Burgenland: Eine Würdigung Alfred Schmellers (1920-1990) zum 100. Geburtstag

Drei Männer stehen in einem Saal, ein Mann legt dem anderen die Hand auf die Schulter
„Wenn die Leute beim Bauen auf das verzichten würden, was ihnen gefällt, dann wär die Architektur gar nicht so schlecht“ (A. Schmeller).

In einer aktuellen Ausstellung im Burgenländischen Landesmuseum wird Alfred Schmellers als „Pionier – Bewahrer – Visionär“* gedacht. Er beschritt nicht nur als Museumsdirektor neue Wege, sondern erkannte als Landeskonservator des Burgenlandes als Erster die Bedeutung und die Ästhetik der Profanbauten. Ab 1960 kämpfte er in dieser Funktion gegen die beginnende Neubauwelle im östlichsten Bundesland. Mit dem Credo Substanzerhaltung statt Kosmetik setzte er sich für den Erhalt der barocken Bürgerhäuser wie auch der typischen ebenerdigen Giebelhäuser ein. Nicht nur der Erhalt der typischen Dorfstraßen lag ihm am Herzen, sondern auch die Bewahrung gefährdeter Monumentalbauten.

Wie hatte es den aus dem deutschen Erlangen Gebürtigen ins Burgenland verschlagen? Nach dem Abitur wurde Alfred Schmeller zur deutschen Wehrmacht eingezogen, 1942 verlor er aufgrund einer Verwundung während des Russlandfeldzugs seinen rechten Arm. 1943 übersiedelte der junge Mann im Zuge seines Kunstgeschichtestudiums nach Wien, wo er 1946 mit einer Dissertation über die Baugeschichte von Stift Heiligenkreuz promovierte. 1949 ermöglichte ihm die Annahme der österreichischen Staatsbürgerschaft den Eintritt in das Bundesdenkmalamt. Während des Umbaus der Eisenstädter Stadtpfarrkirche zum Dom 1959 konnte Schmeller wichtige Daten zur Baugeschichte des Sakralbaus ermitteln. In den folgenden Jahren, noch unter dem damaligen Landeskonservator Franz Juraschek, wurde er immer wieder mit Aufgaben im Burgenland betraut. Als Juraschek Ende 1959 unerwartet verstarb, wurde Alfred Schmeller am 1. Jänner 1960 zum Nachfolger ernannt.

Eine Vielzahl an Aufgaben erwartete ihn: Auf Burg Forchtenstein drohte die gesamte Nordbastei abzustürzen. Das von Johann Lukas von Hildebrandt für Alois Thomas Graf Harrach 1701 errichtete Schloss Halbturn war seit einem Brand 1949 eine Ruine ohne Dach – dem Deckenfresko von Franz Anton Maulbertsch drohte die Zerstörung. Schloss Kobersdorf und Schloss Deutschkreutz standen leer und waren restaurierungsbedürftig. Gleichermaßen brach eine Neubauwelle über das Burgenland herein – steigender Wohnkomfort und Bestimmungen der Bauordnungen gefährdeten die malerischen Ortsbilder, denen Roland Rainer 1961 im „Anonymen Bauen“ ein Denkmal gesetzt hat. In dieser Situation fand die energiegeladene Persönlichkeit Schmellers ein reiches Betätigungsfeld. Er gab die Initialzündung für die Rettung des Stadtbildes von Rust, das heute touristisches Markenzeichen des Burgenlandes ist und 1975 zur „Modellstadt der Denkmalpflege“ erhoben wurde.

Als Anton Lehmden, bedeutender Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, auf der Suche nach einen Bauerhof mit langen Arkadengängen war, empfahl ihm Alfred Schmeller das Schloss Deutschkreutz mit den Worten: „Da kannst dich deppert rennen, was Arkaden angeht.“ Anton Lehmden erinnert sich: „Ich bin Alfred Schmeller sehr dankbar, dass er für meine süße Last gesorgt hat … Schloss Deutschkreutz nannte er immer „Kukuruz-Versailles“!“ Für das fast schon zum Abriss freigegebene Schloss Kobersdorf wurde in der Architektin Martha Bolldorf-Reitstätter eine engagierte Eigentümerin gefunden. Von besonderer Bedeutung für das Burgenland war die Entdeckung des Kellerviertels in Heiligenbrunn, dessen Einmaligkeit Schmeller erkannte. Durch persönliche Gespräche und die Erschließung von Subventionen konnte ein landschaftlich und architektonisch bedeutendes Ensemble bis heute bewahrt werden.

Auch die Gründung des Künstlerdorfs Neumarkt an der Raab 1964 wäre undenkbar ohne Schmellers Engagement, das mit der Unterschutzstellung eines Streckhofs mit lehmgesetzten Mauern - des Daxhauses, eines der ältesten Häuser des Ortes, begann. Im letzten Jahr seiner Tätigkeit am Bundesdenkmalamt stellten sich mit der Schaffung des Freilichtmuseums Bad Tatzmannsdorf und der Eröffnung des Burgmuseums auf Burg Güssing schöne Erfolge ein. 1969 endete mit der Bestellung zum Leiter des Museums des 20. Jahrhunderts seine Tätigkeit am Bundesdenkmalamt. Alfred Schmeller blieb dem Burgenland als Eigentümer eines urigen Bauernhauses bis an sein Lebensende verbunden.

Alfred Schmeller. Pionier – Bewahrer – Visionär“, Ausstellung im Landesmuseum Burgenland 28.2.-11.11.2020, kuratiert von Petra Werkovits