Nachlese: Fachtagung „Dürerzeitliche Wandmalerei im Wiener Stephansdom“

eine an die Wand gemalte Frauenfigur
War Albrecht Dürer in Wien – welche Geheimnisse birgt die Wandmalerei des Bischofstores im Wiener Stephansdom?

Im Rahmen eines Konservierungs- und Forschungsprojektes ist es der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes in Zusammenarbeit mit der Dombauhütte St. Stephan gelungen, ein bislang kaum beachtetes monumentales Wandbild in der Vorhalle des Bischofstores vom jahrhundertealten Schmutzschleier zu befreien und dabei auch den kunsthistorischen Kontext zu erschließen.

Das gotische Bischofstor an der Nordseite des Wiener Stephansdoms stand in letzter Zeit im Fokus des wissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Interesses. Dabei lenkte das Bundesdenkmalamt die Aufmerksamkeit auch auf eine kaum bekannte und wenig beachtete Kostbarkeit in der Vorhalle des Bischofstors. Es handelt sich hierbei um eine großformatige Wandmalerei aus dem frühen 16. Jahrhundert, die einen an die Wand gemalten Flügelaltar darstellt. An den Altarflügeln sind die Heiligen Katharina und Margarethe wiedergegeben; reiche Ornamentik und Putti begleiten die gemalte Altarkomposition. Durch spätere Veränderungsprozesse ist vor allem die Unterzeichnung erhalten geblieben, die sich durch unglaublichen Detailreichtum auszeichnet. Die besondere künstlerische Qualität lässt auf einen großen Meister schließen, der hier eine „Zeichnung an der Wand“ hinterlassen hat.

Durch spätere Veränderungsprozesse ist vor allem die Unterzeichnung erhalten geblieben, die sich durch unglaublichen Detailreichtum auszeichnet. Die besondere künstlerische Qualität lässt auf einen großen Meister schließen, der hier eine „Zeichnung an der Wand“ hinterlassen hat. Für die Wissenschaft ergeben sich daraus Fragen nach der ursprünglichen Gesamtkomposition, der Ikonographie sowie der stilistischen Zuordnung und auch der konservierungswissenschaftlichen Erkundung.

Maßnahmen zur Erhaltung und Erschließung des Kunstwerks

Das Wandbild wurde in einem Konservierungs- und Forschungsprojekt der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes in Zusammenarbeit mit der Dombauhütte St. Stephan nunmehr materialwissenschaftlich untersucht, dokumentiert und einer Konservierung-Restaurierung unterzogen. Projektleiter im Bundesdenkmalamt war der Restaurierungswissenschaftler Markus Santner, die Zuständigkeit in St. Stephan lag bei Dombaumeister Wolfgang Zehetner.

Nach umfangreichen Arbeiten zur Voruntersuchung und Dokumentation des Zustandes der Wandmalerei wurde ein Konzept zur Konsolidierung und Reinigung der Wandmalerei entwickelt. Die fotografische Dokumentation schloss eine Vielzahl von Aufnahmemethoden ein, um das Wandbild im wahrsten Sinn des Wortes in allen seinen Details ausleuchten zu können. Kein Aufwand wurde gescheut, um auch unter die oberste Haut der Wandmalerei blicken zu können. Kleinste Proben wurden genommen, um die chemische Zusammensetzung der Farben und des darunterliegenden Verputzes sowie den Aufbau der Malerei zu analysieren.

Bei der Restaurierung des Wandbildes in der Vorhalle des Bischofstores im Stephansdom wurde der viele Jahrhunderte alte Schmutzschleier abgenommen und dadurch die Unterzeichnung deutlich sichtbar. Wegen des hohen künstlerischen Anspruchs verzichtete man auf weitergehende Eingriffe zur Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes.

Kunsthistorische Einordnung

Bereits der erste Eindruck nach der Reinigung bestätigte die herausragende Qualität der Unterzeichnung auf den beiden Seitenflügeln des dargestellten Altars. Nach dem eingehenden Studium des Bestandes beschloss das Bundesdenkmalamt, gemeinsam mit der Dombauhütte St. Stephan das Wandbild mit externen Expertinnen und Experten im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung am 15. November 2019 zu diskutieren und erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die diskutierten Ergebnisse der Forschungen sind spannend: So sieht etwa Erwin Pokorny, der als Dürer-Spezialist auch am Katalog zur aktuellen Dürer-Ausstellung der Albertina mitarbeitete, in der Unterzeichnung ein eigenhändiges Werk von Albrecht Dürer: „Die Frage ist nicht ob, sondern wann Dürer in Wien war. Die virtuose Pinselführung lässt eindeutig seine Handschrift erkennen.“

Der Kunsthistoriker Michael Rainer stellt fest: „In Joachim Sandrarts Biographie von Albrecht Dürer befiehlt Kaiser Maximilian I. dem Künstler, dass er 'ihm etwas Großes auf die Mauer abzeichnen soll'. Wir könnten nun den Ort dieser bislang als bloße Legende verkannten Anekdote gefunden haben.“

Christoph Bazil, Präsident des Bundesdenkmalamtes, dankt dem Dombaumeister Zehetner für die Zusammenarbeit und betont: „Mit der Hilfe des Bundesdenkmalamtes war es möglich, dieses außergewöhnliche Kunstwerk zu sichern und im Zuge der Tagung der Öffentlichkeit vorzustellen“.

Die Ergebnisse des Projekts und der Tagung werden in einem Band der „Österreichischen Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege“ (ÖZKD) vom Bundesdenkmalamt veröffentlicht werden.