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Vorder und Rückansicht eines Sessels aus dem Rauchzimmer von Schloss Hernstein
Ein Sessel aus dem Rauchzimmer von Schloss Hernstein (Niederösterreich)

Schloss Hernstein steht seit Jahrzehnten samt seiner Innenausstattung unter Denkmalschutz, was seiner Erhaltung sehr zuträglich war und ist. Trotzdem hat es nach dem zweiten Weltkrieg in manchen Bereichen gelitten. So sind ungeklärter Weise einzelne Gegenstände und Mobiliarteile nach 1945 aus dem Gebäude verschwunden. Teilweise tauchen diese Stücke nun im Kunsthandel auf. Viele davon konnten vom Bundesdenkmalamt gerettet werden, wie der erst 2018 auf einer Antiquitätenmesse in Wien präsentierte Sessel aus dem sogenannten Rauchzimmer des Schlosses.

Schloss Hernstein in Niederösterreich, im 19. Jahrhundert maßgeblich in seinem heutigen Erscheinungsbild von dem Architekten Theophil Hansen für Erzherzog Leopold gestaltet, muss als eine der gelungensten Schöpfungen des Historismus in höfischem Kontext bezeichnet werden, die Österreich besitzt. Besonders die Interieurs mit ihren prunkvollen Möbeln tragen wesentlich zur Bedeutung des Gesamtkunstwerks „Schloss Hernstein“ bei.

Mit der Umgestaltung des Landsitzes Hernstein übernahm Hansen ab 1856 einen Auftrag, der ihn bis 1884, also fast drei Jahrzehnte begleiten sollte. Ziel war es, das sehr schlichte Jagdgut zu einem herrschaftlichen und gleichzeitig modernen Schloss für einen Habsburgerspross – nämlich Erzherzog Leopold Ludwig – auszubauen. Dieser war ein großer Verfechter der englischen Tudorgotik, welche bis heute prägend für das Anwesen ist. Gleichzeitig begann sich um 1850 aber auch der Historismus als Kunstrichtung in der Architektur herauszubilden. Gerade in seiner Anfangszeit findet sich deshalb eine Durchmischung mehrerer Stilebenen – bei Hernstein der von Hansen später so geliebten Renaissanceformen – weshalb auch von einer romantischen Variante gesprochen wird, die der Stimmung Rechnung trägt.

Theophil Hansen selbst war einer der wichtigsten Architekten Österreichs unter Kaiser Franz-Joseph. Nach seiner Lehrzeit bei Karl Friedrich Schinkel in Berlin und seinem Studium in Wien war er 1837 nach Athen gezogen, wo er vor allem die griechische Baukunst studierte. Hansen begann klassizistische Gebäudeentwürfe zu zeichnen, die den Athener Stadtplaner Eduard Schaubert überzeugten, ihn für Bauaufgaben zu empfehlen. Der griechisch-österreichische Bankier Georg Simon von Sina, der Hansens Bauten in Athen schätzte, holte ihn schließlich nach Wien (einer anderen Quelle nach wurde Hansen vom Architekten Ludwig Förster nach Wien gerufen), damit er dort seine Bauprojekte in „griechischem Stil“ umsetze. Mit der Zeit wurde er zum herausragenden Vertreter des an der Renaissance orientierten strengen Historismus, was sich häufig auch in den kleinsten Details von Inneneinrichtungen im Sinne eines Gesamtkunstwerks manifestierte. Mit dem Bau der Wiener Ringstraße ab 1858 wurde Hansen einer ihrer wichtigsten Architekten. 1869 bis 1873 wurde am Schottenring das heute „Palais Hansen“ genannte Gebäude (inzwischen wieder mit Hotelfunktion) nach seinen Plänen errichtet. 1873 bis 1877 entstand ebenfalls am Schottenring, das Gebäude der Wiener Börse – mit Sicherheit einer von Hansens berühmtesten Ringstraßenbauten.

Sein bekanntestes Werk wurde allerdings das 1883 eröffnete Reichsratsgebäude, das heutige Parlament, das in der für ihn kennzeichnenden hellenischen Renaissance errichtet wurde. Herausragend ist auch der von ihm entworfene Wiener Musikverein mit dem sogenannten Goldenen Saal. Zu seinen prominentesten Mitarbeitern zählte auch der junge Otto Wagner. Zahlreiche Ehrungen – auch postum – wurden Hansen zu Teil. Er starb am 17. Februar 1891 in Wien.

Bezüglich des Sessels aus dem Rauchzimmer von Schloss Hernstein stellte sich im Rahmen eines Ausfuhrverfahrens heraus, dass es der letzte erhaltene seiner Art ist. Insgesamt existierten laut historischer Inventarlisten und einem Aquarell von Franz Alt von 1878 einst sechs Stück. Diese spezielle Form des Armlehnfauteuils war von Hansen sehr gerne in seinen Ausstattungen – insbesondere in Hernstein – verwendet worden, entsprach sie doch seiner Vorliebe für antikisierende Formen, wie ein historischer Einblick von 1924 in den Empfangssaal des Herrschaftssitzes belegt. Besonders daran ist, dass sich die originale, dunkel gemusterte Tapezierung bis heute erhalten hat. Wahrscheinlich war der dunkle Farbton nicht nur dem pompejanisch inspirierten Stil des Rauchzimmers mit seinen roten Wandbespannungen geschuldet, sondern auch in Hinblick auf die Verfärbungen durch Tabakgenuss abgestimmt. Für FachexpertInnen stellt die Auffindung des Stücks somit auch eine neue sensationelle Forschungslage dar, was seine künstlerische und geschichtliche Bedeutung unterstreicht.

Intensiver Einsatz und umfangreiche Recherchearbeiten des Bundesdenkmalamtes, der Abteilung für bewegliche Denkmale – internationaler Kulturgütertransfer führten zum Erhalt des Sessels im Inland, der nun Teil der Sammlung des Wien-Museums ist. Wenn das Sitzmöbel schon nicht wieder in das Schloss rückgeführt werden konnte, so soll er auf diese Weise in der Schau-Sammlung des Wien-Museums weiter für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Außerdem steht er als bewegliches Denkmal für wissenschaftliche Forschungen und Publikationen zur Verfügung.