Die Wahl haben

Archäologie
Zweiergespräch am Podium
Den Weg eines Bakteriums erforschen. Mit Hilfe von DNA-Analysen nachvollziehen, wie eine Seuche sich ausbreitet, wie Resistenzen entstehen, wie die Epidemie letztlich erlischt.

Das sind für die medizinische Wissenschaft hochrelevante Forschungen. Woher kommt das Material dazu? Aus der Ausgrabung eines mittelalterlichen Pestfriedhofes – nur eines der Beispiele, die Barney Sloane, Direktor des European Archaeological Council, beim Fachgespräch „Making Choices: Selection and Evaluation in Archaeological Heritage Management“ in der Kartause Mauerbach anführt. Es geht um die gesellschaftliche Bedeutung von Archäologie, um den Mehrwert, der durch die verhältnismässig geringen Kosten für archäologische Grabungen zu erzielen ist.

Referenten aus Dänemark, Deutschland, der Schweiz, der Tschechischen Republik und aus Österreich beschrieben die sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Auswahl schützenswerter archäologischer Fundstellen stattfindet; ob da etwa alle Ausgrabungen durch staatliche Stellen durchgeführt werden (Dänemark) oder jeder Kanton seine eigene Vorgangsweise findet (Schweiz), hat Einfluss auf die zu treffenden Entscheidungen.

Gerald Fuchs schließt ab mit einem Beispiel, das das in Wortsinn tonnenschwere Gewicht zeigt, das solche Entscheidungen haben können. Vor dem Bau eines neuen Stadtviertels in Graz wurde archäologisch dokumentiert, was in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges und knapp danach in den Boden kam: die Abfälle der im 10.000 m2 großen und in 50 Meter Tiefe liegenden Keller der Reininghaus-Brauerei untergebrachte Messerschmitt-Motorenproduktion der Steyr-Werke komplett mit Spuren der ihr geltenden Bombardements; Waffen, Munition, Militaria, Flugzeug- und Fahrzeugteile, Kochgeschirr, Bier-, Wein- und Whiskyflaschen, Kleidung, Filme, Gleise, Stahlträger, Erkennungsmarken, persönliche Gegenstände der Zwangsarbeiter. Und Tonnen an Abfall, Verfüllungsmaterial der Bombentrichter, 2400 Behälter von Luftfiltermaterial.

Was tut man damit? Schon die Lagerung ist kaum zu bezahlen, geschweige denn Konservierung und wissenschaftliche Bearbeitung. Der Eigentümer möchte so viel wie möglich entsorgen, aber auch die riesigen Massen korrodierten Stahls sind geschichtsträchtig – hier liegt alles, was man bräuchte, um herauszufinden, was genau passiert ist in diesen Bombennächten und in der geheimen Produktion. Was kann man wegwerfen, was sollte beforscht oder zumindest für künftige Generationen aufbewahrt werden, zum Beispiel, indem man es kontrolliert wieder vergräbt?

Bei der Fachtagung wird der Vorschlag gemacht, ein europäisches wissenschaftliches Framework zu Fragen des Umgangs mit den Relikten des Zweiten Weltkrieges ins Leben zu rufen. Es wäre ein wichtiges Resultat des Fachgesprächs, das auf jeden Fall Anfang 2020 publiziert werden wird.