Archäologie in Österreich 1938 - 1945

mehrere zerbrochene antike Vasen und Tonkrüge sowie Glasflaschen
Am 17. September wurde im Grazer Archäologiemuseum in Schloss Eggenberg der Tagungsband "Archäologie in Österreich 1938–1945" präsentiert.

Das Buch wurde im Beisein des Präsidenten des Bundesdenkmalamtes Christoph Bazil und des steirischen Kulturlandesrates Christopher Drexler präsentiert und ist über die Historische Landeskommission für Steiermark oder direkt über den Phoibos-Verlag erhältlich. Der etwa 800 Seiten starke Tagungsband mit insgesamt 31 Beiträgen wurde von über 40 Fachleuten aus Österreich, Deutschland, Griechenland, den Niederlanden, Slowenien und den USA verfasst.

Archäologie in der Zeit des Nationalsozialismus

In den publizierten Fachbeiträgen lässt sich die Vereinnahmung der archäologischen Forschung und der Denkmalpflege in Österreich durch die politische Führungselite klar nachvollziehen. Dabei wird auch deutlich, wie sich die WissenschaftlerInnen auf die geänderten politischen Verhältnisse eingestellt haben bzw. versuchten von der gesteigerten öffentlichen Wahrnehmung zu profitieren.

Bei näherer Betrachtung der Lebensläufe von österreichischen PrähistorikerInnen, ArchäologInnen und AlthistorikerInnen in jenen Jahren wird rasch klar, wie unterschiedlich Berufskarrieren verlaufen konnten. Es gibt einerseits Persönlichkeiten, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus ihren Positionen gedrängt, ihres Dienstes enthoben oder zur Emigration in das Ausland gezwungen wurden, andererseits gibt es WissenschaftlerInnen, die trotz ihrer rassistischen beziehungsweise antisemitischen Weltanschauung und des damit verbundenen starken Engagements für das NS-Regime von der Nachkriegsgesellschaft mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet wurden.

WissenschaftlerInnen und Forschungseinrichtungen

Neben Einzelpersonen wie Kurt Willvonseder (geboren 1903, gestorben 1968), der durch seine verschiedenen Funktionen als einer der einflussreichsten Prähistoriker in Österreich während des „Dritten Reiches“ galt, oder Walter Schmid (geboren 1875, gestorben 1951), der über den Zeitraum von fünf politischen Systemen – Monarchie, Erste Republik, Ständestaat, „Drittes Reich“ und Zweite Republik – in der Steiermark als Landesarchäologe wirkte, werden im Tagungsband auch Institutionen und Organisationen wie die Akademie der Wissenschaften, das Österreichische Archäologische Institut oder das Institut für Denkmalpflege, die Vorläuferorganisation des heutigen Bundesdenkmalamts, in den Mittelpunkt gerückt.

Weiters finden sich im vorliegenden Band Überblicksdarstellungen zu den Bundesländern bzw. Reichsgauen. Als Beispiel ist die Studie von Daniel Modl zu nennen, die sich mit der ideologisch-politischen Vereinnahmung der Archäologie im Reichsgau Steiermark und im Gebiet der Untersteiermark befasst.

Eingeleitet und abgeschlossen wird das Buch durch Beiträge, die über Österreich hinausgehen. Einem Überblick über die Wissenschaftspolitik im „Dritten Reich“ mit Schwerpunkt auf den Geisteswissenschaften folgt eine neue Deutung des berüchtigten „Ahnenerbes“ der SS als eines rassistischen Netzwerkprojekts, das ein die Staatsgrenzen ignorierendes Forschungsnetzwerk aufbauen wollte. Abgeschlossen wird der Tagungsband mit den Ergebnissen der Podiumsdiskussion „Archäologie in der NS-Zeit –Archäologie heute“, die am 28. April 2015 im Kunsthaus Graz stattfand.