus, dem Gott des Weines und des Rausches, gerahmt von illusionistischer Laubenarchitektur mit floralen und ornamentalen Elementen. Bacchus, anhand seines tierischen Begleiters, dem Leoparden, und seiner Attribute zu identifizieren, hält den Thyrsosstab, auch Bacchusstab genannt, der in einem großen Pinienzapfen ausläuft und der als Symbol der Fruchtbarkeit dient. In arkadischen Szenerien tummeln sich unter zarten Blumenranken römische Göttinnen, schlafende Nymphen, Bacchantinnen, Satyrn, girlandentragende Putti, Vögel und Insekten. Auch Hirtengott Pan mit seiner Flöte, damals auch Papagenopfeife genannt, ist zu finden - was wieder zu Mozart führt. Womöglich ließ sich der Komponist für seine berühmte Oper "Die Zauberflöte", in der die Panflöte, Vögel und der „Tempel der Natur“ eine wesentliche Rolle spielen, hier inspirieren?

Zustand vor der Restaurierung

Die Wand- und Deckenflächen der Sala Terrena wurden im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet und weisen eine komplexe Restaurierungsgeschichte auf. Ein Mischzustand aus Resten von originaler barocker Malerei, späteren Übermalungen, misslungenen Rekonstruktionen und unpassenden Ergänzungen, aber auch Fehlstellen, Risse, Kittungen, Vergilbungen sowie durch Feuchtigkeit und Salze geschädigte Putzbereiche stellten die Restauratorinnen und Restauratoren vor eine große Herausforderung.

Die Restaurierung

Am Beginn des Restaurierungsprojekts stand eine restauratorische Befundung vor Ort, gefolgt von einer Dokumentation der Schadensbilder. Grundlage für die Erstellung des Maßnahmenkonzepts bildeten die im Rahmen einer Diplomarbeit an der Akademie der Bildenden Künste Wien durchgeführte Befundung und Proberestaurierung. Sondagen und Probefreilegungen sowie Reinigungs- und Festigungsproben und die Ergebnisse der chemischen Analysen des Naturwissenschaftlichen Labors des Bundesdenkmalamtes lieferten weitere wichtige Erkenntnisse. Ziel der Restaurierung war die Konservierung des durch die mehrmaligen Überarbeitungen dezimierten spätbarocken Bestandes. Die Sala Terrena sollte wieder einen optisch geschlossenen Gesamteindruck vermitteln und den Charakter der ursprünglichen, barocken Malereiausstattung erahnbar machen.

Begleitende Maßnahmen

Begleitend zu den aufwändigen Restaurierungen konnten Brandschutzmaßnahmen, ein neues Beleuchtungskonzept sowie Einrichtungen zur Schaffung eines stabilen Raumklimas implementiert werden. Die Arbeiten für den zum Teil unterirdischen Einbau der erforderlichen Haustechnik wurden archäologisch begleitet. Bei gelungenen Instandsetzungsprojekten liegt die Qualität oft darin, was man zum Schluss alles nicht sieht. Die komplexen Anforderungen an Brandschutz und Klima wurden schon genannt. Darüber hinaus konnten Schallschutz, Fluchtwege sowie die strengen behördlichen Auflagen zur Abhaltung öffentlicher Veranstaltungen erfüllt werden, ohne dass diese umfangreichen Maßnahmen störend wahrnehmbar sind. Dies gelang durch eine frühzeitige, genaue Detailplanung und enge Zusammenarbeit von Eigentümer, Hausverwaltung, Planer und Bundesdenkmalamt. Die angenehme Atmosphäre der Sala Terrena steht künftig für Konzerte, Lesungen, Hochzeitsfeiern und hoffentlich vieles mehr zur Verfügung.

Zur Restaurierung der Sala Terrena im Deutschordenshaus ist aktuell auch ein neues Heft in der Publikationsreihe "Wiederhergestellt" erschienen: "Wiederhergestellt Nr. 61"