Ein Rundgang zu Wiener Traditionsgeschäften

WienDenkmal des Monats
Historische Ansicht
Das "Denkmal des Monats Dezember" widmet sich dieses Mal nicht einem bestimmten Gebäude, sondern zeigt Traditionsgeschäfte in der Wiener Innenstadt. Gerade die Geschäftszonen werden häufig den jeweiligen Bedürfnissen und Moden angepasst - zu sehen ist eine Auswahl von familiengeführten Unternehmen, die ihre historischen Lokale bewahrt oder bewusst künstlerisch gestaltet haben.

Begleitet von der Historikerin Marie-Theres Arnbom machten wir einen Rundgang und trafen mit Unternehmerinnen und Unternehmern zusammen. In den Gesprächen zeigte sich immer wieder, dass das Bewahren der Tradition und der Handwerkskunst nicht rückwärts gewandt, sondern ein Schatz ist, der weiterzugeben und immer wieder neu zu interpretieren ist und als eine Ressource für zukunftsorientiertes, innovatives Unternehmertum verstanden wird.

Wir starten am Kohlmarkt und gelangen über den Graben mit einem Abstecher in die Wollzeile über die Kärntner Straße und den Neuen Markt zum Albertinaplatz.

Es wurden folgende Geschäfte besucht:

  1. Manz‘sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, Kohlmarkt 16
  2. Rozet & Fischmeister, Gold- und Silberschmiede, Kohlmarkt 11
  3. Schullin, Juwelier, Kohlmarkt 7
  4. Scheer, Maßschuhe und Leder, Bräunerstraße 4
  5. J. B. Filz, Parfümerie, Am Graben 13
  6. Kniže & Comp., Herrenausstatter, Am Graben 13
  7. Altmann & Kühne, Confiserie, Am Graben 30
  8. Tabak-Trafik, Am Graben 31
  9. Konditorei Heiner, Wollzeile 9
  10. J. & L. Lobmeyr, Kärntner Straße 26
  11. E. Köchert, Juweliere, Hoher Markt 15
  12. Wilhelm Jungmann & Neffe, Stoffe, Albertinaplatz 3

1.) Verlagsbuchhandlung MANZ (Bild 1)

Der Verlag Manz besteht seit 1849, Susanne Stein (Bild 1, rechts) führt das Unternehmen in fünfter Generation. Das Portal am Kohlmarkt 16 wurde 1912 von Adolf Loos entworfen. Mit schwarzem Marmor verkleidet und Schriftzug und Verzierungen in Gold führt es unter einer Milchglasdecke in einer breiten Nische in das Geschäft. Die Doppeladler erinnern an die lange Geschichte des bis heute führenden juristischen Verlags.

2.) ROZET & FISCHMEISTER, Gold u. Silberschmiede (Bild 2 bis 4)

Die Gold- und Silberschmiede Rozet & Fischmeister geht auf das Jahr 1770 und den aus Frankreich nach Wien zugezogenen Hugenotten Nikolaus Rozet zurück. Seit 1815 befindet sich das Geschäft am Kohlmarkt, 1911 wurde das Lokal von Portois & Fix im neo-josephinischen Stil gestaltet. Auch das Innere ist in seinem späthistoristischen Kleid erhalten.

3.) SCHULLIN, Juwelier (Bild 5 bis 7)

Am Kohlmarkt 7 befindet sich das Juweliergeschäft Schullin, das Dr. Herbert Schullin in den Jahren 1981/82 von Hans Hollein entwerfen ließ. Hans Hollein hatte zuvor bereits das Geschäft am Graben für Schullin gestaltet.

4.) SCHEER, Maßschuhe und Leder (Bild 8 bis 11)

In der Bräunerstraße 4 wirkt hinter dem Portal von 1899 mit Scheer & Söhne, gegründet im Jahr 1816, sicher eine der bedeutendsten und in seiner Art wohl einzigartigen Maßschuherzeugungen. So werden etwa in einer Vitrine unter anderem die Leisten von Kaiser Karl gezeigt. Übrigens: Auch an den Schuhen konnte man den Rang erkennen, für keinen durfte ein höherer Rist erzeugt werden, als für den Kaiser.

Das Handwerk wirklich zu begreifen und zu echter Meisterschaft zu bringen, geht nur über Generationen und die Weitergabe im Team: „Alle, die hier arbeiten, haben eine Verantwortung für diesen Schatz“, betont Geschäftsinhaber Markus Scheer.

