Kirche Hl. Martin in Sankt Michael im Lungau (Salzburg) restauriert

Salzburg
Turmfries
Kunsthistorisch Interessierten war die Filialkirche Hl. Martin im Weiler St. Martin im Lungau schon lange als besonderes Kleinod unter den Kirchen des Landes Salzburg bekannt: Das um 1400 entstandene große Fresko an der Nordfassade des Langhauses mit den Darstellungen von Aposteln und Heiligen und einem Kruzifix mit Maria und dem Apostel Johannes begründete eine überregionale Bekanntheit der Kirche, römische Fundstücke wiesen auf die lange Geschichte des Siedlungsplatzes hin.

Die in leichter Hanglage errichtete Filialkirche bildet mit dem Friedhof und der gotischen Friedhofskapelle ein Kirchhofensemble mit nur noch selten anzutreffender Authentizität. Die 2013 bis 2018 durchgeführte Gesamtrestaurierung brachte unter den Übermalungen, Verschmutzungen und auch Zerstörungen früherer Epochen kunsthistorische Schätze wieder zum Vorschein.

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Die Siedlung Sankt Martin hat sich seit dem Mittelalter um eine Kirchhofanlage an der Nordseite des Murtals östlich von St. Michael im Lungau entwickelt. Die dem Hl. Martin geweihte Kirche ist urkundlich erstmals 1179 belegt, die Siedlungsgeschichte des Ortes reicht aber erheblich weiter zurück, wie auch ein im Turm der Pfarrkirche eingemauerter römischer Reliefstein und weitere römische Funde unweit des Ortszentrums belegen. Das heutige Kirchengebäude ist über einem romanischen Kern errichtet. Geprägt wird seine äußere Erscheinung durch die gotische Ausbauphase Anfang des 15. Jahrhunderts. Das eindrucksvolle Fresko an der nördlichen Langhausfassade stammt ebenfalls aus dieser Epoche. Die barocke Ausstattung aus 1738 mit Kanzel, Seitenaltären und Hochaltar von Josef Andrä Eisl prägt heute das Kircheninnere.

Überdecktes freigelegt

Das Erscheinungsbild sowie Feuchtigkeitsprobleme aufgrund der Hanglage der Kirche veranlassten die Pfarre schließlich 2012, eine Gesamtrestaurierung in Angriff zu nehmen. Schon die Vorarbeiten zur Trockenlegung der Kirchenmauern brachten eine erstaunliche Zahl von Funden ans Tageslicht: Archäologische Grabungen stießen auf frühmittelalterliche Bestattungen und belegten mit den aufgefundenen Schmuckausstattungen eine Gräbernutzung am Friedhof seit Ende des 9. Jahrhunderts – deutlich früher als bislang angenommen. Eine umfangreiche Voruntersuchung zeigte, dass sich unter den großflächig mit Zementputzen überzogenen Fassaden große gotische und romanische Putzflächen und eine auffällige polychrome Fassadengestaltung erhalten hatten. Bei der Fassadenrestaurierung erfolgte eine Freilegung der gotischen Oberflächen und eine Wiederherstellung der spätmittelalterlichen Farbigkeit. Reste übertünchter Wandmalereien wurden entdeckt. Eine Christophorus-Darstellung an der Südwand des Langhauses war leider nur mehr in Teilbereichen erhalten, gibt aber schon in ihrer fragmentarischen Freilegung einen Eindruck davon, mit welch ausdrucksstarken Bildern die Kirchenfassade im späten Mittelalter ihre Besucher empfangen hat.

Verborgene Schätze aufgedeckt

Im Kircheninnenraum erfolgte die Rückkehr zur gotischen Farbigkeit mit kräftig ockerfarbenen Gewölberippen und Gliederungen in Rotocker. Eine große Überraschung fand sich im Chorraum: Sondierungen vor der Bearbeitung der Oberflächen zeigten, dass der gesamte Chorraum mit mehrfach übertünchten Fresken aus verschiedenen Jahrhunderten bedeckt war. Man entschloss sich, zumindest die Schmerzensmann–Darstellung an der nördlichen Chorwand freizulegen. Ein sehr gut erhaltenes Fresko aus dem 15. Jahrhundert trat dabei zutage: Um eine gemauerte – und später wieder verschlossene – Sakramentsnische war als Fresko ein Sakramentshaus mit einem Schmerzensmann, Maria und dem Apostel Johannes geschaffen worden. Die mit gotischen Stilelementen gestaltete Architekturdarstellung ist perspektivisch konzipiert und gibt der Darstellung dadurch eine räumliche Tiefe. Das Blut aus den Wunden des Schmerzensmannes rinnt in einen Kelch und tropft symbolträchtig weiter hinab zur Sakramentsnische. Das eindrucksvolle Fresko war nach seiner Freilegung in so gutem Erhaltungszustand, dass nur geringfügige Retuschen erforderlich waren. Die Restaurierung der Kirchhofanlage hat viel Überdecktes, Vergessenes aber auch Beschädigtes zum Vorschein gebracht und der Kirche wieder jene Ausdruckskraft verliehen, die sie einst hatte.

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