X zum Quadrat: Das Seelsorgezentrum Steyr-Ennsleite (Oberösterreich)

Oberösterreich
Außenansicht einer modernen Kirche mit Sichtbetonelementen
Die geplante Neustrukturierung des Seelsorgezentrums Ennsleite in Steyr machte es 2019 notwendig, den genauen Umfang des bestehenden Denkmalschutzes von Kirche und Pfarrhof zu klären. Dabei wurde einmal mehr die bedeutende Stellung der Anlage in der österreichischen Architekturgeschichte offensichtlich.

Das starke Wachstum des Steyrer Arbeiterbezirks Ennsleite brachte 1958 den Bedarf an einer Kirche samt Seelsorgezentrum mit sich. Aus zwei Entwürfen fiel die Wahl auf das Projekt von Johann Georg Gsteu, der mit der arbeitsgruppe 4 (Wilhelm Holzbauer, Friedrich Kurrent und Johannes Spalt) ehemalige Studienkollegen hinzuzog. Gsteu und die arbeitsgruppe 4 standen damals am Beginn ihrer Karriere – heute zählen sie zu den wichtigsten Vertretern der österreichischen Nachkriegsmoderne.

Ihr Entwurf für das Seelsorgezentrum setzte sich stark vom traditionsgeprägten Kirchenbau dieser Jahre ab. Stattdessen griffen sie aktuelle Strömungen aus Westeuropa und den USA auf. Prägenden Eindruck hatte der amerikanische Architekt Konrad Wachsmann auf sie hinterlassen. Bei der Internationalen Sommerakademie 1956 und 1957 in Salzburg lehrte er eine strenge Systematik, die den Fokus vom Endprodukt auf die Analyse der Grundlagen und der Konstruktion verschob. „Industrielle Produktion, […] modulare Vorfabrikation, wiederholbare Strukturen auf Grundlage komplexer Maßsysteme“ sollten die Basis des Bauens bilden.

Die Anlage ist weitgehend symmetrisch gegliedert: Das Tor mit Glockenträger im Westen markiert Eingang und Mittelachse. Auf einen Vorplatz folgen der Pfarrhof und der Pfarrsaal (1958–1961), den man vorübergehend für Gottesdienste nutzte. Gemeinsam mit der dahinter gelegenen Kirche, die erst 1968 bis 1970 ausgeführt wurde, umfangen sie einen schmalen Vorhof. Im Norden schließt die Wochentagskapelle samt Sakristei an. Hinter der Kirche sollte ein Kindergarten entstehen, der jedoch kurzfristig aus dem Projekt gestrichen wurde.

Die Anlage entstand auf Basis eines Grundrissrasters, der auch in der Pflasterung sichtbar ist. Die Architekten beschrieben es folgendermaßen: „Dem gesamten Entwurf liegt ein Maßsystem von 62,5 cm - 125 cm - 250 cm usw. zugrunde. Die einzelnen Baukörper haben ein Grundrißausmaß von 12,50 X 25 m.“ Dieses System bestimmt sämtliche Maße bis hin zur kleinsten Einheit von 12,5 Zentimeter, die bei der Breite der Schalungsbretter oder der Stärke der Wände wiederzufinden ist. Die Grundlage bildeten dabei Standardmaße der Industrie. Die Architekten waren jedoch der Baupraxis ihrer Zeit voraus: Lediglich die Wandelemente aus Holzbeton waren als Fertigteile verfügbar, die Rippendecken mussten anfangs noch händisch in Ortbeton ausgeführt werden.

Insbesondere das Kirchengebäude ist das Ergebnis der Reformbestrebungen der katholischen Kirche im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die nüchterne Gestaltung läutete eine Entmystifizierung des Kirchenraums ein. Der Eindruck wird von dem schalrein belassenen Beton der X-förmigen Stützen und der Rippendecken bestimmt. Der Boden besteht aus schwarzem Gussasphalt, in dem die Rasterlinien des Außenraums weitergeführt wurden. Das Holzmobiliar aus Esche in klaren rechtwinkeligen Formen stellt die Schraubverbindungen offen aus. Im Kontrast dazu stehen die Marmorzylinder des Taufbeckens und der Weihwasserstelen. In den Nebengebäuden schaffen Steingutfliesen und Sperrholz-Vertäfelungen eine schlichte Behaglichkeit.

Die Reduktion und die Wiederkehr der Formen und Farben tragen wesentlich zu dem Eindruck der Einheitlichkeit und Geschlossenheit bei. Diese „arme Ästhetik“ der einfachen Materialien und Oberflächen signalisiert nicht nur Bescheidenheit, sondern auch die Bestimmung von St. Josef als Arbeiterkirche. Die baulichen Veränderungen seit der Weihe 1970 beschränken sich bis heute im Wesentlichen auf Reparaturen und Adaptionen des Pfarrsaals. Mit der Anwendung eines strengen Maß- und Modulsystems und der sichtbaren Trennung zwischen tragenden und ausfachenden Elementen ist das Seelsorgezentrum Ennsleite eine der ersten realisierten Umsetzungen einer internationalen Moderne in Österreich. Der überall spürbare Sinn fürs Detail macht es zu einer sinnlichen Erfahrung.