Das Ende einer Odyssee: Ein Gemälde kehrt nach 147 Jahren in den Stephansdom (Wien) zurück.

Von der Transportrolle wird das Gemälde auf den mit einem Rückseitenschutz bzw. einer Textilbespannung versehenen Keilrahmen gezogen.
Man hätte es nicht gedacht: Im Wiener Stephansdom, der ja immerhin schon sehr reich ausgestattet ist, fand sich noch ein Platz für ein großartiges Barockgemälde, das mit seinen 30 Quadratmeter Fläche wahrlich als monumental zu bezeichnen ist. In der Tat ist es eine Heimkehr. Das Leinwandgemälde mit der Kreuzigungsdarstellung wurde 1653 von dem bekannten deutschen Barockmaler Joachim von Sandrart für den Stephansdom geschaffen und befand sich bis 1872 im Friedrichschor an der Südseite des Domes. Danach begann für das Gemälde eine Odyssee, die nun ihr glückliches Ende gefunden hat.

Dompfarrer Toni Faber fasst die anfänglichen Zweifel und die heutige Freude zusammen: „Jeden Tag betrete ich den Dom durch das Primtor unter dem Südturm. Wenn sich mir die Vierung eröffnet, fällt nun mein Blick auf das herrlich restaurierte barocke Kreuzigungsgemälde. Ich gebe zu, ich hatte Bedenken, ob es nicht in seinen gewaltigen Größendimensionen zu erdrückend wirkt. Aber durch die hervorragende Restaurierung wird das in strahlender Farbenpracht gehüllte Gemälde zu einer ansprechenden Einladung, auch für sich persönlich die Frucht des Erlösungsgeschehen am Kreuz zu erbitten.“

Es ist ein Gemälde mit barocker Überzeugungskraft. Die monumentale Komposition, die sich auf die Hauptfiguren konzentriert, eine überaus hohe malerische Qualität und die dramatische Lichtführung rücken die Kreuzigungsdarstellung besonders anschaulich in Szene. Dennoch ist das Schicksal des Gemäldes nach seiner Entfernung von 1872 vorerst nicht bekannt. Wir begegnen ihm erst wieder um 1940, als es in die Wiener Schwarzspanierkirche gelangte und dort als Hauptaltargemälde Verwendung fand. Nach einem Bombentreffer im Jahr 1944 wurde das Gemälde geborgen und im Schottenkloster in Wien zwischengelagert, bis es 1956 in die nach einem Kriegsschaden großteils neu errichtete Neulerchenfelder Kirche gelangte. Dort diente es bis April 2014 als Hochaltargemälde. Auf Grund der Umwidmung der Neulerchenfelder Kirche für die serbisch-orthodoxe Glaubensgemeinschaft stand das Gemälde aber unversehens wieder zur Disposition.

Das riesige Format und der schwierige Erhaltungszustand erlaubten keine einfachen Lösungen und das zukünftige Schicksal des Gemäldes löste viele Fragezeichen aus. Das war die Stunde der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes, die über ein spezielles Wissen im Umgang mit Großformaten verfügt. Der jahrzehntelange Schwerpunkt der Großformate in der Projektarbeit der Abteilung ist die Basis für die spezielle Erfahrung bei der Bearbeitung von Bildern mit außergewöhnlichen Dimensionen und komplexen Fragestellungen. Demgemäß bestehen auch die hierfür notwendigen räumlichen und apparativen Voraussetzungen in den Restaurierwerkstätten des Bundesdenkmalamtes im Arsenal.

Somit konnte das Sandrartgemälde, immerhin 750 mal 415 Zentimeter groß, unter Federführung des Bundesdenkmalamtes sachgerecht demontiert und bis zur Klärung eines neuen Aufstellungsorts übernommen werden. In einem ersten Schritt sollten dann in den Restaurierwerkstätten die konservatorisch-restauratorischen Erfordernisse geklärt und alle Optionen geprüft werden.

Der Erhaltungszustand des Gemäldes zeigte, dass die wiederholten Manipulationen und Interventionen in den Randzonen zu umfangreichen Schäden geführt haben Diesen begegnete man im Laufe der Geschichte (um 1940?) schließlich mit einer ganzflächigen Doublierung, also der Verklebung mit einer zweiten Stützleinwand an der Rückseite. Im Rahmen der Befunduntersuchung im Bundesdenkmalamt wurde eine detaillierte Kartierung erstellt, die den Erhaltungszustand des Gemäldes dokumentiert und die festgestellten Veränderungen und Schadensbilder aufzeigt. Auf Grundlage dieser gewonnenen Erkenntnisse wurden verschiedene Varianten von Restaurierkonzepten erarbeitet. Zur Ausführung gelangte eine Variante, die sowohl alle für den Erhalt und die Neuaufspannung des Gemäldes als notwendig erachteten Maßnahmen berücksichtigte, als auch den geringstmöglichen Eingriff in die überlieferte Substanz darstellte.

So gelang es, den bestehenden, schön gealterten Firnis an der Bildoberfläche und die damit in Verbindung stehenden Kittungen und Retuschen zu erhalten. Hingegen wurden die nur mehr gering anhaftende Doublierung sowie die mangelhaft ausgeführten Kittungen und Retuschen entlang der gesamten Bildränder abgenommen. Nach Abnahme der gealterten Leim- und Kleisterdoublierung wurden für die Wiederaufspannung entlang der Bildkanten Leinwandstreifen aufgebracht. Punktuelle Malschichtverluste wurden gekittet, retuschiert und in den bestehenden Firnis integriert. Zeitgleich konnte auch der großteils originale Keilrahmen in seiner Funktion als tragender und stabilisierender Teil des Gemäldes restauriert und soweit als notwendig wieder in Stand gesetzt werden.

Eine der größten Herausforderungen stand aber noch bevor: Die Anbringung des riesigen Gemäldes im nördlichen Querschiff des Doms hoch über dem Nordtor. Mit der Erfahrung des Bundesdenkmalamtes, einem eigens dafür errichteten Gerüst, Seilzügen und der Unterstützung durch das Dombausekretariat ist das Werk schließlich zu einem guten Abschluss gekommen.

Das Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, dass Restaurierung in der Denkmalpflege oftmals weit über geübte Atelierarbeit hinausgeht und mit der Unterstützung durch das Bundesdenkmalamt gut umgesetzt werden kann.