PERSPECTIVA PRACTICA - ein 500 m2 großes Kunst- und Bau-Projekt in Graz

Steiermark
Ein Mann steht auf einem Gerüst unter einer Zeichnung
Traditionelles Handwerk trifft Moderne und wird zur herausfordernden Begegnung. Eröffnung: Montag, 14. September 2020, ab 14.00 Uhr gemeinsam mit der Universität Graz und der Künstlerin Anna Artaker

Ein Kupferstich aus der Renaissance wurde 220-fach vergrößert und auf die 500 Quadratmeter große Fläche der Untersicht des neuen Dachaufbaus der Universitätsbibliothek in Graz übertragen. Die Künstlerin Anna Artaker gewann einen Wettbewerb im Rahmen von BIG ART, dem Kunstprogramm der Bundesimmobiliengesellschaft und realisierte mit Restauratorinnen und Restauratoren ihre flächenmäßig bisher größte Arbeit. Ausgangspunkt und Vorlage war eine Illustration aus dem Lehrbuch des französischen Renaissance-Gelehrten Jean Du Breuil von 1642 mit dem Titel „PERSPECTIVA PRACTICA“. Damit verweist Artaker auf den Wissensstand zur Zeit der Gründung der Universität Graz im Jahr 1585.

Zunächst galt es den überdimensionalen Bildträger vorzubereiten. Dafür wurden gepresste Blähglas-Granulat-Platten mittels Armierungen angebracht. Die darauf aufgetragene Spachtelung war grob ausgezahnt, um eine bessere Haftung zu gewährleisten. Für die Wiedergabe des Kupferstiches wurde die Sgraffito-Technik gewählt: Die Darstellung musste vergrößert und mithilfe von Schablonen feingezeichnet werden. Die Unschärfe des Kupferstichs wurde durch verschiedene Körnungen im Putz imitierte und erscheint nun als leichtes Relief.

Eine Reihe an Vorarbeiten war notwendig, erste Musterflächen wurden bereits vor zweieinhalb Jahren angefertigt, um die in Struktur und Textur geeigneten Putze zu bestimmen. Bei der ersten Putzschicht handelt es sich um einen eingefärbten Edelputz, darüber wurde mit Sumpfkalk die weiße Schicht gestrichen. Der zweilagige Putz, erst dunkel, dann weiß, wurde in kleineren unregelmäßigen Flächen aufgetragen und als Tagwerk wurden die Linien und Figuren im noch feuchten Zustand herausgekratzt.

Diese Tagwerke und vor allem die Übergänge waren immer wieder eine Herausforderung. Das Wetter spielte dabei auch eine entscheidende Rolle, da es sich auf das Verhalten des Putzes auswirkte. Auch war die Arbeit auf der Plattform in 14 Meter Höhe körperlich sehr anstrengend, unter der zu bearbeitenden Untersicht waren nur knapp zwei Meter Platz, das bedeutete die überwiegende Zeit über Kopf zu arbeiten.

Mit der Sgraffito-Technik erhoffte man sich vor allem die für die Fernwirkung entscheidenden Kantenausbrüche umsetzen zu können. „Man hat auf dem Arbeitsplateau kein räumliches Gefühl, daher galt es, alles mit Messpunkten zu versehen“, erklärt Markus Schaunigg, der gemeinsam mit Hannes Weissenbach an der technischen Umsetzung arbeitete. „In den Bereichen der Figuren wurde verlaufend und unregelmäßig gearbeitet, um diese besser in die Fläche zu integrieren“, so Schaunigg.

Die technischen Parameter sind beeindruckend: Die Betonuntersicht wurde mit Putzträgerplatten verkleidet; auch wurde für Hinterlüftung gesorgt, damit das Sgraffito am Bildträger haftet. Die 500 Quadratmeter große Darstellung wurde ohne Dehnungsfuge und entkoppelt vom Zubau und der zweigeschossigen Aufstockung angebracht. Auf die Arbeits-Gerüstebene in der Höhe von 14 Metern waren Zwangsmischer und annähernd sechs Tonnen Material zu schaffen.

Für die Künstlerin Anna Artaker war es eine besondere Erfahrung, auf einem Baudenkmal mit einem modernen Zubau ein Kunstwerk in historischer Handwerkstechnik zu schaffen:
„Der Einsatz historischer Techniken für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart gehört zu meinen künstlerischen Methoden. Die historische Dimension unserer Zeit zu begreifen ist für mich eine Voraussetzung für die Gestaltung der Zukunft. Für die Umsetzung meines Konzepts für die Universitätsbibliothek in Graz hätte ich mir keine besseren Partner wünschen können als Markus Schaunigg und Hannes Weissenbach. Sie haben das Know-How, um die seit der Renaissance verwendete Sgraffito-Technik für ein zeitgenössisches Gebäude aus Stahlbeton und Glas umzusetzen und meine Vision Wirklichkeit werden zu lassen.“