5.) J. B. FILZ, Parfümerie (Bild 12 bis 14)

Am Graben 13, im „Generali-Hof“, befindet sich die Parfümerie Filz, 1809 gegründet und seither von der Familie betrieben. Das Portal war nicht mehr in der ursprünglichen Form erhalten und wurde anlässlich des 200-jährigen Bestehens modern gestaltet.

Verkauft werden auch eigene Kreationen, darunter ein Lavendelwasser. Auch wenn es sich nicht beweisen lässt, so ist die Historikerin Marie-Theres Arnbom überzeugt, dass es sich um jenes Lavendelwasser handelt, das René Stangeler in Doderers „Strudelhofstiege“ zu weiterer Entwicklung verhalf.

6.) KNIZE & COMP., Herrenausstatter (Bild 15 bis 17)

Das Unternehmen wurde 1858 vom böhmischen Schneider Josef Kniže gegründet, der 1888 den Titel „Hof-Schneider“ erhielt, jedoch im selben Jahr verstarb. Sein Nachfolger wurde Albert Wolff, dessen Nachkommen das Geschäft 1910/13 von Adolf Loos gestalten ließen.

7.) ALTMANN & KÜHNE, Confiserie (Bild 18 und 19)

Das Geschäft der von Emil Altmann und Ernst Kühne gegründeten Confiserie am Graben 30 wurde im Jahr 1932 von Josef Hoffmann und Oswald Haerdtl entworfen und ist weitgehend erhalten.

8.) TABAK-TRAFIK (Bild 20 und 21)

Das Portal der Trafik am Graben 31 mit dem mächtigen Tabakblatt stammt ebenfalls von Hans Hollein.

9.) L. HEINER, Konditorei (Bild 22 bis 24)

Im Salon der Konditorei Heiner in der Wollzeile 9 erzählt der Inhaber Paulus Stuller aus der Unternehmensgeschichte. Seit 1852 befindet sich hier das Stammhaus des Unternehmens, das bereits in sechster Generation als Familienbetrieb geführt wird. Ursprünglich wurden zwei Kellergeschosse verwendet, im ersten befand sich die Backstube, das zweite Geschoss diente zur Lagerung des Brennmaterials.

10.) J. & L. LOBMEYR (Bild 25 bis 27)

1823 gründete Josef Lobmeyr sen. das Unternehmen in der Wiener Weihburggasse und wurde k. u. k. Hoflieferant. Ludwig Lobmeyr wurde zum bedeutendsten Protagonisten der österreichisch-böhmischen Glasherstellung und präsentierte das Unternehmen auf den ersten Weltausstellungen. 1864 war er Mitgründer des heutigen Museums für angewandte Kunst Wien. Sein Neffe Stefan Rath sen. führte Lobmeyr in die Moderne und war 1912 Mitgründer des Österreichischen Werkbunds. Mit Josef Hoffmann und den Künstlern der Wiener Werkstätte entstehen Klassiker. Hans Harald Rath baute die österreichische Glaserzeugung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf.

1883 entwickelte Lobmeyr unter Mitarbeit von Thomas Alva Edison die ersten elektrischen Kristallluster für die Wiener Hofburg, 1963 entwarf Hans Harald Rath die Luster für die Metropolitan Opera in New York. Dazwischen entstanden viele unterschiedliche Lusterformen, auch heute zählt die Herstellung von Lustern zu den Kernbereichen von Lobmeyr.

11.) E. KÖCHERT, Juweliere (Bild 28 bis 31)

Seit 1873 befindet sich der 1814 gegründete Juwelier Köchert am Neuen Markt 15.  Den erhaltenen historischen Verkaufsraum gestaltete Theophil von Hansen im Jahr 1873. Er entwarf u.a. das Diadem „Byzantine“ und die „Schwanenparure“, mit denen das Haus Köchert im selben Jahr den ersten Preis der internationalen Jury bei der Weltausstellung in Wien gewann.

12.) WILHELM JUNGMANN & NEFFE, Stoffe (Bild 32 bis 36)

Seit 1881 befindet sich die Firma Wilhelm Jungmann und Neffe am Albertinaplatz 3. Wilhelm Jungmann und Wilhelm Dukes beauftragten den Otto Wagner-Schüler Otto Hieser ihr neues Geschäftslokal im Stil des Historismus zu entwerfen.

Die Deckenbemalung stammt von Franz Lefler, in der Mitte ist eine Allegorie auf den Seidenhandel, zu sehen. Die Holztische und Regale sind aus massiver Eiche im Stil der deutschen Renaissance. Heute ist Jungmann & Neffe eines der wenigen original erhaltenen Geschäftslokale der Gründerzeit.