Der Auhof in Kremsmünster

Blick auf einen Teil des Wirtschaftstraktes im Innenhof.
Mit 110 Jahren ist der Auhof in Kremsmünster bei weitem nicht der älteste Vierkanter Oberösterreichs, wohl aber einer der interessantesten und am besten erhaltenen. Selbst ein 1906 datierter Saukobel lässt sich im Stall noch entdecken.

Die Anfänge der für die Region zwischen Steyr, Enns, Wels und Linz charakteristischen Hauslandschaft der Vierkanter reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück. Als Vorbilder dienten wohl Klöster, Schlösser und deren Meierhöfe. Während es im 17. und 18. Jahrhundert nur vereinzelte Bauernhäuser gab, die sich derart regelmäßig darstellten, bildete sich im 19. Jahrhundert die charakteristische Form der geschlossenen, viertraktigen, firstgleichen Hofanlage heraus, die sich durch Ebenmaß, klare Konturen und große Linienführung auszeichnet. Vor allem im Florianer Land und im Gebiet um Kremsmünster, wo die Bauern zu respektablem Wohlstand gelangt waren, entstanden ab 1840 die großen und stattlichen Vierkanthöfe, wie wir sie heute kennen.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts  wurde auch vermehrt unverputztes Ziegelmauerwerk mit weiß getünchten Faschen als gestalterisches Element eingesetzt, oft auch im Wechsel von roten Ziegelscharen mit Stein- und Grobmörtelschichten, was den Fassaden eine lebendige Gliederung verlieh. Im Gegensatz zum Dreiseithof oder dem alpinen Mittertennhaus hat der Vierkanter keine ausgeprägte Schauseite. Herrschaftlich inmitten der Landschaft thronend, präsentiert er sich von allen vier Seiten mit gleichartigen, mächtigen Fensterfronten und Toren.

Anders der 1906 - 1911 errichtete Auhof, der in vielerlei Hinsicht eine besondere Hofanlage darstellt. So besitzt der mächtige Vierkanter einen verputzten Wohnstock mit einer an feudalen und großbürgerlichen Vorbildern orientierten, repräsentativen Schaufassade. Die lang gestreckte, zweigeschossige Front des Wohntrakts wird durch einen dreiachsigen Mittelrisalit und zwei Seitenrisalite mit Doppelfenstern rhythmisch strukturiert. An den geschwungenen Giebelfeldern der Risalite befinden sich Inschriften und die Datierung 1911. Die Rieselputzfassade ist durch Gesimse, Fensterfaschen und Lisenen reich gegliedert, die großteils noch bauzeitlichen Holzkastenfenster mit ihren lanzettförmigen Schmiedeeisengittern geben der Fassade ihr charakteristisches Gepräge.

Vom verputzten Wohnstock unterscheiden sich die in Sichtziegelbauweise ausgeführten Wirtschaftstrakte. Auch sie werden durch Putzfaschen in grau und weiß, runde Putzmedaillons und dekorativ gemauerte Sturzfelder sorgfältig gegliedert.

Anders als viele Vierkanter, die durch Umbauten, Erweiterungen und Aufstockung älterer Hofanlagen entstanden, wurde der Auhof von Grunde auf neu errichtet. Geringe Reste des steingemauerten Vorgängerbaus sind nordwestlich des Hofgebäudes noch zu sehen und wurden im Zuge der aktuellen Sanierungsmaßnahmen auch gesichert. Eine besondere Bedeutung kommt dem Hof durch seinen heute kaum noch anzutreffenden, authentischen Erhaltungszustand sowohl in der Außen- als auch der Innenerscheinung zu. Viele Baudetails und Ausstattungstücke, von dem 1906 datierter Saukobel im Stalltrakt über Fenster, Türen, Tore und Holzgitter bis zu Kaminköpfen und Giebelzier, dokumentieren die besondere Qualität und den originalen Erhaltungszustand des Objekts.

Bei der 2015 fertiggestellten Außensanierung wurde daher besonderes Augenmerk auf die Bewahrung der überlieferten Erscheinung in allen Details und auch in der stimmungsvollen Alterswertigkeit gelegt. Im Zuge der mit besonderer Sorgfalt ausgeführten Fassadenrestaurierung wurden Schäden und Fehlstellen an den Putzgliederungen ausgebessert sowie störende Eingriffe, wie etwa nachträglich eingestemmte und verputzte Elektroleitungen im Sichtziegelmauerwerk, beseitigt und die originale Erscheinung wiederhergestellt. Die Tore, Gitter und Holzläden des Wirtschaftstraktes wurden bewusst nicht neu gestrichen, sondern in ihrer Patina mit den Resten eines ehemaligen Anstrichs belassen.

Eine besondere Herausforderung stellte die Restaurierung der putzsichtigen Fassade des Wohnstocks dar, die mit dem originalen, für die Zeit um 1900 typischen Material „Romanzement“ ausgebessert und in der Farbigkeit dem überlieferten Bestand angepasst werden konnte. Ein Großteil der bauzeitlichen Holzkastenfenster konnte erhalten und restauriert werden. Dort, wo die Schäden zu groß waren oder keine originalen Fenster erhalten waren, wurden diese rekonstruiert.

Der Auhof stellt durch seine Größe, die qualitätsvolle Gestaltung und die dekorative Ausstattung aus der Zeit der Jahrhundertwende ein in der Region sehr seltenes Beispiel eines reich und aufwändig gestalteten Vierkanthofes dar. Durch seinen authentischen Erhaltungszustand ist der Hof als Dokument der bäuerlichen Bau- und Wohnkultur in der Spätzeit der Monarchie von besonderem Stellenwert. Durch die gelungene Außenrestaurierung konnte diese Bedeutung noch weiter hervorgehoben werden.